Hunderte Berliner betroffen

Fahrschulen Jump und Orange verschwinden – alles nur ein Strohmann-Geschäft?

Die Fahrschulen Jump und Orange haben Hunderte Berliner Fahrschüler einfach im Stich gelassen. Was steckt dahinter? Die jüngste Spur führt nach Bulgarien.

Author - Sharone Treskow
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Hunderte Fahrschüler fühlen sich von den Fahrschulen Jump und Orange im Stich gelassen. Was steckt hinter ihrem Verschwinden?
Hunderte Fahrschüler fühlen sich von den Fahrschulen Jump und Orange im Stich gelassen. Was steckt hinter ihrem Verschwinden?Sabine Brose/Frank Sorge/imago

Der Fall um die plötzlich geschlossenen Berliner Fahrschulen Jump und Orange sorgt weiter für Rätsel. Ende April standen Hunderte Fahrschüler ohne Vorwarnung vor verschlossenen Türen – viele von ihnen haben zuvor hohe Summen für Kurse und Fahrstunden bezahlt, oft bar und im Voraus. Ob sie ihr Geld jemals wiedersehen werden? Neue Erkenntnisse lassen den Verdacht auf ein fieses Strohmann-System aufkommen.

Fahrschule Orange massiv bedroht

Während die Berliner Polizei wegen des Verdachts auf Leistungsbetrug ermittelt, weisen die Verantwortlichen die Vorwürfe zurück und sprechen von wirtschaftlichen Problemen, internen Pflichtverletzungen und äußeren Einflüssen.

Orange-Geschäftsführerin Esra B. betonte in einem Presse-Statement kürzlich, die Fahrschulkette sei massiv bedroht worden: „Es kam […] zu Angriffen unter Einsatz von Waffen wie etwa Macheten. Mitarbeitende sahen sich aus Angst um Leib und Leben veranlasst, ihre Arbeitsplätze zu verlassen.“

In Berlin wurden in den vergangenen Monaten mehrere Fahrschulen beschossen.
In Berlin wurden in den vergangenen Monaten mehrere Fahrschulen beschossen.Michael Ukas

Tatsächlich kam es in Berlin zuletzt auch zu Schüssen auf mehrere Fahrschulen. Diese Vorfälle sind Teil einer Serie von Angriffen auf verschiedene Geschäfte.

Die Spur führt nach Sofia, Bulgarien

Doch wer sagt die Wahrheit? Bei RBB24-Recherchen rückt ein Name in den Mittelpunkt: Jakec K. aus Bulgarien. Der im Handelsregister eingetragene Geschäftsführer der Fahrschule Jump kommt aus Sofia und wurde erst Anfang April 2026 eingesetzt – nur wenige Wochen, bevor das Unternehmen praktisch verschwand.

Zuvor waren andere Verantwortliche abberufen worden. Warum genau Jakec K. zu diesem Zeitpunkt die Leitung übernahm, bleibt unklar. Ebenso offen ist, welche Rolle er tatsächlich spielte: War er operativ tätig oder nur ein formaler Vertreter?

Die Jump-Filiale in der Berliner Allee ist schon fast komplett ausgeräumt.
Die Jump-Filiale in der Berliner Allee ist schon fast komplett ausgeräumt.Albert Hammig/Berliner Zeitung

Ein Blick in frühere Unternehmensverbindungen wirft weitere Fragen auf. Jakec K. taucht bereits in mehreren Firmen auf, die später aufgelöst wurden oder wegen Vermögenslosigkeit aus dem Register verschwanden. In mindestens einem Fall standen Verbindlichkeiten in Höhe von über 800.000 Euro einem äußerst geringen Eigenkapital gegenüber. Auffällig ist dabei auch eine Berliner Adresse, die Wittelsbacherstraße 31. Sie taucht immer wieder bei Firmen auf, die kurz vor ihrem Ende stehen oder bereits abgewickelt wurden.

Verdacht auf Strohmann-System verdichtet sich

Diese Muster nähren den Verdacht, dass es sich bei Jakec K. um einen sogenannten Strohmann handeln könnte – also jemanden, der formal als Geschäftsführer eingesetzt wird, ohne tatsächlich die Kontrolle auszuüben.

Hat man die <a href="https://www.berliner-kurier.de/berlin/brandenburg/unfall-fahrschule-ueberkraemer-unfallursache-li.10036509">Fahrschule Jump mit einem Strohmann-System beerdigt?</a> (Symbolbild)
Hat man die Fahrschule Jump mit einem Strohmann-System beerdigt? (Symbolbild)Jochen Tack/imago

Ermittler und Experten kennen solche Konstellationen seit Jahren. Häufig werden Personen aus Osteuropa als Geschäftsführer eingetragen, während die tatsächlichen Strippenzieher im Hintergrund bleiben. Ein Steuerfahnder beschreibt das Prinzip so: „Es ist ganz einfach, die Leute werden – hauptsächlich Bulgaren, Polen – über die Grenze gebracht, gehen zum Notar, haben keinen Wohnsitz in Deutschland, keinen festen – und dann gehen sie wieder.“

Genau das erschwert die Arbeit der Behörden erheblich. Ohne festen Wohnsitz im Inland sind Ermittlungen deutlich komplizierter. Verantwortung wird formal verschoben – wer im Register steht, haftet. Wer tatsächlich Entscheidungen trifft, bleibt oft im Verborgenen.

Das Motiv von Strohmännern

Auch ein Strafverteidiger beschreibt das Motiv hinter solchen Konstruktionen klar: „Das Interesse daran ist ganz einfach, sich vor strafrechtlichen Risiken zu schützen. Wenn das Unternehmen den Bach runtergeht, dann will man natürlich nicht als Verantwortlicher für das Unternehmen dastehen und dafür haften. Und deswegen installiert man jemanden, der vorne steht.“

Ob dieser Mechanismus auch im Fall der Berliner Fahrschule greift, ist bislang nicht bewiesen. Doch die zeitliche Nähe zwischen Geschäftsführerwechsel und Zusammenbruch, die wiederkehrenden Firmenmuster und die schwer erreichbaren Verantwortlichen geben Anlass zu weiteren Ermittlungen.

Die Fahrschulen Jump und Orange waren zwar formal getrennt – doch personelle und strukturelle Überschneidungen legen nahe, dass hier eine enge Verbindung bestand. Ob dahinter ein gemeinsames Geschäftsmodell oder sogar ein gezieltes System steckt, ist bislang nicht bewiesen. Für die betroffenen Fahrschüler bleibt die zentrale Frage ungelöst: Wer trägt am Ende die Verantwortung für das verschwundene Geld?

Sind Sie betroffen von der Schließung der Fahrschulen Jump und Orange? Schicken Sie uns einen Leserbrief per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.