Hertha-Kolumne

DDR‑Drama und Derby‑Sehnsucht – Unions Story berührt auch Hertha BSC

Elfmeter‑Thriller, magische Aufstiegsspiele und volle Stadien – die Berlin‑Historie von Union und Hertha ist voller Momente, die keiner vergisst.

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Unions Ivaylo Andonov liefert sich im Jahr 2000 mit Osnabrücks Matthias Rose im Relegations-Hinspiel ein hitziges Duell um den Zweitliga-Aufstieg.
Unions Ivaylo Andonov liefert sich im Jahr 2000 mit Osnabrücks Matthias Rose im Relegations-Hinspiel ein hitziges Duell um den Zweitliga-Aufstieg.imago

Es ist ein etwas mulmiges Gefühl, wenn der Pilot kurz vor dem Start eines Fluges per Bordmikrofon locker verkündet: „Ich fliege Sie jetzt nach Gorna Orjachowiza, wo immer das auch sein mag!“ So geschehen, als ich einst mit der Mannschaft des 1. FC Union Berlin zum Uefa-Cup-Spiel bei Litex Lowetsch nach Bulgarien unterwegs war. Der Flugplatz im Örtchen, dass der Pilot nicht kannte, war ein ehemaliger Militärflughafen, besaß nur eine holprige Rollbahn. Wir setzten mit der Boing äußerst hart auf, was für leichte Turbulenzen gesorgt hatte. Diese Episode fiel mir spontan ein, als ich an meine Zeit als Union-Reporter dachte, bevor ich mich nach dem Fall der Mauer intensiv der Hertha widmete und danach nur unregelmäßig mit Union zu tun hatte.

Im Jahr 2000 verlor der 1. FC Union das Elfmeter-Drama gegen den VfL Osnabrück und verpasste den Auftsieg in die Zweite Liga.
Im Jahr 2000 verlor der 1. FC Union das Elfmeter-Drama gegen den VfL Osnabrück und verpasste den Auftsieg in die Zweite Liga.imago

Als langjähriger Chronist von Hertha BSC aber gratuliere ich an dieser Stelle dem 1. FC Union herzlich zum 60. Geburtstag! Zwei Episoden von vielen, die ich einst mit Union erlebte, will ich noch erwähnen, die ich in ihrer Dramatik gut mit Spielen der Hertha Jahre später vergleichen kann. Noch heute freue ich mich, Augenzeuge eines der größten Spiele von Union gewesen zu sein. Am 28. Mai 1988 ging es am letzten Spieltag der DDR-Oberliga für die Köpenicker um alles. Sie mussten beim FC Karl-Marx-Stadt unter allen Umständen gewinnen, um noch das Wunder vom Klassenerhalt zu schaffen. Das Ende ist bekannt: nach einem 1:2-Rückstand gelang in der 90. Minute der Siegtreffer zum 3:2. Tausende Unioner fluteten den Rasen. Mein Kolumnen-Partner Andreas Baingo und ich durften die rauschende Siegesfeier im Mannschaftsbus auf der Rückfahrt nach Berlin hautnah miterleben. Undenkbar in der heutigen Zeit!

Unions unvergessene Spiele

Von der ungeheuren Emotionalität, ja, der Eruption der Gefühle, die ich damals erlebte, ist dieses Spiel für mich nur noch mit dem 2:0-Sieg der Hertha in der Zweiten Liga im April 1997 gegen den 1. FC Kaiserslautern zu vergleichen. Damals war das Olympiastadion nach 18 Jahren zum ersten Mal wieder bei einem Hertha-Auftritt mit 75.000 Zuschauern total ausverkauft. Es wurde ein magischer Abend, ein emotionaler Aufbruch in eine neue Ära in der nun ganz nahen Ersten Bundesliga.

Fußballgötter, auch nach 25 Jahren:  Frank Placzek, Andre Sirocks, Ulf-Volker Probst, Olaf Seier, Steffen Enge (v.l.) sicherten Union 1988 am letzten Spieltag der DDR-Oberliga durch ein 3:2 beim FC Karl-Marx-Stadt den Klassenerhalt.
Fußballgötter, auch nach 25 Jahren: Frank Placzek, Andre Sirocks, Ulf-Volker Probst, Olaf Seier, Steffen Enge (v.l.) sicherten Union 1988 am letzten Spieltag der DDR-Oberliga durch ein 3:2 beim FC Karl-Marx-Stadt den Klassenerhalt.Matthias Koch/imago

Zwei Elfmeter-Dramen haben sich für immer in meinem Gedächtnis eingebrannt. Mit Union erlebte ich eine tragische 8:9-Niederlage vom Elfmeterpunkt am 1. Juni 2000 beim VfL Osnabrück. Ein Sieg hätte den Aufstieg in die Zweite Bundesliga gebracht. Doch im Tollhaus „Bremer Brücke“ scheiterte Unions Steffen Menze im 9. Strafstoß am überragenden VfL-Keeper Uwe Brunn.

1. FC Union und Hertha BSC: Derby‑Hoffnung lebt weiter

Ein ähnliches Drama, aber mit glücklichem Ausgang für Hertha, verfolgte ich Ende Oktober 2003 im Rostocker Ostseestadion. Es ging in diesem DFB-Pokal-Duell beim FC Hansa auch um den Job von Hertha-Trainer Huub Stevens. Bei einer Niederlage wäre er entlassen worden. Hertha gewann 6:5 nach Elfmeterschießen. Nachdem Herthas Torwart-Held Gabor Kiraly den letzten Strafstoß gehalten hatte, explodierten die Gefühle. Spieler und Trainer haben in der Kabine jämmerlich geweint. So groß war der Druck.

Solche Erlebnisse aus Fußball-Berlin erzählt man gern an Stammtischen oder auch seinen Kindern. Und auch die bislang 13 Derbys zwischen Hertha und Union (acht in der Ersten, vier in der Zweiten Liga, eins im DFB-Pokal) haben viele dieser emotionalen Geschichten zu bieten. Jetzt ist die Sehnsucht nach dem großen Stadtduell wieder groß. An Union liegt es nicht, die Köpenicker haben sich in der Bundesliga etabliert. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in der Saison 2026/27 zum Erstliga-Derby kommt, ist nach Herthas 0:0 gegen Schalke zum Rückrunden-Auftakt nicht unbedingt größer geworden. Doch der starke Auftritt macht dennoch Mut. In den noch 16 ausstehenden Spielen kommt es garantiert noch zu einigen Dramen, von denen man lange erzählen kann.