Am Flughafen Tegel fliegen jetzt nur noch die Vögel. Foto: Imago-Images/Omer Messinger

Sie kommen. Erst hört man nur ein fernes Krächzen, dann sind sie plötzlich da. Ein großer Schwarm Krähen kreist über dem Parkplatz vor dem Tower der Deutschen Flugsicherung, auf dem sich noch die Radarantenne dreht. Nebenan, auf dem Sims des sechseckigen Terminals A, geraten Tauben ins Blickfeld. Nicht weit entfernt, hinter den einfachen Bauten des Terminals C, lärmen Stare auf einem Lichtmast. Es sieht so aus, als würden sich die Vögel darauf vorbereiten, das Gelände zu übernehmen. Derzeit ist es noch ein Flughafen – von Sonntag an nicht mehr.

„Ich finde es schade, dass Tegel geschlossen wird. Andere Städte wie London haben doch auch mehrere Flughäfen“, sagt ein Mann aus Reinickendorf. Er käme gern ins Terminal C, um ein paar Fotos mit dem Handy zu schießen. „Darf ich hier rein?“, fragt der pensionierte Polizeibeamte.  Doch die Sicherheitskraft, die am einzigen geöffneten Eingang wacht, lässt ihn nur einen Meter weit ins Gebäude, in dem die Check-in-Schalter schon seit Tagen schlummern und die Ansagen keinen Fluggast mehr erreichen. Der Mann in der grellgrünen Weste wirkt genervt. „Immer wieder kommen Leute. Aber hier ist zu.“

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Der Flughafen Tegel im Nordwesten der Stadt wirkt in diesen Tagen des Abschieds wie eine Andachtsstätte. Männer stehen – meist alleine – an Zäunen, Fenstern und im Treppenhaus von Terminal A, um schweigend auf das Vorfeld zu schauen. Die Besucherterrasse, ein weiterer Ort stillen Gedenkens, ist ausgebucht. Natürlich gibt es auch noch Fluggäste. Aber deren Zahl ist deutlich kleiner.

Zum Abschied machen Sarah und Ronny ein Foto auf der Besucherterrasse.  Foto: dpa/Christoph Soeder

Tegel ist ein Ort der Erinnerung geworden. „43 Jahre war ich bei der Berliner Polizei“, erzählt der Reinickendorfer, der inzwischen 65 ist. Er sorgte unter anderem dafür, dass es bei prominenten Passagieren keinen Tumult gab. „Als Heidi Klum einflog, warteten Paparazzi am Gate.“ Doch das Model ließ sich direkt in die Stadt chauffieren. „In meinem Bereich gab es keinen Ort, an dem mehr Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet wurde“, sagt der ehemalige Polizist. Wohnungslose hätten in den Parkhäusern übernachtet. Als verfeindete Basketballteams aus Griechenland erst die Schnapsregale eines Duty Free leer kauften und dann aufeinander losgingen, habe die Polizei einschreiten müssen. Dass der Flughafen außer aus der Luft nur auf einer einzigen Straße erreichbar gewesen sei, habe sich immer wieder als problematisch erwiesen. „Kam es zu einem Unfall, war die Zufahrt blockiert. Dann mussten die Passagiere weit laufen. Doch meist hatten sie Glück, weil sich die Crews auch verspäteten.“

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„Bye-bye TXL!“ haben Mitarbeiter des Koffergeschäfts in Terminal B auf Pappe geschrieben. Auf die wenigen Waren, die noch angeboten werden, gibt es 20 Prozent Rabatt. Die anderen Läden sind schon leer, oder sie werden gerade leer geräumt. Leysieffer, Boss, Esprit, das Restaurant Red Baron auf der Empore: alles geschlossen. Etwas zu essen gibt es im Flughafen nur noch in einer Bäckerei. Immerhin: Draußen hat die Ess-Bahn noch geöffnet, die mehr als 90 Jahre alte S-Bahn, die als Imbiss fungiert. Auf den sechseckigen Fliesenmustern, die seit den 70er-Jahren den Boden bedecken, drängen sich Menschen. Manche stochern in Pommes-Schälchen herum, andere stehen vor dem Eingang zur Besucherterrasse an. Sicherheitsleute schauen sich ihre neuen grünen Westen an. „Sieht doch toll aus, oder?“, sagen sie.

Es sind besondere Westen. Auf dem Rücken ist der Tower abgebildet. Darunter steht: „TXL. Unser Herz bleibt hier.“ Auf der Vorderseite ist ein rotes Herz zu sehen, zu lesen ist: „Der letzte Airport der Hauptstadt“. Vom BER ist nicht die Rede. Ein Abschiedsgeschenk für Kolleginnen und Kollegen, sagt eine Sicherheitskraft. „Die Westen habe ich auf dem Küchentisch bedruckt.“

Vielen Berlinern wird Tegel fehlen. Foto: Berliner Kurier/Peter Neumann

TXL – Flughafen der Herzen. Hier sind viele Berliner ganz bei sich. Zu spüren ist die stille Übereinkunft, dass dieser Flughafen wichtig und sinnvoll war. Die Melancholie wirkt doppelt schwer, weil das Ende des Flugbetriebs in Tegel auch das Ende einer Ära anzeigt.

