Stromausfall in Zehlendorf

„Wir fühlen uns hier echt alleingelassen“

Tausende ohne Strom in Zehlendorf: Familien frieren, improvisieren mit Campingkochern und Notstrom. So sieht der Alltag im Ausnahmezustand aus.

Author - Sebastian Karkos
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Angelika Flohr im Treppenhaus ihres Hauses in Zehlendorf.
Angelika Flohr im Treppenhaus ihres Hauses in Zehlendorf.Sebastian Karkos

Der Stromausfall in Steglitz-Zehlendorf. Bis voraussichtlich Donnerstag sind Tausende Haushalte und Läden ohne Strom. In Zehlendorf ist die Situation kurios, denn der Stadtteil ist derzeit zweigeteilt – getrennt durch die Bahnbrücke.

Nimmt man am S-Bahnhof Zehlendorf den Ausgang Richtung Rathaus, bemerkt man nichts vom Ausfall: Menschen gehen normal einkaufen, die Ampeln funktionieren. Geht man auf die andere Seite, scheint es Sonntag zu sein. Die Geschäfte sind zu, die Lichter aus.

Der KURIER kommt in der Machnower Straße mit Michael Riedel (70) ins Gespräch. Auch er ist derzeit stromlos. Er sagt: „Gut ist, dass hinter der Bahn alles normal ist. Man kann alles holen, was man braucht, sich ins Café setzen und muss nicht aus der Stadt raus.“ Riedel über seine heimische Situation: „In der Wohnung haben wir 15 Grad. Man muss sich möglichst bewegen und darf nicht still sitzen. Für Ältere ist die Situation schwierig. In unserem Haus wohnt eine ältere Dame, die von ihrer Tochter in ein Hotel in Potsdam mitgenommen wurde.“ So viel Glück hat nicht jeder.

Michael Riedel kommt von Besorgungen auf der „anderen Seite“ der Bahnbrücke.
Michael Riedel kommt von Besorgungen auf der „anderen Seite“ der Bahnbrücke.Sebastian Karkos

Wir treffen Angelika Flohr (68) in der Sachtlebenstraße. Sie berichtet: „Das Schwierigste ist dieses Ungeschütztsein. Wir haben ein bisschen Angst. Sonntag waren wir unterwegs, sind abends heimgekommen. Wir waren bei einer Freundin, um uns aufzuwärmen. Und wenn man hierherkommt, brennen keine Lichter, hier kommt keine Polizei vorbei, hier ist nichts. Es ist so gruselig. Ich nehme meine Handtasche mit ins Schlafzimmer, weil ich Angst habe, wenn vorne jemand die Tür aufbricht, dann ist alles weg.“

Familie Flohr hat sich für 369 Euro ein Notstromaggregat gekauft

Sie und ihr Mann helfen sich bei 13 Grad in der Wohnung selbst: „Wir sind Camper, haben den Gaskocher geholt. Auf dem Balkon haben wir ein Notaggregat aufgestellt, damit wir den Kühlschrank betreiben können. 369 Euro hat das Ding gekostet.“ Sie ist sauer und sagt: „Wir fühlen uns hier echt alleingelassen. Man hört, die Polizei fährt überall herum und es werden Strahler aufgestellt an irgendwelchen Kreuzungen. Hier passiert nichts. Und hier wohnen eine Menge alter Leute. Ich finde es schlimm.“

Rosemarie Neugebauer kann sich dank Campingkocher wenigstens etwas warm machen.
Rosemarie Neugebauer kann sich dank Campingkocher wenigstens etwas warm machen.Sebastian Karkos

Ihre Nachbarin Rosemarie Neugebauer (68) hat sich ähnlich beholfen in der Notsituation – mit einem Campingkocher. Den hat sie sich zu Corona-Zeiten geholt, doch damals nie benötigt. Die Rentnerin: „Ich kann mir wenigstens Wasser oder ’ne Suppe warm machen.“ Ihr Problem: In der Nacht vor dem Stromausfall hat sie die Balkonjalousien heruntergelassen. Diese sind strombetrieben. Folge: In ihrem Wohnzimmer ist es dunkel. Und auf dem Balkon liegt Joghurt. Und wie sie sagt: „Jede Menge Joghurt. Ich würde meinen Enkeln gerne Joghurt anbieten.“

Das ist kein normales Fensterbrett, sondern derzeit ein Kühlschrank.
Das ist kein normales Fensterbrett, sondern derzeit ein Kühlschrank.Sebastian Karkos

Not macht erfinderisch: Das Fensterbrett wird aktuell als Kühlschrank benutzt. Ein Notstromaggregat hat sich Frau Neugebauer im Übrigen im Internet bestellt, bleibt nur ein Problem: Der Paketbote wird nicht an der Tür des Mehrfamilienhauses klingeln können. Ohne Strom passiert nichts …

Fazit von Frau Neugebauer: „Man ist extremst vom Strom abhängig. Ich habe jede Menge Helferlein, die alle mit Strom laufen. Ich meine, dass mal der Strom ausfällt, ein Tag lang, gut, kann ja mal passieren. Aber so lange …?“

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