Dr. Gregor Gysi wurde 1948 in Berlin geboren. Er studierte Jura und arbeitete als Anwalt. Bis1993 war er Parteivorsitzender der PDS und bis 2015 Vorsitzender der Bundestagsfraktion Die Linke. Foto: Michael Kappeler/dpa

So wie die Vereinigung der beiden deutschen Staaten angesichts des vorhandenen sehr großen Ungleichgewichts angelegt war, genügte es dem Westen im Kern, wenn der Osten einfach nur so würde, wie der Westen selbst war. Die Übernahme sinnvoller ostdeutscher Regelungen war nicht vorgesehen, sodass am Ende der grüne Pfeil an der Ampel zum nahezu einzigen Beispiel wurde, das den Menschen im Gedächtnis ist.

Dabei gab es Felder, in denen der Osten dem Westen voraus war. Wären sie übernommen worden, hätte dies das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen gestärkt und den Westdeutschen positive Vereinigungserlebnisse ermöglicht. Im Fall von Liebe und Sexualität galt das sogar im Wortsinne. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, nahm man in der ersten Hälfte der 90er-Jahre sogar ein unterschiedliches Sexualstrafrecht bei gleichgeschlechtlichen Beziehungen in Kauf. Später wurde klammheimlich eine dem DDR-Recht ähnliche Regelung deutschlandweit eingeführt.

Erwachsene Männer in der DDR – und nach der Einheit weiter im Ostteil Berlins und den ostdeutschen Ländern – durften junge Männer ab 14 Jahren ungestraft lieben. Strafbar war es nur dann, wenn es auch für heterosexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen strafbar war, zum Beispiel in einem Abhängigkeitsverhältnis. Im Westen hingegen war es für die erwachsenen Männer immer eine Straftat. Für Schwule stand diesbezüglich die Mauer auch nach dem 3. Oktober 1990 noch in Berlin, und so begab man sich zum Vollzug der Liebe halt in den Osten.

Gesellschaftlich gab es in beiden Teilen Deutschlands durchaus vergleichbare Vorbehalte, wie es 1989 der grandiose Film „Coming Out“ von Heiner Carow zeigte. Aber der rechtliche Rahmen war im Osten freier. Dies betraf noch mehr die gesellschaftlichen Bedingungen für eine selbstbestimmte Sexualität von Frauen.

Schwangerschaftsverhütung und -abbruch waren ab den 70er-Jahren deutlich besser geregelt als im Westen. Übrigens war das entsprechende Gesetz eines der wenigen, das die Volkskammer mit Gegenstimmen und Enthaltungen beschloss. Diese kamen aus den Reihen der CDU. Pille wie Abbruch der Schwangerschaft kosteten die DDR-Frauen nichts. Es gab auch keinen Beratungszwang.

Noch entscheidender aber war die wirtschaftliche Selbständigkeit der Frauen. Sie ermöglichte, bei der Partnerwahl individuelle Kriterien anzulegen. Die ökonomische Absicherung durch den Mann verlor Bedeutung. Undenkbar, dass der Ehemann – wie im Westen noch bis 1977 – einer beruflichen Tätigkeit seiner Ehefrau zustimmen musste, diese sogar kündigen durfte. Die Ehe war in der DDR nicht als Versorgungsinstitut angelegt, auch wenn der Staat sie mit dem sogenannten Ehekredit durchaus förderte. Das war eher ein Anreiz, Kinder zu bekommen, denn die zurückzuzahlende Summe verringerte sich pro Kind bis auf null beim dritten.

Im Westen geriet Sexualität an den Rand der Gesellschaft

Die wirtschaftliche Selbständigkeit machte es Frauen leichter, Partnerschaften zu beenden, wenn diese nicht mehr ihren Vorstellungen entsprachen. Nach meinen Erfahrungen als Anwalt spielten außereheliche Beziehungen bei Scheidungen in den 80ern etwa je zur Hälfte bei Männern und Frauen eine Rolle, während es auch in der DDR in früheren Jahrzehnten überwiegend die Männer betroffen hatte. Alleinerziehende, auch in der DDR zumeist Frauen, konnten diese Stellung deutlich leichter als im Westen ertragen, weil sie ökonomisch und sozial anders in die Gesellschaft eingebunden waren. Heute ist mit dieser Rolle nicht selten ein dramatischer sozialer Abstieg verbunden.

All dies führte dazu, dass gesellschaftliche Verklemmungen hinsichtlich der Sexualität im Osten auf breiterer Basis und eher evolutionär als revolutionär überwunden wurden. Im Westen geschah dies erst mit den 68ern – und nur für einen Teil der Gesellschaft. Ein Beispiel dafür ist die große Akzeptanz der Freikörperkultur in der DDR. Auch wenn man davon natürlich nicht direkt auf den Umgang mit Sexualität schließen kann, ist dieses weithin ungezwungene Verhältnis zur Nacktheit dennoch ein Fingerzeig für ein sexuell offeneres Leben. Dass nach der deutschen Einheit viele FKK-Strände wieder Bekleidungsnormen unterworfen wurden, ist in meinen Augen ein Kulturverlust.

Im Westen geriet Sexualität an den Rand der Gesellschaft oder in streng umgrenzte Gebiete. Später und erst recht heute im Internetzeitalter wurde die Sexualität als zentrale Werbebotschaft deutlich offener dargestellt. Im Osten war Sexualität viel früher selbstverständlicher und im besten Sinne alltäglicher, wenngleich deutlich zu wenig öffentlich diskutiert. Dass dies wohl nicht zuletzt auch mit der besseren Gleichstellung der DDR-Frauen zusammenhing, scheint mir schlüssig. Und wenn es im vereinigten Land immer noch Männer gibt, die eine Vergewaltigung in der Ehe für nicht strafbar halten, wird einem bewusst, wie weit der Weg noch ist, auch in Liebe und Sexualität Gleichberechtigung zu verwirklichen. Ein kleiner Blick zurück gen Osten kann dabei durchaus helfen.

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Sexualität & Liebe erschienen. Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de