Projekt „Elblandwerker“

Dieser Berliner ist in der Kleinstadt Wittenberge heimisch geworden

Immer mehr Menschen ziehen aus der Großstadt Berlin aufs Land. Beliebt ist Wittenberge in der Prignitz. Was zeichnet die Stadt an der Elbe aus?

Author - Sebastian Krause
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Jan Christlieb ist von Berlin nach Wittenberge gezogen und fühlt sich in der Kleinstadt an der Elbe wohl. Hier sitzt er an seinem Arbeitsplatz im Community-Büro am Steintor.
Jan Christlieb ist von Berlin nach Wittenberge gezogen und fühlt sich in der Kleinstadt an der Elbe wohl. Hier sitzt er an seinem Arbeitsplatz im Community-Büro am Steintor.Sebastian Krause

Berlin war für Jan Christlieb mal eine interessante Stadt. Das ist aber vorbei. Spätestens mit dem Ende seines Master-Studiums merkte er, dass er nicht mehr in einer lauten, stressigen, hektischen Großstadt leben möchte. Stattdessen sehnte er sich nach einer ruhigen, beschaulichen und gemütlichen Kleinstadt.

„Irgendwann hat man weniger Lust auf Party“, erzählt der 40-Jährige dem Berliner KURIER. Mit seiner Frau Johanna und seiner drei Jahre alten Tochter Lotte zog es ihn zunächst nach Neustadt (Dosse). Wirklich heimisch fühlte sich die junge Familie dort aber nicht. Dann wurde er auf Wittenberge aufmerksam. Erneut zogen sie um. Jetzt haben sie ihr Glück gefunden.

Die Stadt an der Elbe mit rund 17.000 Einwohnern in der Prignitz hatte Christlieb sofort überzeugt. Sie hat die passende Größe, einen guten Bahnanschluss, viel Natur, bezahlbaren Wohnraum, ein vielfältiges Kulturangebot.

Mehr noch: Seit gut fünfeinhalb Jahren gibt es in Wittenberge das Projekt der „Elblandwerker“. Das bietet Interessenten in voll möblierten Wohnungen ein Probewohnen an. Damit sollen Menschen unverbindlich für eine Woche oder mehrere Monate testen, ob sie sich in der Kleinstadt wohlfühlen, und können bereits erste Kontakte knüpfen. Arbeiten ist kostenfrei in einem Community-Büro am Steintor in der Altstadt möglich.

Immer mehr Menschen ziehen aus der Großstadt aufs Land

Jan Christlieb nutzte das Angebot – mit nachhaltigem Erfolg. „Ohne diese Netzwerker der ‚Elblandwerker‘ wäre Wittenberge nicht so interessant für mich“, sagt er. „Da wäre ich wahrscheinlich gar nicht hier gelandet.“ Im Februar 2025 bezog er mit seiner Familie eine der beiden Probewohnungen. Im August zog die Familie dann in ihr eigenes Haus ein.

Die Geschichte ist kein Einzelfall. Immer mehr Menschen aus Berlin und Hamburg zieht es nach Wittenberge – hauptsächlich wegen der „Elblandwerker“. Allein im Jahr 2025 verzeichnete das Projekt bei den beiden Community-Wohnungen eine Auslastung von 91 Prozent. 20 Probewohner testeten das Leben in Wittenberge. Die Bleibequote lag bei 70 Prozent. Damit zogen zwei von drei Teilnehmenden dauerhaft in die Kleinstadt an der Elbe.

Christian Soult ist Community-Manager der „Elblandwerker“. Durch das Projekt ziehen immer mehr Menschen aus der Großstadt nach Wittenberge.
Christian Soult ist Community-Manager der „Elblandwerker“. Durch das Projekt ziehen immer mehr Menschen aus der Großstadt nach Wittenberge.Sebastian Krause

„Das ist schon Rekord. Das war die Jahre davor nicht so“, erklärt Community-Manager Christian Soult. Zwar habe es in vergangenen Jahren höhere Teilnehmerzahlen gegeben, diese seien aber nur für kürzere Zeit dageblieben, sodass die Wohnungen häufiger leer standen.

