Kinderlähmung

Die Maschine war ihr Lebensretter. Die letzte Frau mit der Eisernen Lunge ist jetzt gestorben

Als Fünfjährige erkrankte sie an Polio. Die Kinderlähnumg zwang Martha Lillard für sieben Jahrzehnte zur Nutzung einer Eisernen Lunge. Nun ist die Amerikanerin mit 78 Jahren gestorben.

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Eine ausrangierte Eiserne Lunge  im einem Pathologischen Institut  in München. Auf so einen Apparat war Martha Lillard nach ihrer Kinderlähmung-Erkrankung angewiesen.
Eine ausrangierte Eiserne Lunge im einem Pathologischen Institut in München. Auf so einen Apparat war Martha Lillard nach ihrer Kinderlähmung-Erkrankung angewiesen.Peter Kneffel/dpa

Sie überlebte die Kinderlähmung, trotzte den Folgen der Krankheit und wurde sehr viel älter, als es Ärzte für möglich hielten. Doch fast ihr gesamtes Leben war Martha Lillard auf eine Eiserne Lunge angewiesen. Seit sie als kleines Mädchen an Polio  erkrankte, half ihr das historische Beatmungsgerät beim Atmen – mehr als sieben Jahrzehnte lang. Nun ist die Amerikanerin im Alter von 78 Jahren gestorben.

Als Kind konnte sie nur mit der Eisernen Lunge atmen

Martha Lillard aus Ohio infizierte sich 1953 im Alter von fünf Jahren mit dem Poliovirus – nur zwei Jahre bevor in den USA der erste wirksame Polio-Impfstoff eingeführt wurde. Die Krankheit lähmte große Teile ihres Körpers und beschädigte ihre Atemmuskulatur so schwer, dass sie ohne technische Hilfe nicht mehr ausreichend atmen konnte.

Ärzte legten das Mädchen in eine sogenannte Eiserne Lunge, einen großen Metallzylinder, der durch Unterdruck die Atmung unterstützt. Was zunächst eine lebensrettende Notmaßnahme war, wurde für Lillard zu einem lebenslangen Begleiter. Zunächst verbrachte sie viele Monate nahezu dauerhaft in dem Gerät. Später verbesserte sich ihr Zustand so weit, dass sie die Eiserne Lunge vor allem nachts zum Schlafen nutzte.

Während viele andere Betroffene später auf moderne Beatmungsgeräte umsteigen konnten, blieb Martha Lillard der historischen Technik treu. Wie sie sagte, bot ihr kein anderes System dieselbe Unterstützung und denselben Komfort.

Trotz Lungen-Lähmung ein erfülltes Leben

Trotz ihrer schweren Einschränkungen führte Lillard ein bemerkenswert selbstständiges Leben. Sie besuchte die Schule, lernte zeitweise sogar Auto zu fahren und lebte viele Jahre allein. Später engagierte sie sich ehrenamtlich unter anderem für den Tierschutz. Außerdem malte sie, schrieb Gedichte und komponierte Musik.

Ihre Familie beschreibt sie als kreative und lebensfrohe Frau, die sich nie auf ihre Krankheit reduzieren ließ. Ärzte hätten ihr einst vorausgesagt, sie werde kaum älter als 20 Jahre. Tatsächlich lebte sie fast sechs Jahrzehnte länger.

Alte Medizin-Technik wurde zum Problem

In den letzten Jahren wurde die Wartung der Eisernen Lunge zunehmend schwierig. Ersatzteile für die teilweise mehr als 80 Jahre alten Geräte sind kaum noch verfügbar, und nur noch wenige Fachleute kennen sich mit der Reparatur aus. Nach Berichten des Lokalsenders KFOR war Lillard zuletzt nahezu rund um die Uhr auf das Gerät angewiesen.

Bereits wenige Wochen vor ihrem Tod hatte sie öffentlich auf die Probleme aufmerksam gemacht und um Unterstützung bei der Instandhaltung der Maschine gebeten.

Martha Lillard war die Letzte mit der Eisernen Lunge

Der Texander Paul Alexander lebte mehr als 70 Jahre mit der Eisernen Lunge. Erst starb 2024 mit 78 Jahren.
Der Texander Paul Alexander lebte mehr als 70 Jahre mit der Eisernen Lunge. Erst starb 2024 mit 78 Jahren.Smiley N. Pool

Nach dem Tod des Texaners Paul Alexander im Jahr 2024, der ebenfalls mehr als 70 Jahre in einer Eisernen Lunge gelebt hatte, galt Lillard als letzte bekannte Amerikanerin, die das historische Beatmungsgerät noch regelmäßig nutzte.

Die Eiserne Lunge war in den 1940er- und 1950er-Jahren allgegenwärtig. Tausende Polio-Patienten verdankten ihr das Leben. Mit der Einführung wirksamer Impfstoffe verschwanden sowohl die Krankheit als auch die Geräte weitgehend aus dem Alltag der Krankenhäuser.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation konnten weltweite Impfprogramme seit den 1980er-Jahren Millionen Menschen vor dauerhaften Lähmungen und Hunderttausende vor dem Tod bewahren. Heute gilt Polio in weiten Teilen der Erde als nahezu ausgerottet.