Betrug bei Prüfung

Doppelgänger erschleichen Führerschein – Betrügerbande aufgeflogen

Immer häufiger wird bei der theoretischen Führerscheinprüfung gemogelt und betrogen. Das ruft auch organisierte Banden auf den Plan. In Heilbronn stehen jetzt eine Füherschein-Betrugstruppe vor Gericht

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Einer der Angeklagten im Prozess um organisierte Führerscheinkriminalität im Landgericht Heilbronn.
Einer der Angeklagten im Prozess um organisierte Führerscheinkriminalität im Landgericht Heilbronn.dpa

Fast jeder zweite Prüfling fällt bei der theoretischen Führerscheinprüfung durch. Da kommt so mancher auf die Idee, zu betrügen statt mehr für die Prüfung zu büffeln. Das wiederum nutzen organisierte Banden aus, die gegen viel Geld unter anderem Doppelgänger organisieren. Vor dem Heilbronner Landgericht hat nun einer der bislang wohl spektakulärsten Prozesse gegen eine mutmaßliche Bande von Führerscheinbetrügern begonnen. Wie funktioniert das System?

Ein Netzwerk an Doppelgängern für die Prüfungen

Fünf Angeklagte stehen in Heilbronn vor dem Richter, zwei von ihnen sind Inhaber von Fahrschulen. Die Männer mit deutscher, bulgarischer und syrischer Staatsangehörigkeit sollen ein aufwendiges Betrugssystem aufgebaut haben mit einen Netzwerk an Doppelgängern. Als sogenannte Stellvertreter übernahmen diese laut Anklage Dutzende theoretische Fahrprüfungen im Raum Heilbronn und Göppingen in Baden-Württemberg,  mindestens zwei auch in Bayern.

Die Inhaber der Fahrschulen organisierten demnach den Betrug.  Ihre mutmaßlichen Komplizen kümmerten sich um die Stellvertreter und waren deren Ansprechpartner am Tag der Tat. Für Interessenten, vor allem aus Bulgarien, wurden passende, möglichst ähnlich aussehende Doppelgänger gesucht. Nicht in allen Fällen waren diese aber bei den Prüfungen erfolgreich. Gezahlt werden musste trotzdem.

Unter den fünf Angeklagten im Prozess in Heilbronn sind Inhaber von Fahrschulen.
Unter den fünf Angeklagten im Prozess in Heilbronn sind Inhaber von Fahrschulen.dpa

Manche Fake-Kandidaten machen acht Prüfungen am Tag

Die Betrüger gehen bei ihren Taten stets nach dem gleichen Muster vor: Hat ein interessierter Prüfling Sprachprobleme, weiß er schlicht zu wenig oder ist zu nervös, wird aus einem Pool ein ähnlich aussehender Doppelgänger ausgesucht. Dieser weist sich mit dem Dokument des Prüflings aus und absolviert anstelle des Kunden den Test – und besteht ihn im besten Fall auch. „Das ist ein gut organisiertes Netzwerk, in dem die Stellvertreter regelrecht Termine abarbeiten“, sagt Marcellus Kaup vom Tüv Süd. „Manche absolvieren bis zu acht Prüfungen am Tag und im ganzen Land.“

Es werden bei den Prüfungen aber nicht nur Doppelgänger beauftragt, es werden auch versteckte Ohrhörer, Mini-Kameras oder - ganz traditionell und oft auf eigene Faust - Spickzettel benutzt. Mehr als 4.200 Täuschungsversuche wurden nach Verbandsangaben im vergangenen Jahr bei theoretischen Prüfungen registriert.

Bis zu 6000 Euro zahlten Prüflinge für den Betrug

Insgesamt sind die Männer in Heilbronn wegen 59 Taten angeklagt. Die Prüfungen seien eine „Einnahmequelle von erheblichem Umfang und einiger Dauer“ gewesen, sagte der Staatsanwalt in seiner rund zweistündigen Anklageverlesung zum Prozessauftakt.
Prüflinge hätten im Normalfall etwa 2000 Euro gezahlt, in Einzelfällen auch 3000 oder 6000 Euro.  Gemeinsam sollen die Männer mehr als 179.000 Euro eingenommen und das Geld aufgeteilt haben.

Die Angeklagten mit deutscher, bulgarischer und syrischer Staatsangehörigkeit sollen ein aufwendiges Betrugssystem aufgebaut haben.
Die Angeklagten mit deutscher, bulgarischer und syrischer Staatsangehörigkeit sollen ein aufwendiges Betrugssystem aufgebaut haben.Marijan Murat / dpa

Es ist nicht der erste, aber der größte Prozess gegen die Gruppe: Ein mutmaßlicher Komplize war bereits im März in Heilbronn rechtskräftig zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Er wurde des Betrugs in 31 Fällen schuldig gesprochen, weil er sich als Doppelgänger ausgegeben hatte.

Im aktuellen Fall gab es zwar ein Verständigungsgespräch vor dem Auftakt. Darin brachte die Staatsanwaltschaft Haftstrafen zwischen drei und fünfeinhalb Jahren ins Spiel, sollten die Angeklagten nicht gestehen. Die Verteidigung ging aber von deutlich geringeren Strafen aus. Eine Entscheidung über Geständnisse oder Einlassungen, die den Prozess deutlich verkürzen könnten, ist noch nicht gefallen.

Führerscheinprüfung im Rundum-Sorglos-Paket

„Die aktuellen Zahlen zeigen, dass sich der Prüfungsbetrug nach einem starken Anstieg in den Vorjahren auf einem hohen Niveau stabilisiert“, sagt Fani Zaneta vom Tüv-Verband. Ermittler und Gerichte decken demnach immer wieder weit verzweigte Systeme der organisierten Kriminalität auf, die den Betrug bei der Führerscheinprüfung im Rundum-Sorglos-Paket anbieten – ein deutschlandweites Millionengeschäft.
Der Tüv-Verband geht davon aus, dass bundesweit gut jeder zweite aufgedeckte Betrugsfall bei Führerscheinprüfungen professionell organisiert ist – die Dunkelziffer bleibt hoch. Der Bedarf scheint es auch zu sein: Im vergangenen Jahr fielen laut Tüv-Verband bei fast jeder zweiten Führerscheinprüfung (41 Prozent) die Kandidaten durch.