Ein Mann legt Blumen auf den Bürgersteig an der Tauentzienstraße auf den Boden. Am Vortag war ein 29-jähriger hier mit seinem Auto in der Nähe der Berliner Gedächtniskirche in eine Schülergruppe aus Hessen gefahren, deren Lehrerin ums Leben kam. dpa / Fabian Sommer

Wer schon einmal eine Klasse auf dem Schulhof verabschiedet hat, die auf Klassenfahrt gehen will, der kennt die aufgeregte, freudige Stimmung bei so einem Ereignis.  Alles redet durcheinander, neckt sich, die Jungs machen Sprüche, Basecaps fliegen durch die Luft. Alle schauen zum x-ten Mal, ob auch wirklich alles dabei ist. Die Leuchttürme in dem Gewühl, die die dann irgendwann das Kommando zum Abmarsch geben, die noch einmal durchzählen, ob auch alle da sind, das sind die Lehrer.

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Vor ein paar Tagen ist eine 10. Klasse aus Bad Arolsen so freudig aufgebrochen. Nach Berlin, die letzten Prüfungen waren geschrieben. Ein letztes Mal wollten alle fröhlich zusammen sein, Spaß haben, im Sommer in der Hauptstadt. Doch nur ein Teil von ihnen kommt heute nach Hause zurück.

Rettungskräfte kämpften um das Leben der Verletzten. AFP/Odd Andersen

Eine unbeschwerte Jugend endete am Mittwoch für über 20 Schüler und viele weitere Betroffene um 10:26 auf dem Berliner Tauentzien. Sie mussten mit ansehen, wie ihre Lehrerin auf der Straße liegt, tot. Wie der Lehrer schwer verletzt versorgt wird, wie Mitschüler ebenso lebensgefährlich verletzt in Krankenhäuser gebracht werden. Wie übersteht man so einen Angriff, der den Alltag so plötzlich zerfetzt? Wohl nur gemeinsam.

Bad Arolsen unter Schockstarre

Diejenigen Schüler, die reisefähig sind, sollen heute mit einem Bus zurück nach Hause gebracht werden. Dort steht das Kollegium der Kaulbach Schule in Bad Arolsen ebenso unter Schockstarre. Dennoch soll die Schule offen sein, ein Anlaufpunkt, ein Gedenkort an dem zusammen getrauert werden kann.

An diesem Donnerstag werde die Schule ihren Regelbetrieb aufnehmen und zugleich die Schüler in Empfang nehmen, die aus Berlin mit Bussen zurückgebracht würden, sagte der Bürgermeister von Bad Arolsen, Marko Lambion.

Regulärer Schulbetrieb an der Schule in Bad Arolsen

Nach Angaben des Bürgermeisters hatte die Klasse gerade erst ihre Abschlussprüfungen geschrieben und wollte mit ihrer Lehrerin die Abschlussfahrt nach Berlin unternehmen. Dies sei „natürlich als freudiges Ereignis geplant“ gewesen, sagte Lambion. „Der Tag hier in Bad Arolsen war sehr traurig. Unser Mitgefühl ist bei der Familie der Lehrerin und wir sind natürlich in Gedanken bei allen Angehörigen und wünschen Kraft und Trost in dieser schwierigen Zeit“, so der Bürgermeister. „Natürlich sind wir auch bei den Schülerinnen und Schülern, die dieses Ereignis heute miterleben mussten.“

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Vor Ort in Bad Arolsen sei ein Krisenstab eingerichtet worden. Die Eltern der Schüler würden umfassend betreut, teils durch Seelsorger, aber auch durch die Polizei. „Ganz Bad Arolsen ist betroffen“, sagt Jürgen van der Horst (55), Landrat des Landkreises Waldeck-Frankenberg. „Das ist eine große Schule in einem kleinen Mittelzentrum. Hier kennt jeder jeden und hat auch Kontakt zu Familien, die betroffen sind. Das ist auch das zentrale Thema in diesen Stunden hier im Stadtgebiet. Es herrscht eine große Betroffenheit.“

Ein Polizist steht an einem Einsatzfahrzeug vor der Haupt- und Realschule Kaulbach-Schule im nordhessischen Bad Arolsen. Swen Pförtner/dpa

„Die Schule soll als Anlaufstelle für Schüler, Eltern und Lehrkräfte dienen. Eine Betreuung rund um die Uhr wird sichergestellt“, sagte  van der Horst weiter. Am Donnerstag werde regulärer Schulbetrieb sein – wobei eine umfangreiche psychologische Betreuung angeboten werde. Die Schule solle als „Ort des Dialoges“ dienen, ein Andachtsraum werde eingerichtet.

In diesem Sommer müssen Wunden heilen

An dem Ort, wo Schüler und Lehrer so viel Zeit gemeinsam verbringen, werden sie dann erst langsam begreifen, was mit ihnen geschah. Sie werden an die denken, die noch mit dem Tod ringen, die in Berlin in Krankenhäusern behandelt werden. Und sie werden an die Lehrerin denken, die ihnen so viele Gute Wünsche für die Zukunft mitgab, die sie prägte und Teil ihrer Jugend war. Sie werden für den Lehrer hoffen und vielleicht ungläubig staunen, dass sie selber noch einmal davon gekommen sind. Dieser Sommer wird für die Schüler, Eltern und Lehrer in Bad Arolsen kein unbeschwerter Sommer. Es wird einer, in dem Wunden heilen müssen.