Mathieu Honoré (40, li.) und Philipp Grieß (40) an ihrem Schneidetisch, an dem der Dokumentarfilm „Sturmfahrt“ über den Weltumsegler Boris Herrmann entsteht. Sabine Gudath

Er trotzte meterhohen Wellen und so manchem schweren Sturm: Boris Herrmann (40), der allein in seinem Hightech-Boot „Seaexplorer“ in 80 Tagen die Welt umsegelte. Jetzt schicken ihn zwei Berliner noch einmal auf diese Höllenfahrt. Von Prenzlauer Berg aus, wo sie die Bilder des Wahnsinnsrennens des Deutschen zu neuem Leben erwecken.

In einem Mietshaus an der Pappelallee sitzen Filmemacher Philipp Grieß (40) und sein Cutter Mathieu Honoré (40) am Schneidetisch. Auf den Monitoren begutachten sie gerade Aufnahmen davon, wie sich Boris Herrmann mit seiner 16 Meter langen Jacht durch die unendlichen Weiten der Ozeane kämpft. Es ist sind packende, einmalige Szenen, als säße man bei dem Deutschen direkt mit im Boot, in das ständig Wassermassen hineingespült werden. Man sieht, wie mächtige Wellen gegen das Schiff krachen, es wie eine Nussschale auf dem Meer tanzen lassen. Dieser Segeltörn war keine Spazierfahrt.

Allein in den Weiten des Ozeans: Boris Herrmann auf seiner Rennjacht „Seaexplorer“ zeigt in die Richtung, wo es bei seiner Weltumseglung langgeht.  dpa

Die Bilder gehören zu den letzten Schnitten für den Ufa-Film „Sturmfahrt“, den der Streaming-Kanal TVnow (gehört zu RTL) ab dem 4. Oktober zeigt. Eine Dokumentation über Star-Segler Boris Herrmann, der es als einziger Deutscher schaffte, die Vendée Globe, die härteste Bootsregatta der Welt, zu bestehen. 33 Teilnehmer starteten am 8. November 2020 an der Atlantikküste Frankreichs. Acht Segler gaben wegen Bootschäden auf der 44.448 Kilometer langen Strecke auf. Am 27. Januar 2021 kehrte Boris Hermann mit der „Seaexplorer“ nach 80 Tagen als Fünfter des Rennens zurück.

Die  „Seaexplorer“ jagt mit einer Spitzengeschwindigleit von bis zu 50 Stundenkilometern über das Meer. Mit dem Boot umsegelte Boris Herrmann in 80 Tagen die Weltmeere. dpa

Die Weltumseglung wurde auch für die Filmemacher zum Abenteuer 

„Nicht nur für Boris Herrmann war diese Fahrt ein Abenteuer – auch für uns Filmemacher“, sagt Philipp Grieß. „Schließlich durfte laut Reglement kein Kamerateam auf die Boote, die das dokumentieren, was auf der härtesten Wettfahrt der Welt passiert. Es gab nur offizielle Aufnahmen vom Start. Dass wir dennoch diesen Film machen konnten und auch den Zuschauern erstmals spannend erzählen können, was sich wirklich auf so einem Rennen zwischen Start und Ziel abspielt, war schon eine große Herausforderung.“

In dieser engen Koje verbrachte Boris Herrmann die Tage an Bord. 2019 schipperte er mit Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg über den Atlantik nach New York. dpa

Und die fing mit Ufa-Chef und Filmproduzent Nico Hofmann an. „Als begeisterter Segler hatte er die Idee zu dieser Dokumentation“, sagt Grieß. „Nach der Regatta kam er im Februar zu mir und sagte, dass wir uns mit Boris Herrmann treffen.“ Doch wie soll man eine Doku über seine Weltumseglung machen, wenn es davon offenbar kein Filmmaterial gibt?

Der Zufall half. Am Ende erhielt Grieß nicht nur die Audio-Logbücher des Star-Seglers, sondern auch zwölf Stunden Videomaterial, die Herrmann mit seinem iPhone und einer Drohne während der Fahrt drehte. „Ein Boot sicher durch das wilde Meer und durch Stürme zu steuern und dann auch noch die Geschehnisse an Bord zu filmen, so weit es ging – das ist eine Leistung, die unseren Respekt verdient“, sagt Grieß, Regisseur und Autor der Dokumentation.

