Auf nach Berlin! Russische Panzer rollen mittels einer Behelfsbrücke über die Oder, abgelöste Infanterie marschiert von der Front ins Hinterland. Foto: Patrick Pleul / dpa picture alliance / ZB / Gedenkstätte Seelower Höhen

Umgeben von blühenden Obstbäumen erwartet Stefan Doernberg die große Schlacht. Die bunten Gärten und der militärische Aufmarsch im Oderbruch – das kann gegensätzlicher nicht sein, es entspricht aber seiner Stimmung. „Die Natur selbst schien zu demonstrieren“, schreibt er später, „dass der langersehnte Völkerfrühling für alle europäischen Völker, auch das deutsche Volk, angebrochen war.“

Mit seinen Eltern – beide Juden, der Vater KPD-Funktionär – war Doernberg 1935 in die Sowjetunion emigriert, da war er elf Jahre alt. Jetzt will er helfen, seine Geburtsstadt zu befreien. Als Leutnant der 8. Gardearmee nimmt er an der „Berliner Operation“ teil, die den kriegsentscheidenden Schlag gegen Hitler-Deutschland führen soll.

In den späten Abendstunden des 15. April 1945 fordert die sowjetische die deutsche Seite mit Lautsprechern und auf Flugblättern dazu auf, sich angesichts ihrer aussichtslosen Lage in Gefangenschaft zu begeben. Vergebens.

Am Oderdeich, Februar 1945: Rotarmisten haben sich hinter einem Maschinengewehr verschanzt. Foto: Patrick Pleul / dpa picture alliance / ZB / Gedenkstätte Seelower Höhen

Umgeben von jungem Grün hört Marta Mierendorff die große Schlacht. Sie sitzt auf einem Friedhof in Berlin. Aus der Ferne dringt das Donnern der Artillerie zu ihr. Sie weiß: „Eine neue ,Offensive Oder/Berlin‘ hat begonnen.“

Seit Februar 1945 ist die Verkäuferin und Stenotypistin wieder in Berlin, wo sie 1911 geboren wurde. Sie vermisst ihren Mann, Gottfried Solomon, mit dem sie, weil er Jude ist, eine „Untergrundehe“ führt. Vor zwei Jahren sind er und seine Mutter deportiert worden.

Wie so viele Berliner verbringt sie viele Stunden im Keller. Britische Bomber haben in der Nacht zum 16. April drei Angriffswellen auf die Stadt geflogen, Bomben sind um ihr Haus an der Gernotstraße 37 in Lichtenberg gefallen. Und jetzt, am Tag, da sie in der Sonne sitzt und das Donnern aus dem Osten hört, schreibt sie in ihr Tagebuch: „Obdachlosigkeit und Tod stehen jeden Tag bevor.“

Marschall Schukow führt den Hauptschlag

Rund 70 Kilometer von Berlin entfernt tobt seit den frühen Morgenstunden des 16. April eine große Schlacht – sie wird die größte Schlacht des Zweiten Weltkriegs auf deutschem Boden.

Im Norden und in der Mitte der Oderfront vor Berlin stehen die 1. und die 2. Weißrussische Front unter den Marschällen Georgij K. Schukow und Konstantin K. Rokossowskij, im Süden steht die 1. Ukrainische Front unter Marschall Iwan S. Konew; alles in allem zweieinhalb Millionen sowjetische Soldaten, unter ihnen auch polnische, gegen noch nicht mal eine Million deutsche.

Den Hauptschlag bei der „Berliner Operation“ sollen Schukows Truppen vor den Seelower Höhen führen, danach sollen sie den direkten Weg zur Reichshauptstadt nehmen. Seinen etwas mehr als 900.000 Soldaten – zu ihnen zählen auch Soldaten der 1. Polnischen Armee – stehen knapp 130.000 Soldaten der 9. Armee unter dem Oberbefehl von General Theodor Busse gegenüber. Hoffnungslos unterlegen sind die deutschen Streitkräfte auch in der Anzahl von Geschützen, Panzern und Flugzeugen.

