Im Kurier-Interview

Hass-Liebe für Berlin: Diese DDR-Erinnerung prägt Clueso bis heute

Clueso live in Berlin. Beim exklusiven Event spricht der Musiker mit dem KURIER offen über Erfolgsdruck und Erinnerungen an die DDR. Ein Abend voller Energy!

Author - Julia Nothacker
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Clueso ist seit fast drei Jahrzehnten als Musiker aktiv.
Clueso ist seit fast drei Jahrzehnten als Musiker aktiv.Andreas Weihs/Imago

Wenn es jemand schafft, einen Fünf-mal-fünf-Meter-Raum in eine bebende Konzerthalle zu verwandeln, dann Clueso. Das hat der Erfurter Musiker am vergangen Donnerstag (7. Mai) mal wieder eindrucksvoll bewiesen. In unserem Interview zeigt er sich überraschend nahbar und genauso energiegeladen wie auf der Bühne.

Clueso hautnah in Berlin: Privatkonzert beim „House of New Energy“

„Ihr müsst einfach ausrasten und alles vergessen. Das ist ein bisschen peinlich, weil man nicht weiß, wie man sich in so einem kleinen Raum verhalten soll. Aber es gibt kein Peinlich! Ihr müsst es einfach rauslassen. Ich lasse es auch raus und komme zu euch die eine Stufe runter“, sagt Clueso zu den gerade einmal 150 geladenen Gästen bei einem Pre-Opening-Abend im Berliner Quartier Am Tacheles.

Clueso bei seinem Auftritt in Berlin.
Clueso bei seinem Auftritt in Berlin.Markus Nass

Ganz klar, Clueso ist sonst weitaus größere Bühnen gewöhnt, gerade erst füllte er die Berliner Uber Arena. Doch der Sänger, der es immer wieder schafft, schon seit Jahrzehnten in der Musikbranche präsent zu sein, hat keine Berührungsängste und gesellt sich während seines Auftritts gleich mehrfach zu seinem kleinen Publikum (zu sehen unten im Video).

Die Installation „The Heart“ der US-Künstlerin Jenny Sabin im „House of New Energy“.
Die Installation „The Heart“ der US-Künstlerin Jenny Sabin im „House of New Energy“.Markus Nass

Veranstaltet wurde das „Privat“-Konzert von Clueso von E.ON. Der Energiekonzern hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mehr Menschen für das Thema Energie begeistern zu wollen und dafür einen Erlebnisraum geschaffen, der Information und Entertainment miteinander verbindet: Das „House of New Energy“.

Clueso im KURIER-Interview: Zwischen Erfolgsdruck und Achtsamkeit

Clueso ist an diesem Abend besonders gut drauf. „Ich bin extrem energiegeladen“, kündigt er gegenüber dem Berliner KURIER an. Und dieses Versprechen hält er auch beim Interview kurz vor dem Auftritt ein. Der 46-Jährige (ja, man sieht es ihm einfach nicht an) spricht mit uns über Themen, die nicht nur ihn, sondern die Gesellschaft bewegen: Medien, Achtsamkeit, KI, Erfolgsdruck – und natürlich Berlin.

Clueso vor der Nachbildung eines Delorean – dem Auto aus „Zurück in die Zukunft“ im „House of New Energy“.
Clueso vor der Nachbildung eines Delorean – dem Auto aus „Zurück in die Zukunft“ im „House of New Energy“.Markus Nass

„Heute versuche ich, Zusammenhänge besser zu verstehen: Gerade erst kam ich von einem Projekt ins nächste. Hinterher habe ich überlegt: Wie kam es eigentlich dazu, dass ich so müde war? Die Lösung ist recht einfach: Weil ich keinen Tag Pause hatte. Wie lässt sich sowas besser regeln? Ich hätte eines der Projekte eigentlich verschieben müssen. Aber um ehrlich zu sein, wollte ich auch nicht darauf verzichten", erzählt Clueso, der mit bürgerlichem Namen Thomas Hübner heißt, als es beim Gespräch um etwas geht, das seit einigen Jahren Einzug in unsere Gesellschaft gehalten hat: Die Work-Life-Balance.

