„Wann wird die Ampel denn endlich grün?“ Diese Frage hat sich jeder Berliner schon einmal gestellt. Ich ärgere mich oft über eine bestimmte Ampel in meinem Kiez, sie führt über den Steglitzer Damm auf Höhe der Sembritzkistraße. Hier steht man als Fußgänger selbst nach einem Signalwunsch gerne mal 1–2 Minuten rum und starrt das rote Männchen an. Wie lange sollte eine Ampelphase eigentlich im Optimalfall sein? Die Senatsverwaltung für Mobilität und Verkehr liefert spannende Antworten – der Fußgängerverein kritisiert die Vorgaben.
Berliner Ampelphasen dürfen bis zu 120 Sekunden dauern
Hätten Sie das gewusst? Frank Preiss von der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr und Co. erklärt auf KURIER-Anfrage hin: „Die Länge der Gelbzeiten ist in bundesweit geltenden Richtlinien festgelegt und hängt von der zulässigen Höchstgeschwindigkeit in der betreffenden Kreuzungszufahrt ab. Bei 50 km/h ist die Gelbphase genau 3 Sekunden lang.“
Die Krux: Für Rot- und Grünphasen jedoch gibt es keine verbindlichen Maximalzeiten. „Hinsichtlich der Verkehrsqualität wird eine maximale Wartezeit bei Rot von 90 Sekunden angestrebt“, so der Sprecher.

Wer das Gefühl hat, seine Ampel könnte sogar noch länger auf Rot stehen bleiben, könnte recht haben, denn: „In seltenen Ausnahmefällen sind auch Umlaufzeiten bis 120 Sekunden möglich“, erklärt Preiss. Zur Erklärung: Die Umlaufzeit ist die Zeit, bis an einer Ampel dieselbe Signalphase wieder beginnt – also zum Beispiel von Grünbeginn einer Fahrtrichtung bis zum nächsten Grünbeginn derselben Fahrtrichtung.
Die BVG ist wichtiger als die Fußgänger
Wovon hängt die Länge einer Grünphase eigentlich ab? „Sie wird idealerweise nach der Verkehrsbelastung der einzelnen Ströme innerhalb der Umlaufzeit verteilt“, so der Sprecher der Senatsverwaltung.
Was wohl nur wenige wissen: „Viele LSA in Berlin werden verkehrsabhängig gesteuert. Dabei wird der Verkehrsfluss über Induktionsschleifen oder Kameras gemessen und die Verteilung der Grünphasenlängen in Abhängigkeit von den aktuellen Verkehrsstärken angepasst“, erklärt Preiss.

„Außerdem wird in solchen LSA in der Regel der ÖPNV bevorrechtigt. Dazu melden sich die ÖPNV-Fahrzeuge per Funk an den Kreuzungen an und verlängern ihre eigene Grünphase, wodurch die Grünphase kreuzender Verkehre kürzer ausfallen kann.“ LSA steht für Lichtsignalanlage – also fachsprachlich für eine Ampelanlage.
Sind die Ampelphasen fußgängerfreundlich?
Als Fußgänger hat man oft das Gefühl, benachteiligt zu werden. Man wartet ewig auf seine Grünphase – bekommt im Gegenzug aber nicht ausreichend Zeit, um die Straße zu überqueren, bevor die Ampel wieder auf Rot springt.
Die Senatsverwaltung für Verkehr kann dazu nur sagen: „Für die Signale des Fußverkehrs gelten Mindestzeiten, die auch für langsam gehende Personen eine Überquerung von mindestens 2/3 der Fahrbahnbreite gewährleisten sollen.“

Dem kann Roland Stimpel vom Fußgängerverein Fuß e. V. nicht zustimmen. Er findet die Querungszeiten eindeutig zu knapp. „Ampeln sind für den Autoverkehr optimiert. Fußgänger sollen ihn nur so kurz wie möglich aufhalten. Und das, obwohl über viele Kreuzungen mehr Menschen zu Fuß gehen als mit dem Auto fahren“, betont der Experte.
So wenig Zeit haben Fußgänger zum Queren einer Ampel in Berlin
„Es gibt ein 93-seitiges technisches Regelwerk namens Richtlinien für Lichtsignalanlagen. Sie werden von Ingenieuren erarbeitet und sind nicht automatisch verbindlich. Berlin und andere Bundesländer haben sie aber für ihre Ampelschaltungen für verbindlich erklärt“, so der Experte. „In ihnen steht, dass an vielen Kreuzungen fünf Sekunden Grün für Fußgänger genügen.“
„Und für Fußgänger wird in der Richtlinie ein viel zu hohes Gehtempo angenommen, das viele nicht schaffen – vor allem alte und gehbehinderte Menschen und Eltern mit kleinem Kind an der Hand. Oder auch für Kindergruppen, die paarweise nacheinander gehen“, ärgert sich Stimpel. „Oft wird die Ampel schon wieder rot, bevor alle Kinder auf der Kreuzung sind.“
Ist das die schlimmste Ampel Berlins?
Nach Problemampeln in Berlin gefragt, nennt Stimpel folgende Anlage: „Drastisch verschlechtert hat sich zum Beispiel die Lage in der Elsenstraße in Treptow, nachdem dort im vorigen August die Autobahn eröffnet wurde. Seitdem wartet man zu Fuß oft 90 Sekunden auf Grün. Und erlebt dann manchmal, dass Autos sich mitten auf dem Überweg stauen.“ Stimpel beteuert: „Dann wird es richtig gefährlich.“
Ein großes Problem an der ganzen Thematik: „Je länger Menschen warten müssen, desto mehr wächst die Ungeduld. Wer Fußgänger zu lange bei Rot festhält, verführt manche zu gefährlichem Loslaufen“, so Stimpel.

Noch gefährlicher: „Bei Fußgänger-Grün bekommen meist auch Fahrer grün, die aus der Querstraße einbiegen. Wenn sie am Fußgängerüberweg sind, ist fürs Gehen oft schon wieder Rot. Fahrer denken dann: ‚Die gehen bei Rot‘, und manche hupen, pöbeln und drängeln. Das macht Angst, vor allem alten Leuten und Kindern“, ärgert sich Stimpel. „Sie sind völlig korrekt bei Grün losgegangen und werden jetzt beschimpft oder gar gefährdet, bloß weil die Ampel so rasch auf Rot gesprungen ist.“
Die beste Ampel Berlins für Fußgänger
Was Stimpel sich stattdessen für mehr Berliner Fußgänger wünschen würde: „Die beste Form der Ampelkreuzung gibt es in Berlin leider nur einmal: Am Checkpoint Charlie (Kreuzung Friedrich-/Koch-/Rudi-Dutschke-Straße) bekommen regelmäßig alle Fahrzeuge Rot und alle Fußgänger Grün.“