An den Seelower Höhen im Oderbruch, der letzten Verteidigungslinie vor Berlin, hat sowjetische Artillerie Stellung bezogen. Vier Tage lang, vom 16. bis zum 19. April 1945, währt die Schlacht. Foto: dpa picture alliance/Heritage Image

Begonnen hat die Schlacht um 3 Uhr mit einem 25-minütigen Trommelfeuer aus 40.000 sowjetischen Artilleriegeschützen. „Die gesamte Talniederung der Oder erbebte“, berichtet später Generaloberst Wasilij I. Tschujkow, Befehlshaber der 8. Gardearmee. „Im Brückenkopf wurde es hell wie am Tag. Der Feuerorkan griff auf die Seelower Höhen über. Es war, als ob die aufgewühlte Erde wie eine dichte Wand in den Himmel aufragte.“

An den Feuerorkan und an das, was ihm folgte, erinnert in Seelow, einem Ort am Westrand des Oderbruchs, der damals auf der Hauptangriffsachse lag, eine Gedenkstätte. Auf einem Hügel steht das Mahnmal eines Sowjetsoldaten, zu dessen Füßen befinden sich Gräber von Rotarmisten und ein Museum. Am anderen Ende von Seelow, dem westlichen, liegt ein Friedhof mit Gräbern von Wehrmachtssoldaten.

... irrsinnige Verluste (...) beten, schreien, springen, Todesangst, jede Stunde war ein Geburtstag.

Ein Zeitzeuge

Fünfzehn Jahre ist es her, da besuchte ich Seelow mit einem Zeitzeugen. Er war als 17-Jähriger zur Wehrmacht eingezogen worden, hatte in der Ukraine, in Polen, in Frankreich kämpfen müssen. Und schließlich im Oderbruch. Er führte als Unteroffizier im Panzergrenadier-Regiment 76 eine Einheit mit drei schweren Maschinengewehren. Damals war er 19. Viele Sätze sind mir in Erinnerung geblieben; einer davon: „Das mag man gar nicht glauben, was der Mensch aushalten kann.“

Schwer fiel ihm der Besuch in seiner Vergangenheit. Mit zitternden Lippen und mit brüchiger Stimme berichtete er. An der Gedenkstätte, am Mahnmal, blickte er nachdenklich über das Oderbruch und dann hinauf zum Soldaten. „Wenn das ein Mensch wäre, was würde der wohl sagen?“ Dann murmelte er: „Umsonst! Alles umsonst! Millionen!“

Wie er den Feuerorkan am Morgen des 16. April erlebte, das schrieb er sich einst in Stichworten auf, hoffend, seine Albträume loszuwerden: „... die Hölle, Wahnsinn, Tausende Granaten, springen von Trichter zu Trichter, kein Schutz, da alle Stellungen zerstört, jeder Quadratmeter Erde mehrfach umgepflügt, irrsinnige Verluste (...) beten, schreien, springen, Todesangst, jede Stunde war ein Geburtstag.“

Im Oderbruch, April 1945: Grenadiere der Wehrmacht, mit Panzerfäusten bewaffnet, haben sich in Erwartung eines Angriffs eingegraben. Foto: ullstein bild

Die Angreifer wollen die Seelower Höhen schon am ersten Tag erstürmen. Aber ihr Vorstoß, der ihrem Trommelfeuer folgt, bleibt nach ersten Geländegewinnen stecken. Der Grund: Die Verteidiger haben sich tief verschanzt.

„Bei den Vorbereitungen der Operation haben wir das schwierige Gelände der Seelower Höhen etwas unterschätzt“, übt Marschall Schukow später Selbstkritik. „Die Schuld für diese Unterlassung muß ich vor allem auf mich nehmen.“

Der deutsche Abwehrerfolg ist folgenschwer erkämpft. „Die Verluste an Menschen und Waffen waren nicht mehr auszugleichen“, berichtet General Busse, Oberbefehlshaber der 9. Armee. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Widerstandskraft seiner Soldaten zusammenbricht.

Mehr Erfolg als Marschall Schukow hat Marschall Konew. In den Vormittagsstunden des 16. April durchbrechen seine Soldaten die deutschen Stellungen zwischen Guben und Forst. Er lässt zwei Panzerarmeen nachstoßen, in Richtung Elbe und Berlin.

Mit Omnibussen an die Oderfront

Endgültig widerlegt ist Hitlers Annahme, die sowjetische Konzentration von Truppen an der Oder sei ein Ablenkungsmanöver, der sowjetische Hauptstoß werde sich nicht gegen Berlin, sondern über Dresden gegen Prag richten. Jetzt sind sich die Verantwortlichen uneins, wo die Reichshauptstadt verteidigt werden soll: an der Oder, in der Stadt selbst?

