Berlinerin berichtet

Warum viele junge Frauen dem Osten den Rücken kehren

Theresia Crone (23) berichtet über ihr Leben als junge Frau aus Ostdeutschland.

Author - Stefan Doerr
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Theresia Crone ist Jurastudentin und Aktivistin aus Schwerin.
Theresia Crone ist Jurastudentin und Aktivistin aus Schwerin.Elisa Schu/dpa

Am 8. März ist internationaler Frauentag. Und wo man als Frau in Deutschland lebt, macht oft noch den Unterschied. Wie lebt es sich als Frau in einem ostdeutschen Bundesland? Wo liegen sie im Vergleich zum Westen vorn und wo nicht? Ein Überblick anlässlich des internationalen Frauentags am 8. März.

Viele Frauen wandern vom Osten ab

Wie ist es, als junge Frau in Ostdeutschland aufzuwachsen? Theresia Crone denkt kurz nach. „Ich hatte oft das Gefühl, dass ich doppelt und dreifach beweisen muss, dass ich einen Platz am Tisch verdient habe“, sagt die Schwerinerin. Schon ihre Mutter habe immer viel gearbeitet und Verantwortung übernommen, sagt Crone. Das sei selbstverständlich gewesen.

Die 23-Jährige ist in der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns aufgewachsen. Heute lebt sie in Berlin, engagiert sich als Aktivistin für Klimaschutz und für Menschen mit der chronischen Erkrankung Endometriose.

Theresia Crone engagiert sich unter anderem für Klimaschutz.
Theresia Crone engagiert sich unter anderem für Klimaschutz.Elisa Schu/dpa

Ihr Weg ist kein Einzelfall. Viele junge Frauen verlassen den Osten. Doch wie lebt es sich eigentlich als Frau in Ostdeutschland? Ein zentraler Punkt im Vergleich zum Westen: das Geld! Das Lohnniveau im Osten ist nach wie vor deutlich niedriger als im Westen, sagt die Soziologin Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Ähnliches gelte für die Renten. Gleichzeitig ist die Lücke zwischen Frauen und Männern kleiner.

Im vergangenen Jahr lag die erweiterte Verdienstungleichheit (Gender Gap Arbeitsmarkt) mit 22 Prozent deutlich unter der im Westen (39 Prozent), wie aus Zahlen des Statistischen Bundesamts von Februar hervorgeht. Dabei werde neben dem Gender Pay Gap auch die Teilzeit- und Erwerbsquote berücksichtigt.

Ein Grund für die kleinere Lücke: Frauen im Osten arbeiten häufiger Vollzeit. Nach Angaben des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung sind es etwa sechs von zehn Frauen. Im Westen ist es nur etwa jede zweite.

Frauen arbeiteten schon zu DDR-Zeiten meist Vollzeit.
Frauen arbeiteten schon zu DDR-Zeiten meist Vollzeit.dpa

Das hat historische Gründe. Schon in der DDR war Vollzeitarbeit für Frauen üblich, sagt Allmendinger. Steuerliche Anreize, weniger zu arbeiten – etwa durch das Ehegattensplitting – gab es dort nicht. „Das hat sich auf die Kinder und Enkelkinder übertragen.“

Theresia Crone findet jedoch, dass man genauer hinschauen muss. „Wie geht es diesen Frauen? Sind sie gesund? Sind sie glücklich? Sind sie finanziell abgesichert?“ Ein Vollzeitjob könne auch Überlastung bedeuten – vor allem, wenn zusätzlich Familie und Care-Arbeit gestemmt werden müssen. Außerdem spiele der Unterschied zwischen Stadt und Land eine große Rolle.

Frauen leiten im Osten öfter Unternehmen

In einem Punkt liegt der Osten allerdings vorn: Frauen führen häufiger Unternehmen. Laut WSI liegt ihr Anteil in den obersten Führungsebenen privatwirtschaftlicher Betriebe bei rund 32 Prozent. Im Westen sind es etwa 27 Prozent.

Auch die Kinderbetreuung ist anders organisiert. „Wenn ostdeutsche Frauen Mütter werden, dann scheuen sie sich seltener, ihre Kinder in die Kita zu geben“, sagt Allmendinger. Die Betreuungsquote bei unter Dreijährigen liegt vielerorts bei über 60 Prozent – im Westen dagegen häufig nur bei rund 20 Prozent. „Das hat natürlich etwas damit zu tun, dass Kitas im Osten schon länger existieren und es nach wie vor eine höhere Dichte gibt.“

Trotzdem zieht es viele junge Frauen weg. Vor allem gut ausgebildete verlassen ihre Heimat Richtung Westen, sagt Allmendinger. In manchen ländlichen Regionen hat das Folgen: Dort kommen laut Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung bei den 18- bis 30-Jährigen teilweise weniger als 70 Frauen auf 100 Männer.

Auch Theresia Crone lebt inzwischen nicht mehr in Schwerin. Gründe dafür gebe es mehrere – unter anderem ihr politisches Engagement. Gerade in ostdeutschen Bundesländern brauche es Menschen, die sich für demokratische Strukturen einsetzen. Gleichzeitig stelle sich für sie die Frage nach dem Preis. Sie selbst fühle sich nicht immer sicher.

Junge, gut ausgebildete Frauen wandern vom Osten in den Westen ab, beobachtet Soziologin Jutta Allmendinger.
Junge, gut ausgebildete Frauen wandern vom Osten in den Westen ab, beobachtet Soziologin Jutta Allmendinger.Michael Matthey/dpa

Trotzdem blickt sie auch positiv auf ihre Jugend zurück. Als Teenager habe sie viel ausprobieren können, erzählt sie. Sie gründete mehrere Vereine – Freiräume, die sie so im Westen nicht unbedingt gesehen hätte, wo Strukturen oft schon stärker festgelegt seien.

Und noch etwas ist ihr wichtig: die Debatte über Ostdeutschland selbst. „Ich glaube, es ist wahnsinnig wichtig, dass wir auch über ostdeutsche Biografien reden“, sagt Crone. „Gleichzeitig halte ich das vorherrschende Narrativ für kontraproduktiv.“

Wenn immer nur von benachteiligten „Ossis“ und den „Besser-Wessis“ gesprochen werde, lande der Osten schnell in einer Opferrolle. Das mache ihn scheinbar handlungsunfähig. Viele Menschen im Westen wüssten ohnehin wenig über die Lebensrealität im Osten. Crone versucht deshalb, Gespräche anzustoßen. Mit einer einfachen Strategie. „Ich bezeichne mich vor allem in der Gegenwart von Wessis als Ossi“, sagt sie. So komme man ins Gespräch.

Wie ist Ihre Meinung dazu? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com