Der jüngste Teilnehmer sei bisher 25 Jahre alt gewesen, der älteste 75. Auch Rentnerpaare würden das Probewohnen in Anspruch nehmen, um zu schauen, ob Wittenberge die passende Stadt für ihren Lebensabend ist. „Wir sind für alle offen“, sagt Soult. Eine Woche in einer Zwei-Zimmer-Wohnung kostet 130 Euro, ein Monat 430 Euro.

„Elblandwerker“ wollen eine dritte Wohnung anbieten

Die große Nachfrage setzt sich in diesem Jahr fort. In den ersten Monaten sind die Wohnungen bereits ausgebucht. Deswegen wollen die „Elblandwerker“ noch eine dritte Wohnung anbieten. Dazu befinden sie sich in Gesprächen mit der Wohnungsbaugesellschaft und den Stadtwerken. Entschieden sei noch nichts, man sei aber guter Dinge, so Soult, der hauptberuflich als freier PR-Berater arbeitet. Die Aufgabe als Community-Manager übernimmt er ehrenamtlich.

Das Community-Büro in der Straße am Steintor in Wittenberge. Hier können die Zugezogenen arbeiten.
Das Community-Büro in der Straße am Steintor in Wittenberge. Hier können die Zugezogenen arbeiten.Christian Soult

Für Christlieb, der als Projektmanager tätig ist und vom Community-Büro in Wittenberge aus arbeitet, hat der Umzug in die Kleinstadt viele Vorteile mit sich gebracht. Er sei jetzt ausgeglichener, schätze die kurzen Wege, gehe regelmäßig laufen oder Rad fahren und genieße die vielen sozialen Kontakte, die er zum Beispiel im Stadtsalon Safari kennengelernt habe. „Du hast irgendwie alles, was du brauchst, hier. Aber es ist nicht überfrachtet“, sagt der junge Familienvater, der ursprünglich aus dem niedersächsischen Quakenbrück stammt.

Christlieb lädt seine Freunde lieber nach Wittenberge ein

Und wie oft zieht es ihn noch nach Berlin? Kaum noch. „Ich vermisse tatsächlich gar nichts. Ich vermisse wirklich nichts in Berlin“, sagt er. Am Anfang habe er gedacht, dass er vielleicht noch einmal pro Monat in die alte Heimat zurückfährt. Tatsächlich ist es nur noch einmal im Quartal – wenn überhaupt.

Wie sehr Christlieb in Wittenberge heimisch geworden ist, zeigt sich auch daran, dass er seine Freunde lieber zu sich einlädt, anstatt nach Berlin zu fahren. Am Anfang waren sie zwar skeptisch, mittlerweile gefällt es ihnen dort genauso gut wie Christlieb.

Jan Christlieb (l.) und Christian Soult vor dem Community-Büro am Steintor in Wittenberge.
Jan Christlieb (l.) und Christian Soult vor dem Community-Büro am Steintor in Wittenberge.Sebastian Krause

Für Community-Manager Soult kein Zufall. „Menschen kommen wegen der Gemeinschaft nach Wittenberge – und bleiben, weil sie sich hier schnell als Teil davon fühlen“, erklärt der 51-Jährige. „Das hat mich total angesprochen, weil ich regelmäßig Einladungen erhalten habe“, ergänzt Christlieb.

Natürlich sei Wittenberge nicht die Antwort auf jede Lebenslage, schränkt er ein. Aber: „Prinzipiell würde ich jedem empfehlen, sich damit auseinanderzusetzen.“ Denn für ihn steht fest: „Die Berlin-Zeit ist für mich abgelaufen.“

Wie ist Ihre Meinung dazu? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com