Es ist ein etwas mulmiges Gefühl, wenn der Pilot kurz vor dem Start eines Fluges per Bordmikrofon locker verkündet: „Ich fliege Sie jetzt nach Gorna Orjachowiza, wo immer das auch sein mag!“ So geschehen, als ich einst mit der Mannschaft des 1. FC Union Berlin zum Uefa-Cup-Spiel bei Litex Lowetsch nach Bulgarien unterwegs war. Der Flugplatz im Örtchen, dass der Pilot nicht kannte, war ein ehemaliger Militärflughafen, besaß nur eine holprige Rollbahn. Wir setzten mit der Boing äußerst hart auf, was für leichte Turbulenzen gesorgt hatte. Diese Episode fiel mir spontan ein, als ich an meine Zeit als Union-Reporter dachte, bevor ich mich nach dem Fall der Mauer intensiv der Hertha widmete und danach nur unregelmäßig mit Union zu tun hatte.

Als langjähriger Chronist von Hertha BSC aber gratuliere ich an dieser Stelle dem 1. FC Union herzlich zum 60. Geburtstag! Zwei Episoden von vielen, die ich einst mit Union erlebte, will ich noch erwähnen, die ich in ihrer Dramatik gut mit Spielen der Hertha Jahre später vergleichen kann. Noch heute freue ich mich, Augenzeuge eines der größten Spiele von Union gewesen zu sein. Am 28. Mai 1988 ging es am letzten Spieltag der DDR-Oberliga für die Köpenicker um alles. Sie mussten beim FC Karl-Marx-Stadt unter allen Umständen gewinnen, um noch das Wunder vom Klassenerhalt zu schaffen. Das Ende ist bekannt: nach einem 1:2-Rückstand gelang in der 90. Minute der Siegtreffer zum 3:2. Tausende Unioner fluteten den Rasen. Mein Kolumnen-Partner Andreas Baingo und ich durften die rauschende Siegesfeier im Mannschaftsbus auf der Rückfahrt nach Berlin hautnah miterleben. Undenkbar in der heutigen Zeit!
Unions unvergessene Spiele
Von der ungeheuren Emotionalität, ja, der Eruption der Gefühle, die ich damals erlebte, ist dieses Spiel für mich nur noch mit dem 2:0-Sieg der Hertha in der Zweiten Liga im April 1997 gegen den 1. FC Kaiserslautern zu vergleichen. Damals war das Olympiastadion nach 18 Jahren zum ersten Mal wieder bei einem Hertha-Auftritt mit 75.000 Zuschauern total ausverkauft. Es wurde ein magischer Abend, ein emotionaler Aufbruch in eine neue Ära in der nun ganz nahen Ersten Bundesliga.

Zwei Elfmeter-Dramen haben sich für immer in meinem Gedächtnis eingebrannt. Mit Union erlebte ich eine tragische 8:9-Niederlage vom Elfmeterpunkt am 1. Juni 2000 beim VfL Osnabrück. Ein Sieg hätte den Aufstieg in die Zweite Bundesliga gebracht. Doch im Tollhaus „Bremer Brücke“ scheiterte Unions Steffen Menze im 9. Strafstoß am überragenden VfL-Keeper Uwe Brunn.
1. FC Union und Hertha BSC: Derby‑Hoffnung lebt weiter
Ein ähnliches Drama, aber mit glücklichem Ausgang für Hertha, verfolgte ich Ende Oktober 2003 im Rostocker Ostseestadion. Es ging in diesem DFB-Pokal-Duell beim FC Hansa auch um den Job von Hertha-Trainer Huub Stevens. Bei einer Niederlage wäre er entlassen worden. Hertha gewann 6:5 nach Elfmeterschießen. Nachdem Herthas Torwart-Held Gabor Kiraly den letzten Strafstoß gehalten hatte, explodierten die Gefühle. Spieler und Trainer haben in der Kabine jämmerlich geweint. So groß war der Druck.