Von den ohnehin ungenügenden Einheiten zur Verteidigung Berlins lässt Hitler vier Bataillone des Volkssturms abziehen. Mit Omnibussen werden die Männer an die Oderfront gefahren.

„Die Stadt summt wie ein Bienenschwarm“, notiert der 16-jährige Flakhelfer Dieter Borkowski am 16. April in sein Tagebuch. „Die Panzersperren (...) werden besetzt, Lebensmittelrationen (...) sind heute vorfristig aufgerufen worden. Vor den Geschäften stehen lange Menschenschlangen, viele haben Angst, daß es der letzte Einkauf ist.“

Die deutsche Westfront bricht derweil auseinander: Am 17. April kapituliert im Ruhrgebiet die Heeresgruppe B, am 19. erobern amerikanische Truppen Leipzig und Chemnitz, fünf Tage zuvor haben amerikanische Soldaten die Elbe erreicht, bei Barby, südlich von Magdeburg.

Da ist nur noch Instinkt, vielleicht nicht mal das. Da ist nichts mehr menschlich.

Ein Zeitzeuge

Vier Tage lang tobt die Schlacht um die Seelower Höhen.

Wie überlebte der Mann, der als 19-jähriger Unteroffizier im Oderbruch kämpfte und den ich vor fünfzehn Jahren kennenlernte durfte?

Am Ende des ersten Schlachttages wird er in einem Hauskeller in Dolgelin verschüttet, unverletzt kann er sich befreien. „Im Keller waren auch Polen, die meisten waren tot.“

Am zweiten Tag findet er sich mit versprengten Kameraden in Alt-Mahlisch wieder. „Versuch, Russen aufzuhalten, scheitert.“

Am dritten stehen sie in Lietzen-Vorwerk. „Unterwegs Tote, Tote und Verwundete, (ihnen) konnte nicht geholfen werden.“

Am vierten liegen sie in Lietzen. „Häuserkampf, Gemetzel.“

Was geht da in einem vor?

„Da ist nur noch Instinkt, vielleicht nicht mal das. Da ist nichts mehr menschlich.“

Und am Ende steht der zigtausendfache Tod. Bei der Schlacht um die Seelower Höhen verlieren 33.000 russische und 5000 polnische sowie 12.000 deutsche Soldaten ihr Leben. Wie viele Zivilisten umkommen, darüber gibt es keine Angaben.

Die Schlacht ist geschlagen. Erbeutete deutsche Geschütze stehen im April 1945 am Rand einer Ortschaft im Oderbruch. Foto: imago stock & people

Warum streckten so viele deutsche Soldaten ihre Waffen nicht? Weil sie so gedrillt waren durch jahrelange Ideologisierung, weil sie treu zu ihrem Eid auf den „Führer“ standen, weil sie ihre Heimat verteidigen, ihre Familie schützen und ihre Kameraden nicht im Stich lassen wollten, weil sie Angst vor Standgerichten und Gefangenschaft in Sowjetrussland hatten.

Am Abend des 19. April ist die 9. Armee geschlagen. Die Überlebenden versuchen, sich irgendwie zurückzuziehen. An der Front sind kilometerlange Lücken entstanden. Der Weg nach Berlin ist für Schukow frei. Für die Verteidigung der Stadt stehen hauptsächlich notdürftig zusammengestellte Einheiten (Wehrmacht und SS), ältere Männer (Volkssturm) und noch halbe Kinder (Hitlerjugend) bereit.

Am Abend desselben Tages hält Propagandaminister Joseph Goebbels eine Rede im Rundfunk, anlässlich des bevorstehenden Geburtstages Hitlers, „Deutschlands tapferstes Herz und unseres Volkes glühendster Wille“. Der Krieg neige sich dem Ende zu, die Feindmächte – und „das internationale Judentum“ als ihr „Einpeitscher“ – hätten über die Menschheit „Wahnsinn“ gebracht, der „in der ganzen Welt nur ein Gefühl der Scham und des Ekels“ hinterlasse. „Wenn es noch einen Ausweg aus der tödlichen ernsten Gefahr gibt, wir haben es ihm zu verdanken.“

In der Nacht beginnt die 2. Weißrussische Front unter Marschall Rokossowskij damit, die Oder zwischen Stettin und Schwedt zu überqueren.