Ein vielleicht mittlerweile etwas abgenutzter Begriff, aber dennoch nicht unwichtig – auch für Clueso. „Wichtig ist, dass man nachschläft. Dafür nehme ich mir die Zeit. Ich mache dann das Handy aus und schlafe einfach mal bis nachmittags – zum Leidwesen meines Teams. (lacht)

Clueso und Kurier-Reporterin Julia Nothacker
Clueso und Kurier-Reporterin Julia NothackerBerliner Kurier

Wie Clueso sonst nach einer stressigen Arbeitsphase abschaltet? Da ist er nicht anders als wir Normalos. „Ein Netflix- oder Playstation-Abend auf der Couch bringt mich runter.“ Ja, Medien können auch für Clueso entspannend sein, betont er, doch genauso wichtig ist ihm die bewusste Ruhe zwischendurch. „Das fängt im Kleinen an. Mal das Handy beim Essen unter die Serviette legen. Das geht heute besser als früher. Ich kann auch mal eine Einladung zu einem Event absagen.“

Den Druck, alles erleben und sehen zu müssen, hat der Musiker längst abgelegt. „Als ich jung war, musste ich alles mitnehmen. Man wusste es nicht besser. Man hatte Angst, was zu verpassen. Fomo (Anm. d. Red.: Abkürzung für „Fear of Missing Out“ = Angst, etwas zu verpassen) – die habe ich heute nicht mehr. Wenn früher lachende Menschen an meinem Fenster vorbeigelaufen sind, dachte ich mir: ‚Wo gehen die hin?‘ Heute können lachende Menschen an meinem Fenster vorbeilaufen und ich denke: ‚I don’t care.‘“

Neues Album, alte Zweifel: Auch Clueso kennt die Angst vorm Abgehängtwerden

Gerade erst hat Clueso sein inzwischen zehntes Album „Deja Vu 1/2“ veröffentlicht. Vier Jahre hat er sich dafür Zeit gelassen. Auch wenn Clueso in der Branche etabliert ist und treue Fans hat, kennt auch er die Sorge, vergessen zu werden.

„Die Menschen haben heute viel mehr Möglichkeiten, sich zu entscheiden, für was sie ihr Geld ausgeben. Ich bin nur ein kleiner Teil davon – eine Möglichkeit – eine Erinnerung. Klar denke ich manchmal, etwas anderes ist spannender als ich. Aber das geht vielen Künstlern so, nicht nur Musikern. Man fühlt sich heutzutage getrieben, viel mehr Promo machen zu müssen, viel mehr mit der Fahne zu schwenken, damit die Leute darauf aufmerksam werden. Weil eben das Entertainment-Angebot heute so groß ist. Also na klar, den Gedanken hatte ich: Werde ich abgehängt?“

Clueso wuchs in der DDR auf.
Clueso wuchs in der DDR auf.Sebastian Gollnow

Die Frage lässt sich mit „Nein“ beantworten. Clueso ist wieder da – und war eigentlich nie weg! Ob er heute auch so schnell den Anschluss finden würde, wenn er Newcomer wäre?

So ganz sicher scheint sich der Sänger nicht zu sein, auch wenn er an sein eigenes Talent glaubt. „Ich bin dankbar für meine Anfangsjahre, in denen es noch CDs gab. Ich würde heute auf jeden Fall mit der Zeit gehen. Ich hätte vielleicht ein Tattoo am Hals und würde ins Fitnessstudio gehen. (lacht) Ich glaube, ich wäre ein guter Influencer – aber mit Inhalt.“

Clueso ist nicht mit Social Media und KI aufgewachsen, er sieht vor allem in der Künstlichen Intelligenz eine Chance, aber auch Gefahren für die Musikindustrie. „KI ist immer noch in den Kinderschuhen. Man sollte die Ausfahrt zu dem Thema nicht verpassen. Aus Interesse beschäftige ich mich mit KI-geprompteter Musik und der Frage, wie es sein kann, dass diese einen berührt. Aber was ist in zehn Jahren? Da klingeln bei mir die Alarmglocken. Deswegen finde ich die Diskussion darüber wichtig. Was ist uns Kunst wert? Was passiert mit introvertierten Künstlern und wie kann man diese fördern?“

