Kristina Merkel und Rainer Genss

Sie machten Erotiktanz in der DDR salonfähig

Kristina Merkel und Rainer Genss lernten sich einst am Friedrichstadt-Palast kennen und wurden zu „Tanz‑Exoten“. Von ihrer Show war sogar die Politik angetan.

Author - Sebastian Krause
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Rainer Genss und Kristina Merkel sorgten mit ihren Auftritten im Friedrichstadt-Palast dafür, dass der Erotiktanz in der DDR salonfähig wurde.
Rainer Genss und Kristina Merkel sorgten mit ihren Auftritten im Friedrichstadt-Palast dafür, dass der Erotiktanz in der DDR salonfähig wurde.Rainer Genss/Facebook

Mehr als 300.000 Besucher in vier Monaten. Mit „Blinded by Delight“ feiert der Friedrichstadt-Palast gerade große Erfolge – mit Sinnlichkeit und Stil.

Ästhetik und Anspruch schon vor Jahrzehnten

Genau mit diesem Konzept aus Reiz, Ästhetik und Anspruch haben Kristina Merkel (71) und Rainer Genss (72) schon vor Jahrzehnten gearbeitet. Das Tanzpaar erfand in der DDR, was heute wie selbstverständlich wirkt, sinnlichen Hüllenlos‑Tanz.

Junge Ballerina fällt in die Arme ihres Partners

Der Anfang war filmreif: 1973 sollte die junge Ballerina beim Vortanzen am Palast eine enge Wendeltreppe „elegant“ hinabsteigen. Doch ein Fehltritt sorgte dafür, dass sie direkt in die Arme von Rainer Genss landete.

„Das war wohl Schicksal!“, sagte er im Gespräch mit der Super-Illu. Aus dem Lapsus wurde Liebe. Vier Jahre später gründeten beide, längst Ensemblemitglieder des Hauses, ihr eigenes Duo. Sie wollten mehr, wollten neue Wege gehen.

In der DDR war Nacktheit kein Problem

Zunächst traten sie aber „ganz normal“ gekleidet auf, wie Genss erzählte. Dann kam der entscheidende Impuls. „Irgendwann aber stieß ich in einem Programmheft aus Paris auf das Foto einer barbusigen Tänzerin und wusste: Damit können wir bei uns im Land etwas ganz Neues kreieren!“, sagte er.  

Kristina Merkel musste er nicht lange überzeugen. „Ich hatte noch nie ein Problem mit Nacktheit – wie die wenigsten in der DDR. Allein schon wegen unser aller FKK-Sozialisierung“, sagte sie der Super-Illu.

Erich Honecker ist vom Tanz angetan

Entscheidend aber war bei beiden etwas anderes. Sie wollten keinen Voyeurismus, keine Fleischbeschau. Ihre Körper sollten Instrument sein, nicht Objekt. Ihre Linien, Hebungen, Drehungen erzählten von Kraft, Leichtigkeit und Vertrauen. „Mein Mann war total stolz auf mich“, sagte Merkel.

Die Idee zündete. 1984, zur feierlichen Wiedereröffnung des Friedrichstadt-Palastes, tanzten sie ihren Stil. Im Publikum saß Erich Honecker. „Er war so begeistert, dass er uns bei einer Gesellschaft von Staatsmännern in der Schorfheide auftreten ließ“, erinnerte sich Genss. Es folgten Auslandsreisen, von Westdeutschland bis Australien. Die DDR exportierte plötzlich Körperkunst, die weit mehr war als ein nackter Effekt.

Solotanzpaar Kristina Merkel und Rainer Genss bei einem Auftritt im Friedrichstadt-Palast.
Solotanzpaar Kristina Merkel und Rainer Genss bei einem Auftritt im Friedrichstadt-Palast.Gueffroy/imago

„Tanz-Exoten aus der DDR“ funktionieren nicht mehr

Dann der Bruch. 1989 lockte eine Japan‑Tour. Doch Merkel und Genss kündigten. Kurz darauf fiel die Mauer. Was zuvor als „Tanz‑Exoten aus der DDR“ (Genss) funktionierte, verlor seinen Reiz. „Nachdem der Chef einer Bar in Stuttgart zu mir sagte, ich solle mich nach unserer Show zu ,den Damen am Tresen‘ setzen, war für mich Schluss“, erklärte Merkel.

Damit war auch für Genss Schluss. Beide suchten sich neue Jobs. Merkel arbeitete unter anderem als Kinderballett-Lehrerin, Genss als Verkäufer im KaDeWe. Und auch wenn sie ihren Traum damals nicht weiterleben konnten, tragen sie doch viele Erinnerungen in ihren Herzen – und lösten in der DDR eine kleine prickelnde Kulturrevolution aus.

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