Goebbels kündigt „ein zweites Cannae“ an

Die Ereignisse am Tag darauf, am 20. April, dem 56. Geburtstag Hitlers, überschlagen sich: Berlin ruft den Belagerungszustand aus; die Stadt erlebt den letzten strategischen Bombenangriff der westalliierten Luftwaffenverbände; Nürnberg, die „Stadt der Reichsparteitage“, wird von amerikanischen Truppen erobert.

Am Nachmittag kommt die Führung des NS-Regimes in den bombenbeschädigten Räumen der Neuen Reichskanzlei zum Gratulieren zusammen: Hermann Göring, Martin Bormann, Heinrich Himmler, Robert Ley, Joachim von Ribbentrop, Karl Dönitz und Albert Speer, natürlich Goebbels, einige Gauleiter und Spitzen der Wehrmacht.

Die meisten Gratulanten sind ungeduldig; sie wissen, dass sowjetische Streitkräfte dabei sind, einen Ring um Berlin zu schließen. Stunde um Stunde verengen sich die Fluchtkorridore. Goebbels rühmt indessen das militärische Genie des „Führers“ und kündigt an, der werde den Angreifer „ein zweites Cannae“ bereiten (im Jahr 216 v. Chr. schlug ein karthagisches Heer unter Hannibal ein zahlenmäßig weit überlegenes römisches vernichtend).

Bei einer anschließenden Lagebesprechung befiehlt Hitler, die im Norden und Osten bis an den äußeren Verteidigungsring vorgestoßenen sowjetischen Verbände in einem mit aller Kraft geführten Gewaltschlag zurückzuwerfen. Dabei setzt er – nicht zum ersten und letzten Mal – Truppen ein, die nur in seiner Fantasie marschieren.

Göring flieht, Hitler ist tief enttäuscht

Am Abend zuvor hat Hitler bewogen, Berlin zu verlassen und den Krieg vom Obersalzberg aus weiterzuführen. Goebbels hat ihn zum Bleiben überredet: Den Schwüren von einst und seinem historischen Rang sei er, der „Führer“, es schuldig, den Tod, so er ihm bestimmt sei, in den Trümmern der Reichshauptstadt zu suchen.

Seinen Gratulanten teilt Hitler mit, er wolle sich in Berlin seinem „Schicksal“ überlassen. Allen anderen sei freigestellt zu gehen. Einer der Ersten, der sich verabschiedet, ist Göring. Noch am frühen Morgen hat er aus seinem rund 80 Kilometer nordwestlich von Berlin gelegenen Jagdsitz „Karinhall“ mehrere Lastwagen mit über Jahre zusammengeklaubten Gemälden, Antiquitäten und Möbeln nach Süddeutschland vorausgeschickt.

„Tief enttäuscht“ und „wortlos“ lässt Hitler einen nach dem anderen ziehen, wie sich einer seiner Adjutanten später berichtet. Von den hohen Funktionsträgern bleiben nur Goebbels und Bormann.

Adolf Hitler und Eva Braun (um 1940). Im Jahr 1929 lernte sie, 17-jährig, den 23 Jahre älteren Hitler kennen. Die Beziehung, lange geheim gehalten, soll alles andere als harmonisch gewesen sein. Foto: imago images / Everett Collection

Während sich Hitler an diesem Abend früher als üblich in seine Räume im Bunker zurückzieht, finden sich in der „Führerwohnung“ in der Neuen Reichskanzlei seine Geliebte Eva Braun und andere zu einer Nachfeier ein. Als die ersten Granaten sowjetischer Artillerie in der Nähe des Regierungsviertels einschlagen, kehren sie in den Bunker zurück.

Die Hoffnung von Stefan Doernberg, dem Leutnant der 8. Gardearmee, auf einen Völkerfrühling erfüllt sich nicht für alle Völker. Die Blüten der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus erfrieren in einem Kalten Krieg.

Die Hoffnung der Berlinerin Marta Mierendorff, ihren Mann wiederzusehen, erfüllt sich ebenfalls nicht. Gottfried Solomon ist ermordet worden, 1943, in Auschwitz.