Am Totensonntag besuchen viele Berliner und Brandenburger ihre verstorbenen Lieben auf dem Friedhof. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Berliner sind die unglücklichsten Menschen in der ganzen Republik. Das hat gerade eine Studie, die die Deutsche Post in Auftrag gegeben hat, herausgefunden, wie der KURIER berichtete. Dass wir liebend gern meckernden  Berliner es nicht so haben mit den positiven Gefühlen, erstaunt mich nicht. Viel eher wundere ich mich darüber, dass die Umfrage von der Post kommt. Eventuell unter dem heimlichen Motto: „Glückssache,  noch eine Postfiliale zu finden?“ 

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Doch diese Post-Studie, „Glücksatlas“ genannt, gibt es schon seit Jahren. Die Untersuchung über die Zufriedenheit mit dem Leben wird meist Mitte November veröffentlicht – zu einer Zeit, die eh zu den bedrückendsten des Jahres zählt, nahe der Woche zwischen Volkstrauertag und Totensonntag. Da haben sowieso viele Menschen trübe Gedanken, sind traurig, niedergeschlagen oder untröstlich, erinnern sich an die deutsche Geschichte, ihre Vorfahren oder gerade erst Verstorbene.

Rezepte gegen das Trübsalblasen 

Bevor auch ich angesichts dieser traurigen Woche, meiner unglücklichen Mitmenschen und der Pandemie in Melancholie versinke, habe ich Rezepte gegen das Trübsalblasen gesammelt – bei Familie, Freunden, Bekannten. Vielleicht ist auch für Sie ein Weg aus dem Jammertal dabei.

Was alle berichten: Unter freiem Himmel sein – das hilft.  Jeden Tag mindestens eine Stunde draußen unterwegs sein, egal ob die Sonne scheint oder alles nur grau in grau vor sich hin wabert. Das hellt in jedem Fall die Seele auf. Wenn man dann beim Spazierengehen ein Hundeherrchen mit einem besonders markant  aussehenden Exemplar der Gattung trifft, einfach mal sagen: „Der guckt aber niedlich.“ Die Reaktion des Tierfreundes wird Ihnen bestimmt ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern.

Ebenfalls bewährt: Während des Spaziergangs mindestens ein Stück fremden Müll aufsammeln und in einen Abfalleimer werfen. Das verschafft ein heldenhaftes Gefühl und führt zu der Überlegung, wenn das jeder täte, Berlin so sauber wie die Straßen von Singapur wäre. Auch eine gute Methode: Pampt einen jemand auf typisch berlinische Weise von der Seite an, ganz geduldig zuhören und dann antworten: „Ja, ich schätze Sie auch sehr.“ Der verdutzte Gesichtsausdruck des motzenden Gegenübers tut so gut, Sie werden sehen.

Kahle Äste an unbelaubten Bäumen sind auch nicht unbedingt stimmungsaufhellend. Aber das nächste Mal genau hinschauen. Meist sind schon fette Knospen zu sehen, die den nächsten Frühling erahnen lassen. Das fällt unter die Überschrift „Vorfreude, schönste Freude“: Es dauert noch nicht mal mehr vier Monate, dann beginnt die Stadt wieder zu grünen.

Oder: Etwas Ausgefallenes kochen oder backen und dem allein lebenden Nachbarn eine Portion oder ein Stück vorbeibringen. Das bringt bestimmt Lob und streichelt so die Seele. Dummerweise helfen auch Süßigkeiten. Gönnen Sie sich ungeachtet allen Hüftgolds eine Leckerei, die Sie an Ihre Kindheit erinnert.

Ich persönlich bevorzuge Bambina-Schokolade oder die aparten dreieckigen Brockensplitter. Es geht dabei weniger um den Geschmack, sondern mehr um die Erinnerung, die er auslöst. Und wenn Sie die Kümmernis immer dann überfällt, wenn Sie autofahrend im Stau stehen: Aus voller Kehle ein Lied von früher singen, das macht nicht nur die Atemwege frei.

„Hilft ja nüscht“ 

Falls Sie an dieser Stelle einwenden wollen, ich hätte doch keine Ahnung, wie schwer und belastend dieser Tage alles sei: Doch, doch, ich weiß schon. Aber wie sagen die echten Berliner: „Hilft ja nüscht, muss ja weitajehn.“ In diesem Sinne wünsche ich uns allen: eine Woche mit mehr Glücksmomenten!

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com