DDR-Geschichte abgewickelt

Protest-Grillen zum Abschied von "Eberswalder"-Fabrik in Brandenburg

Ende Februar schließt die in der DDR errichtete Traditions-Wurstfabrik in Eberswalde. 500 Mitarbeiter verabschieden sich mit einer Protest-„Trauerfeier“

Author - Stefan Doerr
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Viele Beschäftigte nehmen mit Protestschildern an der "Trauerfeier" für den Eberswalder Wurst-Traditionsbetrieb teil.
Viele Beschäftigte nehmen mit Protestschildern an der "Trauerfeier" für den Eberswalder Wurst-Traditionsbetrieb teil.Patrick Pleul/dpa

Eine Kult-Marke aus der DDR verliert ihre Heimat: Die „Eberswalder Wurst“ wird bald nicht mehr in der Region nordöstlich von Berlin produziert. Nach fast 50 Jahren schließt die traditionsreiche Fabrik im brandenburgischen Britz bei Eberswalde Ende Februar ihre Tore.

„Trauerfeier“ als Protest gegen die Werksschließung

Zum Abschied warf die Gewerkschaft NGG an diesem Samstag vor dem Werkstor noch einmal den Grill an und lud Beschäftigte zu einer „Trauerfeier“ für den Traditionsbetrieb. Hunderte folgten dem Aufruf, auf Transparenten stand „Kapitalismus pur. Profite um jeden Preis“ oder „War immer richtig gut, die Wurst“.

Der Abschied, ein symbolischer Akt für eine Marke, die für manche längst mehr ist als nur Wurst. Ist das Aus für das Werk für die rund 500 Beschäftigten ein Schock , so ist es für viele Fans der Rostbratwürste ohne Darm und der Knüppelsalami ein Einschnitt in der ostdeutschen Alltagskultur.

Der Betreiber des Werks, Teil der Zur-Mühlen-Gruppe und damit des Fleischkonzerns Tönnies aus Nordrhein-Westfalen, stellt die Produktion in Britz ein. Die Marke selbst soll jedoch weiterleben – allerdings an anderen Standorten in Ostdeutschland. „Es gibt hunderttausende Kunden, die die haben wollen“, sagt ein Unternehmens-Sprecher.

Statt aus Brandenburg soll die Eberswalder Wurst bald unter anderem aus Sachsen kommen.
Statt aus Brandenburg soll die Eberswalder Wurst bald unter anderem aus Sachsen kommen.Soeren Stache/dpa

Tatsächlich haben es einige DDR-Marken geschafft, die Wende zu überstehen und bundesweit in den Regalen zu landen – von Halloren-Kugeln über Filinchen bis zu Bautzner Senf. Doch viele Traditionsbetriebe wurden von westdeutschen oder ausländischen Investoren übernommen. Beispiele gibt es reichlich: Der Backmittelhersteller Kathi ging an die Dr.-Oetker-Gruppe, die Spülmittelmarke Fit wechselte den Besitzer, und ein Stollenproduzent aus Sachsen-Anhalt kämpft mit einer Sanierung nach Insolvenz.

Produktion der Marke „Eberswalder“ zieht um

Der Hersteller versichert, der Name „Eberswalder“ bleibe kein leeres Versprechen. Künftig soll die Wurst in ostdeutschen Werken in Chemnitz (Sachsen), Suhl (Thüringen) und Zerbst (Sachsen-Anhalt) produziert werden. Rezeptur und Rohstoffe – darunter Schweinefleisch aus dem Osten – würden beibehalten.

Im Britzer Werk verlieren mit der Schließung 500 Beschäftigte ihren Job.
Im Britzer Werk verlieren mit der Schließung 500 Beschäftigte ihren Job.Imago/Thilo Rückeis

Als Grund für die Schließung nennt das Unternehmen wirtschaftliche Zwänge: „Leider mussten wir feststellen, dass es unter den gegebenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen keine realistische Perspektive gibt.“ Die Gewerkschaft NGG hält dagegen und wirft der Tönnies-Gruppe eine „rücksichtslose Rendite- und Marktbereinigungspolitik“ vor.

Das Werk öffnete 1977. In der DDR war Eberswalder Wurst der Renner, sogenannte Bückware, weil sie selten zu bekommen war. Auch die beliebte Stadion-Bratwurst beim 1. FC Union kommt aus Eberswalde.

Für viele Beschäftigte und die Region bleibt jetzt vor allem eines: der Verlust eines Stücks Industriegeschichte. NGG-Landeschef Uwe Ledwig spricht von schwindender Verbundenheit, seit immer weniger Betriebe in Familienhand seien. Am Samstag protestierten Mitarbeiter und Unterstützer deshalb nicht nur, sondern nahmen Abschied. „Wenn eine lange Tradition endet, ist das ein schmerzlicher Verlust“, heißt es.

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