Mega-Konzert

Alle reden über die Rockerrente – doch dann liefern die Toten Hosen diese Mega-Show ab

69.000 Fans feiern die Toten Hosen im Berliner Olympiastadion. Trotz Abschiedstour beweisen Campino & Co.: An eine Rockerrente sollten sie noch nicht denken.

Author - Stefan Henseke
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Knapp zweieinhalb Stunden volle Power im Olympiastadion: Bassist Andi und Sänger Campino
Knapp zweieinhalb Stunden volle Power im Olympiastadion: Bassist Andi und Sänger CampinoBastian Bochinski

Campino wurde gerade 64 Jahre ist. Kuddel und Breiti sind 62, Andi wird in zwölf Tagen 64, Vom Ritchie im August 62. Die Toten Hosen gehören zur Generation „Rente mit 63“. Die Regelung steht zwar in Deutschland kurz davor, gekippt zu werden, doch die Hosen steuern ernsthaft auf das Schlupfloch Ruhestand zu. Die Punkrocker sind, wie sie angekündigt haben, auf Abschiedstour, das gerade erschienene „Trink aus, wir müssen gehen!“ soll das letzte Studioalbum sein. Doch wenn das Konzert im Berliner Olympiastadion am Samstag eines zeigte, dann das: Die Toten Hosen sind noch nicht reif für die Rockerrente ...

Die Toten Hosen im Olympiastadion: zum 65. Mal in Berlin

65 Mal hätten die Toten Hosen in ihrer Karriere live in Berlin gespielt, erzählt Campino auf der Bühne im Olympiastadion, er erinnert an das erste Konzert. Vor 44 Jahren im SO36. Die Zeiten haben sich geändert. Damals ein paar Hundert Zuschauer, heute kommen 69.000 Fans, wenn die Hosen in der Stadt sind.

Und Campino, Kuddel, Breiti, Andi und Vom Ritchie können es noch. Das Publikum anzünden. Nach den Vorbands The Stranglers und den Beatsteaks braucht es um 20 Uhr nur ein paar Takte „Opel Gang“, um Zehntausende im Olympiastadion in Bewegung zu bringen.

Als Song 2 folgt „Die Show muss weitergehen“ – und die Fans denken, ja, die Show muss weitergehen. Punkrock war einst angetreten, um die Alten hinwegzufegen. Jetzt sind die Punkrocker selber alt – doch abgeschlafft sind Campino & Co. nicht.

33 Songs in die knapp zweieinhalb Stunden. Einmal durch die ganze Karriere. Von „Altes Fieber“ bis „Hier kommt Alex“, von „Paradies“ bis „Wünsch Dir was“. Knapp zweieinhalb Stunden volle Pulle.

Die ganze Breite der Riesenbühne mit mehreren Mega-Leinwänden ist ein großer Campino-Spielplatz. Immer wieder der Sprint von rechts nach links, von links nach rechts. Nur auf den eingesprungenen Spagat am Mikrofon verzichtet der Sänger heutzutage.

Ein Abschied für immer? Nach 33 Songs verabschieden sich die Toten Hosen von den 69.000 Fans im Olympiastadion.
Ein Abschied für immer? Nach 33 Songs verabschieden sich die Toten Hosen von den 69.000 Fans im Olympiastadion.Bastian Bochinski

Campino kokettiert während der Show immer wieder mit dem Alter. Das Lied „Helden und Diebe“ kündigt er mit dem Satz an: „Den Song haben wir vor 27 Jahren geschrieben, weil wir uns damals schon scheißealt fühlten“. Zu „Du lebst nur einmal“ tanzen mit Blumen geschmückte Skelette über die Leinwände.

Was die 69.000 Fans da auf der Bühne sehen, sind aber keine keine Typen kurz vor der Rockerrente, die nicht mehr können, die keinen Bock mehr haben.

Campino: Morgens 85, abends auf der Bühne „Halbstark“

Campino erzählt selbst von der Wunderwirkung von Konzerten wie dem im Olympiastadion. „Du wachst morgens auf und fühlst dich wie 85, die Knochen quietschen“, sagt der 64-Jährige. Mittags werde dann schon 65 draus und abends auf der Bühne, fühle man sich „Halbstark“ – einer von zehn Zugabesongs. Die Hosen hüpfen dazu auf der Bühne wie Zehntausende im weiten Rund.

„Ist schon ein geiles Stadion“, sagt Campino. Ein Rund, in dem die Hosen nicht zum ersten Mal rocken. Fans erinnern sich noch an zwei verrückte Wochen im Juni 1993. Damals spielten die Hosen erst undercover als Katastrophenkommando im Punkrock-Keller K.O.B., zwei Tage später vor Häftlingen in der Jugendstrafanstalt Plötzensee, ehe sie kurz darauf  als Vorband von U2 die Atmosphäre im Olympiastadion antesteten.

Aus den Punkrockern von einst ist eine formidable Stadionband geworden: Die Toten Hosen boten im Olympiastadion eine großartige Show.
Aus den Punkrockern von einst ist eine formidable Stadionband geworden: Die Toten Hosen boten im Olympiastadion eine großartige Show.Bastian Bochinski

Mit Berlin verbindet den Düsseldorfer Campino schon immer eine ganz besondere Beziehung. „Meine Eltern liegen in Berlin begraben, mein Sohn wurde hier geboren“, erzählt der Sänger auf der Bühne. Und fügt hinzu: „Schön, ihn in Reihe 12 rumspringen zu sehen“.

Campino & Farin Urlaub: Zwei Superstars vereint im Olympiastadion

In den Zugaben passiert dann das, worauf viele Fans im weiten Rund hofften. Besondere Konzerte verlangen nach besonderen Gästen. Gerade in Berlin. Zusammen mit Sven Regener von Element of Crime singt Campino deren Hit „Immer nur geliebt“.

Und in Zugabeblock 2 schleicht sich im Dunklen der Sänger der anderen deutschen Punkrock-Superstars auf die Bühne. Farin Urlaub von den Ärzten. Der Song „Hier sind die Hosen“ erlebt seine Live-Premiere, natürlich mit Farin am Mikro – wie schon auf dem aktuellen Hosen-Album „Trink aus, wir müssen gehen!“

Ein Treffen der Rockgiganten: Farin Urlaub und Campino im Liverpool-Shirt spielten im Olympiastadion gemeinsam den Ärzte-Hit „Schrei nach Liebe“.
Ein Treffen der Rockgiganten: Farin Urlaub und Campino im Liverpool-Shirt spielten im Olympiastadion gemeinsam den Ärzte-Hit „Schrei nach Liebe“.Bastian Bochinski

Und diese Zugaben zeigen auch, wohin die Reise von den Toten Hosen gehen sollte. Sven Regener ist 65 Jahre alt. Element of Crime plant gerade eine Tour. Farin Urlaub ist 62 Jahre alt. Die Ärzte gehen 2027 auf Tour, ein neues Album wird erwartet ...