Sieht einer unsicheren Zukunft entgegen: Thorsten Willenbrock, Inhaber des Buchladens Kisch & Co in der Kreuzberger Oranienstraße. Foto: Thomas Uhlemann/TP

Der von Räumung bedrohte Kreuzberger Buchladen Kisch & Co bekommt Unterstützung aus der Berliner Landesregierung. Vor der Verhandlung über die von dem Vermieter angestrengte Räumungsklage, machen sich Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) für einen Verbleib des beliebten Buchladens in der Oranienstraße 25 stark. Eigentümer des Hauses ist die in Luxemburg ansässige Victoria Immo Properties V S.àr.l. In einem Brief an die Gesellschafter schreiben die beiden Senatoren, dass sie diese „um eine lösungsorientierte Intervention“ in dem Fall ersuchen.

Das gewerblich genutzte Haus in der Oranienstraße 25 war im Jahr 2019 von einer Gesellschaft des Unternehmers Nicolas Berggruen an die Victoria Immo Properties V S.à r.l. verkauft worden. Für 35,5 Millionen Euro. Der Mietvertrag des Buchladens lief bis Ende Mai 2020. Zwar bot der neue Vermieter an, die Miete für den 140 Quadratmeter großen Laden von 2800 auf 2450 Euro monatlich zu reduzieren und vom 1. Juli bis 21. Juli ganz auf Zahlungen zu verzichten. Zugleich sollten sich die Betreiber des Buchladens aber verpflichten, die Geschäftsräume zum 31. Dezember 2020 zu verlassen. Darauf ließen sich diese nicht ein – weil es das sichere Aus der Buchhandlung zum 31. Dezember 2020 bedeutet hätte. Die Eigentümer reichten noch im vergangenen Jahr eine Räumungsklage ein. Am 5. Februar sollte eigentlich darüber verhandelt werden. Wie der Betreiber des Buchladens, Thorsten Willenbrock, jetzt mitteilte, wurde der Termin aber kurzfristig auf den 9. April verschoben. Als Grund wurde vom Landgericht die „Pandemielage“ und ein „großes Öffentlichkeitsinteresse“ angeführt.

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„Sollte der Klage stattgegeben werden, steht die Buchhandlung Kisch & Co vor dem Aus“, schreiben Lederer und Behrendt in ihrem Brief an die wirtschaftlichen Eigentümer der Victoria Immo. Zugleich fordern sie die Gesellschafter auf, ihren Einfluss geltend zu machen, „damit von der Räumungsklage abgesehen wird und stattdessen ein Mietvertrag mit für Kisch & Co. tragbaren Konditionen angeboten wird“, wie aus dem Brief hervorgeht. „Der Buchladen prägt seit 24 Jahren die Oranienstraße und trägt mit seiner festen Laufkundschaft und mit Kulturveranstaltungen zur Stabilität und Attraktivität des gesamten Stadtteils bei“, schreiben Behrendt und Lederer. Leider werde „die Kreuzberger Mischung systematisch durch explodierende Gewerbemieten erodiert“. Die Eigentümer von Gewerbeimmobilien schätzten zwar „die kulturelle und soziale Vielfalt von Stadtquartieren wie der Kreuzberger Oranienstraße“. Doch liege es „gerade auch in ihrer Verantwortung, diese Vielfalt weiterhin durch Mieten zu ermöglichen, die das ortsansässige Kleingewerbe tatsächlich bezahlen“ könne, so die Politiker. Der Brief endet mit dem Satz: „Zu einem Gespräch sind wir jederzeit gerne bereit.“

Das Haus Oranienstraße 25 ist ein wichtiger Kulturstandort im Kiez. Neben dem Buchladen Kisch & Co haben die Neue Gesellschaft für bildende Kunst, das Werkbundarchiv – Museum der Dinge, ein Architekturbüro und ein Yogastudio dort Flächen gemietet. In einer gemeinsamen Erklärung im Sommer vergangenen Jahres schrieben sie, sie seien „von Entmietung bedroht“. Den Architekten war da gerade eine vorzeitige Vertragsverlängerung für eine Mietsteigerung von 13 Euro auf 38 Euro je Quadratmeter kalt angeboten worden – „völlig inakzeptabel“ aus Sicht der Architekten. Seitdem gilt das Haus als ein Beispiel für drohende Verdrängung.

Unterstützer der Buchhandlung haben unterdessen auf der Plattform change.org eine Online-Petition zugunsten des Buchladens gestartet. Überschrift: „Die Kiezbuchhandlung gegen die Milliardäre“. Hintergrund: Unterlagen weisen zwar mehrere wirtschaftlich Berechtigte für den Vermieter aus, an die sich Lederer und Behrendt nun gewandt haben, doch werden als eigentliche Eigentümer Angehörige einer Milliardärsfamilie gehandelt. Ziel ist, bis zur Verhandlung über die Räumungsklage 5000 Unterschriften zu sammeln. Mehr als 4600 waren es am Donnerstagmittag.