Kisten mit Dingen zweifelhaften Ursprungs, die jemand nicht mehr braucht, kann man an vielen Orten in Berlin entdecken.  Der "Hin&Weg"-Schrank macht indes einen aufgeräumten Eindruck.  Fotos: imago/Jürgen Ritter, privat

Herbstzeit ist auch Aufräumzeit. Wer nicht schon in den zerstreuungsarmen Corona-Monaten ausgemistet hat, erledigt es jetzt. Soll doch alles picobello sein, wenn das Leben sich ab November wieder mehr aus dem Freien nach innen verlagert und die Jahresendfesttage sich langsam ankündigen. Stumme Zeugen ungebremsten Ordnungsdrangs in den Wohnungen sind derzeit wieder überall vor den Häusern und in den Hinterhöfen, an Mülltonnen oder am Rande der Berliner Parks zu finden. Gemeint sind mit nützlichen Dingen, uraltem Kitsch oder absurden Gegenständen gefüllte Kartons, Tüten oder gar Wäschekörbe – versehen mit Zetteln und der wahlweisen Aufschrift „Zu verschenken“ oder „Bedient Euch ruhig“.   

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Manche sprechen verächtlich von Müll, aber mich ziehen solche Sammlungen magisch an. Ich kann nichts dagegen machen. Ich muss einfach reingucken  in die Kiste, einen uralten Konsalik-Schmöker in die Hand nehmen, wenigstens schauen, ob die goldfarbenen Glocken an der Lampe noch intakt sind oder den blechernen Kochtopf von allen Seiten begutachten. Warum das so ist, keine Ahnung? Neugier, Sammelwut oder vielleicht ist jenes Gen dafür verantwortlich, das auch der Fernsehsendung „Bares für Rares“ seine Traumquoten bringt.  Meistens nehme ich nichts mit, aber versucht bin ich immer wieder.   

Ein Geschenk mit Forderung auf die Straße gestellt 

Ich gestehe, auch wir haben schon mal etwas vor die Tür gestellt, eine Sternaralie, die uns im wahrsten Sinne des Wortes über den Kopf gewachsen war. Auf dem Zettel formulierten wir sogar noch eine Forderung: „Nur in liebevolle Hände abzugeben!“ – befestigt mit einer Wäscheklammer. Nach wenigen Stunden die Überraschung: Die Pflanze war weg, am Zaun hing an der Klammer noch das Blatt Papier, versehen mit einer  Antwort: „Versprochen“.  Für die Sternaralie wurde das Aussetzen also anscheinend zu einer glücklichen Fügung.   

Verbreitet in Berlin sind inzwischen auch liebevoll zusammengezimmerte „Hin&Weg“-Schränke. Ihr Prinzip: Bring eine Sache hin und nimm ein anderes Stück weg. Bei dem, der bei mir ein paar Straßen weiter steht, hatte ich zunächst die Befürchtung, er würde schnell zu einer illegalen Abfallhalde verkommen. Aber nein, dort findet man immer eine kleine, inhaltlich zwar etwas abenteuerliche Bibliothek, und an einem Tag einen elektrischen Kirsch-Entkerner und am nächsten ein zierliches Korbregal. Diese Tauschstation sieht meist so adrett aus, dass ich annehme, dort räumt jemand regelmäßig auf.   

Die Dinge, die auf der Straße "zu verschenken" sind, haben eine Geschichte 

Wer die einst geliebten Dinge abgibt, das erfährt man leider selten. Ist doch interessant, warum sich jemand gerade jetzt von der Uralt-Leiter, den Gardinen aus HO-Zeiten oder der Lose-Blatt-Sammlung „Die schönsten Hotels der Allgäuer Alpen“ aus den 70er Jahren trennt. Dahinter stecken sicher Schicksale und Geschichten aus Jahrzehnten. So amüsierte ich mich kürzlich sehr, als ich auf dem Internetportal „Notes of Berlin“ diesen Post fand: Ein Foto, darauf ein Bügelbrett mit geblümtem Bezug. Auf dem Zettel dazu stand: „Zu verschenken. Wir haben das Bügeln aufgegeben, es passt nicht zu unserer anarchischen Gesinnung“.  Ob dieses Haushaltsutensil tatsächlich einen neuen Besitzer fand, erfuhr ich leider nicht.  

Doch ich vermute, in diesem Jahr könnten die umstrittenen Berliner „Zu-verschenken“-Rituale noch zu Ruhm und Anerkennung gelangen. Warnt doch die Industrie schon vor Lieferengpässen in allen möglichen Konsumbereichen: Spielkonsolen, Laptops, Bücher,  Möbel, Kleidung – alles könnte knapp werden. Es fehlt an Rohstoffen, Computerchips und Containerschiffe stehen nur noch geparkt irgendwo herum. Die Globalisierung lässt den Commerz maulig grüßen. Damit es aber Weihnachten dennoch mit den Geschenken nicht allzu traurig aussieht, schon heute mein Rat: In diesem Jahr ruhig öfter mal in einer Kiste auf der Straße kramen.   

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com