Der klare KURIER-Kommentar

Angstraum Öffis in Berlin – durchwischen reicht nicht

Auf der U-Bahnlinie U8 startet ein Pilotprojekt für mehr Sicherheit und Sauberkeit, hoffentlich nicht nur Augenwischerei.   

Author - Stefanie Hildebrandt
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Ein Mann schläft auf einer Bank auf dem U-Bahnhof Tegel.  
Ein Mann schläft auf einer Bank auf dem U-Bahnhof Tegel. IMAGO/Jürgen Ritter

Ein verwirrter junger Mann stakst hinter einer älteren Frau her und wischt knapp hinter ihrem Kopf immer wieder aggressiv durch die Luft. Eine Frau wird von einer Gruppe junger, arabischer Männer auf den 4er-Sitzen umlagert und muss sich blöde Sprüche gefallen lassen. Ein Mann in abgerissener Klamotte torkelt über den Bahnsteig, eine Mutter mit Kind sucht das Weite.

Ein Mann, mit einem langen Stock bewaffnet, tritt immer wieder gegen einen Süßigkeitenautomaten auf dem U-Bahnsteig. Zwei ältere Herren rangeln in der Straßenbahn miteinander. Ich fahre nicht oft mit den Öffentlichen wie U-Bahn, Tram oder S-Bahn. Doch diese Erlebnisse sind mir allein aus den letzten Wochen in Erinnerung geblieben. 

Elend mit Bahnanschluss

Das Elend in Berlin wird in den öffentlichen Verkehrsmitteln und in deren Umfeld sichtbar. In diesen Transiträumen, in diesen Angsträumen. Vielleicht wächst Vielfahrern ja ein dickes Fell, bei all den zwielichtigen Gestalten, Besoffenen und Zugedröhnten, auf die man unweigerlich in Bahnen und auf Bahnhöfen trifft. Ich fahre lieber mit dem Rad.  

Dass bei der BVG nun auf der Linie U8 ein Pilotprojekt startet, das für mehr Sicherheit und Sauberkeit sorgen soll, ist toll. Nötig wäre so eine Anstrengung aber in der ganzen Stadt. 

Wenn Zivilcourage jederzeit mit einem Messerangriff enden kann, sinkt meine persönliche Risikobereitschaft auf null. Wenn die Öffis für Kinder, Alte, Frauen und Normalos Angsträume werden, dann müssen Profis ran. Sicherheitspersonal, Polizei, Sozialarbeiter, sie alle sind gefordert, die Verrohung und Verwahrlosung zu stoppen. Den öffentlichen Raum denen zu überlassen, die ihn verschmutzen und unsicher machen, wäre eine Bankrotterklärung einer Regierung, die nicht zuletzt dafür gewählt wurde, das Sicherheitsempfinden in der Stadt zu verbessern. 

Eins ist klar: Völlige Sicherheit und Sauberkeit kann es in den Öffis nicht geben (zumindest, wenn wir kein zweites Singapur sein wollen), das Bemühen um einen gemeinsamen kleinen Nenner aber muss überall viel deutlicher sichtbar werden, nicht nur in der Linie U8. Für Personal, bauliche Veränderungen und bewährte Ansätze in Sozialarbeit muss es Geld geben. Die 700.000 Euro für drei Monate U8-Aktion können nur ein Anfang sein.  ■