Umstrittener Sonderweg im Anti-Corona-Kampf

Können wir wirklich von Schweden lernen?

Gegner der deutschen Lockdown-Maßnahmen glauben, dass die lockeren Skandinavier alles besser machen.

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Beliebtes Utensil auf Demos von Corona-Skeptikern: die schwedische Flagge.
Beliebtes Utensil auf Demos von Corona-Skeptikern: die schwedische Flagge.dpa/Sebastian Willnow

Ein beliebtes Utensil bei Demos gegen die deutschen Corona-Beschränkungen ist ein blau-gelbes Stückchen Stoff. Gern haben Protestler die schwedische Flagge dabei: Ausdruck dafür, dass eine freizügigere Corona-Strategie der bessere Weg sei. Keine Maskenpflicht, keine geschlossenen Lokale – und trotzdem ging die Zahl der Neuinfektionen in Schweden zuletzt stark zurück, während sie anderswo wieder steigt. Wie gut ist die Strategie der Skandinavier?

Ein halbes Jahr nach den ersten Corona-Fällen in Europa ist noch nicht abschließend geklärt, ob es die Schweden mit ihrem eigenwilligen Vorgehen besser machen als alle anderen. Seit Monaten wird über den Sonderweg gestritten: in der Wissenschaft, in der Politik. Auf Twitter heißt es oft: „Wer zuletzt lacht, lacht in Schweden.“

In wirtschaftlicher Hinsicht kam das EU-Land bislang in der Tat besser durch die Krise als andere: Zwar brach das BIP im zweiten Quartal um satte 8,6 Prozent ein, so stark wie seit 40 Jahren nicht. Der Rückgang lag jedoch unter den 10,1 Prozent, um die die deutsche Wirtschaft schrumpfte. Spanien und Italien erlitten noch heftigere Einbrüche.

Schaut man aber auf die langfristigen Corona-Zahlen, dann haben die Schweden einen hohen Preis gezahlt: Seit der ersten bestätigten Infektion im Januar wurde das Virus in dem Zehn-Millionen-Einwohner-Land bei über 83.000 Menschen nachgewiesen. Fast 5800 Erkrankte mit Corona-Infektion starben. Im April gab es hundert Tote täglich.

Im schwedischen Stockholm gelten laschere Corona-Regeln als bei uns: Menschen sitzen entspannt im Stadtzentrum vor einem Eiscafé.
Im schwedischen Stockholm gelten laschere Corona-Regeln als bei uns: Menschen sitzen entspannt im Stadtzentrum vor einem Eiscafé.dpa/AP/Ali Lorestani/TT News Agency

Auf die Einwohnerzahl gerechnet starben bis heute etwa fünfmal so viele Infizierte wie in Deutschland. Auch die Gesamtzahl der Infektionen liegt um ein Vielfaches höher. Dennoch verteidigt der Architekt der schwedischen Corona-Strategie, der Staatsepidemiologe Anders Tegnell, das Vorgehen. Dass Ältere nicht besser geschützt werden konnten, betrübt jedoch auch ihn. „Unser großes Versagen lag im Bereich der Langzeit- und Altenpflege. Die regionalen Ämter hätten besser vorbereitet sein müssen, dann hätte es weniger Tote gegeben“, sagt er.

Aber die Schweden machen Fortschritte. Die Zahl der Neuinfektionen ging seit Ende Juni deutlich zurück. Pro Tag kommen nur einige Hundert neue Fälle hinzu. Auf der Intensivstation liegen heute deutlich weniger Corona-Patienten. Die Zahl der täglichen Todesfälle ist konstant niedrig, wie Epidemologe Tegnell betont.

Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich auf die Einwohnerzahl gerechnet in den vergangenen 14 Tagen mehr als doppelt so viele Menschen infizierten wie in Deutschland. Auch die Todesrate ist höher als in den meisten EU-Ländern. Was häufig missachtet wird: Das Land geht zwar einen freizügigeren, mehr auf der Vernunft der Bürger basierenden Weg. Dass die Schweden ohne jegliche Beschränkungen daherleben, stimmt aber nicht.

„Die Leute sind nicht dumm in Schweden“, sagt der Statistiker Ola Rosling. „Auch wenn die Behörden nicht so strikt waren, hat die Öffentlichkeit ihr Verhalten definitiv geändert. Und darum geht es.“ Ja, die Schulen blieben auch auf dem Höhepunkt der Pandemie offen, ebenso wie Restaurants, Kneipen und Geschäfte. Maskenpflicht? Gab und gibt es nicht. Tegnell hält davon weiterhin nichts.

Der Staatsepidemiologe Anders Tegnell von der schwedischen Gesundheitsbehörde.
Der Staatsepidemiologe Anders Tegnell von der schwedischen Gesundheitsbehörde.dpa/AP/Pontus Lundahl/TT NEWS AGENCY

Dass das Leben weiterging wie zuvor, ist jedoch ein Trugschluss: Die nationale Gesundheitsbehörde mahnt gebetsmühlenhaft, Abstand zu halten. Öffentliche Versammlungen mit mehr als 50 Leuten bleiben verboten, Besuche in Altersheimen ebenfalls. Tegnell empfiehlt zudem, auch im Herbst im Homeoffice zu arbeiten. Die erhoffte „Herdenimmunität“ ist bis heute ausgeblieben.

Für Björn Olsen, Professor für Infektionskrankheiten, war die schwedische Strategie von Anfang an falsch. Zu viele Menschen hätten zu früh sterben müssen, weil sich ein Virus unkontrolliert verbreitet habe. Frühzeitige strikte Maßnahmen und Tests hätten geholfen. Olsen sagt: „Der Lockdown-Zug ist bereits abgefahren. Wir haben die Fahrkarte schon Mitte März auf dem Bahngleis verloren.“ (mit dpa)