Eine Szene aus der Doku „Sturmfahrt“: Eine meterhohe Welle flutet das Segelschiff von Boris Herrmann. Foto: RTL

Die Arbeiten an der Doku dauerten länger als die Weltumseglung

Fünf Monate arbeitete er mit dem Schnitt-Experten Honoré an „Sturmfahrt“. „Aus der Fülle dieses umfangreichen packenden Materials, das uns Herrmann gab, eine 90 Minuten lange Doku zu machen, war gar nicht so einfach“, sagt Grieß. „Beim Sichten des Materials erlebten wir das Abenteuer seiner Weltumseglung komplett mit. Drei Monate allein und auf engstem Raum den Kräften des Meeres ausgesetzt zu sein, sich wie ein Astronaut von Essen aus Plastiktüten zu ernähren, kaum Schlaf zu haben, weil man ein Boot beherrschen muss, das mit fast 50 Stundenkilometern über das Wasser jagt, das ist sehr extrem. Das alles wird im Film zu sehen sein.“ 

Die „Sturmfahrt“-Macher beeindruckte, dass der Star-Segler offen zeigt, wenn er am Ende seiner Kräfte ist oder einfach nur Angst hat. Etwa, als er auf offener See im Südatlantik auf den fast 30 Meter hohen Mast klettern muss, um eine verklemmte Halterung am Hauptsegel zu lösen. Das Boot kracht mit voller Stärke gegen die Wellen, schwankt hin und her, während Herrmann da oben hängt. Später erzählt er, dass er unheimliche Höhenangst hatte. Seit seiner Kindheit leidet er darunter.

Knapp einen Monat nach dem Start der Weltumseglung sieht man im Film Herrmann erschöpft und weinend auf seinem Boot sitzen. Er ist bereits am Rande des Südpolarmeeres und offenbar am Ende seiner Nerven. Der Grund ist eine dramatische Rettungsaktion. Der französische Segler Kevin Escoffier erlitt mit seinem Boot Schiffbruch, trieb stundenlang in einer Rettungsinsel auf dem Meer herum. Herrmann hatte sich an der Suche nach dem Franzosen beteiligt – ohne Erfolg. Als er nach Stunden des Bangens die Nachricht über Funk hört, dass ein anderer Segler Escoffier auf sein Schiff genommen hat, lässt Herrmann seine Emotionen einfach raus.

Boris Herrmann startete seine Wahnsinnsfahrt an der französischen Atlantikküste. Weiter ging es an der westafrikanischen Küste vorbei zum Kap der Guten Hoffnung, dann in Richtung Australien und Südpolarmeer. Vom Kap Hoorn führte die Route zurück nach Frankreich. Imago

Rettungsaktion und Crash vorm Ziel: Doku zeigt, wie der Star-Segler an seine Grenzen geht

Auch am Ende der Fahrt, die zu einem Krimi wird. Herrmann und vier weitere Segler liegen in Führung. Und dann passiert es: Einen Tag vor dem Erreichen des Ziels rammt das Segelschiff des Deutschen nachts ein Fischerboot. Herrmann lag schlafend in der Koje, als der Unfall geschah. Er zeigt im Film deutlich seinen Frust: „Ich habe gekämpft wie ein Löwe – und dann das.“ Platz fünf für den Deutschen: Das härteste Segelrennen der Welt gewinnt der Franzose Yannick Bestaven.

So ein dramatischer Höhepunkt am Schluss: „Besser hätte es auch Hollywood nicht machen können“, sagen die Filmemacher Grieß und Honoré. „Das Leben schreibt nun einmal die besten Geschichten. Das ist genau der Zauber, der einen guten Dokumentarfilm ausmacht.“

Philipp Grieß und Mathieu Honoré arbeiteten fast fünf Monate an den Film „Sturmfahrt“ – länger, als die Wettfahrt dauerte. Sabine Gudath

Auf diesen Zauber setzt nun verstärkt die Ufa, die bisher mit historisch-fiktionalen Serien wie „Babylon Berlin“, „Ku’damm 56“ oder „Unsere Mütter, unsere Väter“ glänzte. „Expedition Arktis“ war die erste Doku des Berliner Filmunternehmens, die 2020 für die ARD produziert und bereits in 170 Länder verkauft wurde. Ihr Macher war ebenfalls Philipp Grieß, der zuvor „Terra-X“-Folgen für das ZDF drehte.

Nun hat die Ufa mit Ufa-Documentary eine eigene Doku-Abteilung gegründet, der Film „Sturmfahrt“ ist die erste Produktion. Weitere sollen folgen. So ist eine Doku über die Berliner Pop-Band Rosenstolz geplant, die in der ARD-Mediathek und beim MDR laufen soll.