Clueso erinnert sich: Kindheit in der DDR und seine besondere Verbindung zu Berlin

Zum Schluss des Interviews müssen wir mit Clueso natürlich auch noch über Berlin sprechen. Obwohl er selbst nie in der Hauptstadt gewohnt hat, pflegt er eine ganz besondere Beziehung zu ihr. Schließlich wurde er 1980 in der DDR in Erfurt geboren und hat die Mauer in Berlin zusammen mit seinen Eltern und seinem Bruder hautnah miterlebt.

Wenn Clueso heute über diese Zeit spricht, wirken die Erinnerungen ganz nah. „Es gibt vor allem eine Kindheitserinnerung, die ganz tief in mir drin ist. Ich saß damals im Trabant, es war gerade eine 1. Mai-Demo, die Leute sind mit ihren Fähnchen durch die Straßen gelaufen. Ich weiß noch ganz genau, wie wir an dieser Pflasterstraße geparkt haben, ich die Mauer gesehen habe und meine Eltern gefragt habe: ‚Wieso geht es hier nicht weiter?‘ Meine Eltern kamen ins Stocken und meinten: ‚Da ist die Mauer!‘ Ich habe gefragt: ‚Wieso ist da eine Mauer?‘ Meine Eltern: ‚Die ist halt da!‘ Dann ich: ‚Was passiert, wenn man da durchläuft?‘ Meine Eltern: ‚Dann gibt’s richtig Stress.‘  Heute finde ich es spannend, zu wissen: Da war sie! Also, ich gucke schon ganz genau hin und sage dann auch zu Leuten, wo genau die Mauer langging.“

Clueso erklärt, warum die DDR seiner Meinung nach bis heute nachwirkt: „Ich bin letztens mit meinem Bruder bei uns in Erfurt Fahrrad gefahren und wir haben uns unsere alte Straße angesehen. Das alte Garagentor von damals war immer noch da. Alles wurde neu gemacht, außer das Haus, in dem wir gewohnt haben. Es geht natürlich viel um Erinnerungen, die Kindheit, vielleicht auch um eine unbeschwerte Zeit.“

Heute hat Clueso für Berlin ambivalente Gefühle – auch wenn die positiven überwiegen. „Ich habe hier schon so viel Zeit verbracht, abgehangen, Party gemacht, gearbeitet. Mit Berlin verbindet mich in gewisser Weise eine Art Hass-Liebe. Hass zum Beispiel dann, wenn man von A nach B muss und die Wege so weit sind oder man im Treppenhaus nicht gegrüßt wird. Liebe, wenn man das Gegenteil bekommt. Wenn Leute einen, die man gerade erst kennengelernt hat, von jetzt auf gleich auffangen. Sowas geht ganz schnell. Die Stadt hat viel zu bieten. Das wissen alle, deswegen wollen hier auch so viele Menschen hin.“

45 Minuten statt 25: Clueso liefert ab

Eine Stunde nach dem Interview sorgt Clueso dann mit Hits wie „Gewinner“ und „Zusammen“ für Energie. Geplant waren 25 Minuten – am Ende steht Clueso 45 Minuten auf der Bühne. Zu gut ist die Stimmung an diesem Abend, um nicht einfach weiterzumachen.

Clueso ist einer von den Künstlern, die nie lauter werden mussten, um gehört zu werden. Kein Skandal, keine Allüren – dafür jede Menge Gefühl und Nähe.

Während andere sich neu erfinden, bleibt Clueso sich selbst treu und geht trotzdem mit der Zeit. Wahrscheinlich ist genau das sein Erfolgsgeheimnis. Ein Künstler, der nie vergessen hat, wo er herkommt und genau deshalb bis heute so viele Menschen erreicht.

Das „House of New Energy“ finden Sie von Montag bis Samstag zwischen 10 und 18 Uhr in der Friedrichstraße 110.

Clueso können Sie ab dem 5. Juni 2026 auf seiner „Deja Vu Sommer Open Air“-Tour sehen.