Der Bilanzskandal um den Zahlungsabwickler ließ die Wirecard-Aktie um fast 70 Prozent einbrechen. Foto: Sven Hoppe/dpa

Der Wirtschaftskrimi um den Zahlungsabwickler Wirecard spitzt sich dramatisch zu. Wegen möglicher falscher Angaben zu „Täuschungszwecken“ in Milliardenhöhe musste der Dax-Konzern die Vorlage seines Jahresabschlusses für 2019 am Donnerstag quasi in letzter Minute ein weiteres Mal verschieben. Bei 1,9 Milliarden auf Treuhänderkonten in Asien verbuchten Geldern ist nach Untersuchungen der Bilanzprüfer von EY (Ernst & Young) unklar, ob diese Gelder tatsächlich existieren. 

Das Management hält es für denkbar, dass Wirecard Opfer eines gigantischen Betrugs geworden ist, und kündigte Strafanzeige gegen unbekannt an. Jetzt droht Wirecard die Zeit davonzulaufen: Wenn bis Freitag kein testierter Jahresabschluss vorliegt, könnten Banken dem Unternehmen Kredite über zwei Milliarden Euro kündigen.

Konzern droht sogar aus dem Dax zu fliegen

Der Kurs der Wirecard-Aktie stürzte nach den Nachrichten zeitweise um fast 70 Prozent auf 35 Euro in den Keller. Sollte sich der Kurs nicht nachhaltig erholen, droht dem Konzern Experten zufolge im September sogar der Abstieg aus dem deutschen Leitindex Dax.

Eigentlich wollte der Zahlungsabwickler aus Aschheim bei München noch am Vormittag die mehrfach verschobene Veröffentlichung seines Jahresabschlusses nachholen. Nachdem der Konzern die Abschlüsse der Jahre 2016 bis 2018 bereits einer Sonderprüfung durch das Prüfunternehmen KPMG unterzogen hatte, schauten sich die regulären Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY) nun die 2019er Zahlen besonders gründlich an.

Fragwürdige Gelder umfassen ein Viertel der Wirecard-Bilanzsumme

Doch für das Testat, das sie dem Abschluss vor der Veröffentlichung hätten geben müssen, fehlten offenbar entscheidende Belege. EY habe den Konzern darüber informiert, dass über die Existenz von Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro keine ausreichenden Prüfungsnachweise vorlägen. Es gebe Hinweise, dass dem Abschlussprüfer von einem Treuhänder oder aus dem Bereich von Banken, die die Treuhandkonten führen, „unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken vorgelegt wurden“. Damit gehe es um etwa ein Viertel von Wirecards gesamter Bilanzsumme.

Wirecard-Vorstandschef Markus Braun gerät immer stärker unter Druck.
Foto: Peter Kneffel/dpa

Hintergrund seien aktuelle Mitteilungen von zwei Banken, die die Treuhandkonten seit 2019 führen, hieß es. Demnach könnten die betreffenden Kontonummern nicht zugeordnet werden. Laut Wirecard-Chef Markus Braun hat der Wirtschaftsprüfer früher erteilte Bestätigungen der Banken nicht mehr anerkannt. „Alle Beteiligten sind um schnellstmögliche Aufklärung bemüht“, versicherte er.

Wirecard bietet Händlern im Internet und auch offline die Technik zur Abwicklung von elektronischen Zahlungen an, so etwa die Akzeptanz von Kreditkarten und auch die Risikoabsicherung von Zahlungen. Selbst in der Corona-Krise wuchs das Geschäft zuletzt weiter, auch weil die Menschen angesichts der Pandemie und geschlossener Geschäfte verstärkt online einkauften und öfter auf die Zahlung mit Bargeld verzichteten.

Anlegergemeinschaft prüft Sammelklage

Die Anlegergemeinschaft SdK prüft eine Sammelklage gegen den Dax-Konzern Wirecard. Dabei geht es um Schadenersatzansprüche wegen möglicher Pflichtverletzungen durch den Vorstand der Wirecard AG und insbesondere auch den Abschlussprüfer der Gesellschaft.

Zu allem Überfluss droht dem Wirecard wegen der erneuten Verschiebung der Bilanzvorlage Ärger mit der Deutschen Börse. Wie in solchen Fällen üblich, werde aufgrund der nicht fristgerechten Lieferung des Jahresfinanzberichts die Einleitung eines Sanktionsverfahrens geprüft, hieß es.