Das legendäre Sechseck ging am 1. November 1974 in Betrieb, in einer Zeit, als Umwelt bestenfalls ein Randgruppenthema war. Damals waren sich Regierende und fast alle Regierten einig: Luftfahrt bedeutet Modernität und Zukunft, das Auto ebenfalls. Für eine U-Bahnstation wurde zwar ein Bauplatz freigehalten, doch gebaut wurde sie nie. Wozu in die BVG steigen, wenn man in zehn Minuten mit dem Auto in Tegel ist? „Tegel ist ein Drive-in-Flughafen“, sagt Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup. „Er atmet die Begeisterung für das Auto, die aus den USA nach Deutschland gekommen war.“ Greta Thunberg war damals noch nicht geboren, Klimaschützerdemos gab es nicht.

Anfangs war Klimaschutz kein Thema

Auch die politische Funktion, die der Flughafen zu Beginn wahrnahm, entsprach dem Denken der meisten West-Berliner. Tegel half ihnen, damit zurechtzukommen, dass die Teilung Deutschlands die Halbstadt zu einer Insel inmitten der DDR gemacht hatte. Von Anfang an war TXL tatsächlich ein Tor zur Welt – und was für ein schickes Tor! Tegel erleichterte es den West-Berlinern, den anderen deutschen Staat zu ignorieren. Auch das ist Vergangenheit. Zum Schluss ist Tegel auf eine andere Weise politisch geworden. Der Luftverkehr steht unter dem Verdacht, zur Erderhitzung und damit zur Klimakatastrophe beizutragen. Damit setzt sich kein TXL-Fan gern auseinander.

Bei der Eröffnung des Terminal-Sechsecks vor 46 Jahren fragte auch noch kein Anwohner, was ein Flughafen in der Stadt zu suchen hat. Heute gibt es Menschen, die sich darüber freuen, dass nun endlich Schluss ist. „Wir haben lange darauf gewartet“, sagt Silke Agger von der Bürgerinitiative „Pankow sagt Nein zum Flughafen Tegel“. Die Frau, die seit vielen Jahren unter der Einflugschneise lebt, ist am Sonntagnachmittag dabei, wenn auf dem Pankower Anger ein Bett aufgestellt wird. „Wir wollen mit anderen Initiativen die himmlische Ruhe feiern, die nun einkehrt.“

Es sei „körperlich anstrengend“ gewesen, mit dem Fluglärm zu leben, sagt Silke Agger. „Es war eine Grundanspannung.“ Nicht nur tagsüber, auch am späten Abend und nachts. Mit Schrecken habe sie verfolgt, wie ein BER-Eröffnungstermin nach dem anderen verschoben wurde. „Wir befürchteten, dass Tegel in Betrieb bleibt, wenn sich die politischen Verhältnisse drehen.“ In der CDU hatte Tegel immer Sympathisanten, die FDP sammelte bei ihrem Volksentscheid 2017 mehr als eine Million Stimmen für die Offenhaltung. „Währenddessen wurde der Flugplan immer voller, und über unseren Köpfen wurde es immer lauter“, sagt die Pankowerin.

Die Uhr tickt schon seit Jahren - Tegel muss schließen

Wobei ihre Befürchtung zumindest aus rechtsstaatlicher Sicht unbegründet war. Denn Fakt ist: Die Uhr für Tegel hat schon früh unaufhaltsam zu ticken begonnen - spätestens, seitdem die Stilllegungsbescheide bestandskräftig geworden sind. Der Widerruf der Betriebsgenehmigung für den Flughafen Tegel stammt von 2004, der Widerruf der Planfeststellung von 2006. Beides wird sechs Monate nach der vollständigen Inbetriebnahme der beiden Start- und Landebahnen des BER wirksam. Im ersten Fall wies das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg im Jahr 2005 alle Klagen rechtskräftig ab, im zweiten Fall wurden die Klagen zurückgenommen. Nach jetziger Rechnung ist das Gelände am 4. Mai 2021 kein Verkehrsflughafen mehr. Daran kann kein Bürgerprotest, keine Nostalgie, kein West-Berliner Sentiment mehr etwas ändern.

Auf dem Lichtmast am Terminal C geben die Stare keine Ruhe. Die Krähen drehen vor dem Fluglotsenturm eine weitere Runde, vorbei an den Tauben auf dem Terminal A, das an diesem Sonnabend schließt. Am Sonntag, um 15 Uhr, endet in Tegel der Flugbetrieb. Die Vögel sind bereit für die Übernahme.