Das Warten mit vielen anderen Menschen in einer Schlange - das haben viele Berliner in diesem Jahr wohl deutlich häufiger erlebt und durchgestanden als in den Vorjahren. Foto: dpa/Britta Pedersen

Vergangene Woche vor dem Einkaufszentrum meines Vertrauens: Als ich das Fahrrad abstelle, habe ich das Gefühl, hier sind heute deutlich mehr Menschen unterwegs, als an den Vortagen. Erstaunlich, ich hatte vermutet, es gebe eine Verunsicherung wegen der neuen Berliner Corona-Regeln. Doch ich sehe das Gegenteil: Ein reges Kommen, die Drehtür kann sich nicht eine Minute ausruhen. In den Geschäften jedoch kann ich die Kunden an einer Hand abzählen.  

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Plötzlich wird mir klar, wo alle hinstreben. Eine lange Menschenschlange windet sich durch das Haus, wohl die zum PCR-Test vermute ich einen Moment lang. Doch den wollen gerade nur wenige, die vielen anderen wünschen eine Impfung.

Impfung ohne Termin: Bisher gab es hier keine Warteschlangen 

Ich spreche eine Frau an, die etwa in der Mitte der Wartenden ausharrt, sie stöhnt und sagt, sie stehe schon zwei Stunden an. Wir kommen ins Gespräch: Nein, sie wolle keine Booster-Impfung, es sei für sie das erste Mal, erzählt sie freimütig. Als es aus mir rausplatzt, warum jetzt erst, ist die Unterhaltung leider passé. Schon klar, das geht mich wirklich nichts an.    

Aber erstaunlich finde ich den heutigen Andrang schon,  das Angebot gibt es hier schon seit Wochen,  Schlangen waren bisher nicht auszumachen. Ob die Menschen sich nun zum Impfen entschlossen haben, weil sie lieber 2G sein wollen als ausgeschlossen, Sorge wegen einer Corona-Infektion haben oder aber sich moralischen Appellen fügen, darüber will ich nicht spekulieren.  

Ein bisschen noch bedauere ich jene, die sich hier wahrscheinlich noch Stunden die Beine in den Bauch stehen, bin aber froh über ihren Entschluss.  Zugleich erinnere ich mich der vielen Warteschlangen, in denen Berliner in diesem Jahr schon Geduld beweisen mussten. Da wäre neben Impfzentrum und Teststation natürlich das Bürgeramt.  Eine Erwähnung in diesem Zusammenhang verdient auch der Start der Oktoberferien auf dem Hauptstadtflughafen BER.  Und natürlich das teils Stunden währende Ausharren im September vor den Wahllokalen, das Berlin Schlagzeilen weltweit bescherte.   

Damit könnte das zweite Jahr der Corona-Pandemie mit dem zusätzlichen Titel „Jahr der Warteschlangen“ in die Annalen der Geschichte eingehen. So mancher fühlte sich gar an DDR-Zeiten erinnert. Was bildeten sich für  „sozialistische Wartegemeinschaften“, wenn es Pfirsiche im Obstladen, Ketchup in der Kaufhalle oder Markenjeans im Exquisit gab. Aber auch die Tage nach dem Mauerfall, als den DDR-Bürgern im Westen Begrüßungsgeld geschenkt wurde, dürften - warteschlangenmäßig gesehen - zu den rekordverdächtigen gehören. 

Doch dieser Tage gab es auch Fotos von einer sehr bestürzenden Warteschlange:  Krankenwagen stehen vor einer Klinik im bayerischen Rottal-Inn an. 23 Patienten mussten innerhalb eines Tages in andere Krankenhäuser verlegt werden - wegen Überlastung durch Covid-19, heißt es auf Instagram.

Beim Blick auf diese Bilder freue ich mich noch mehr über die lange Warteschlange zum Impfen in meinem Einkaufszentrum. 

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com