Er kennt die intimen Geheimnisse vieler Menschen. Er weiß von Gedanken, die vor 100 oder 200 Jahren gedacht, aber nie ausgesprochen wurden. Theodor Schmidt (31) ist aber kein Hellseher, sondern Sammler von Tagebüchern. Er liebt sie, liest sie, entziffert jede Sau-Klaue. 300 Tagebücher besitzt er schon. Man könnte auch sagen: Er hat 300 Leben.
Theo liegt mit Soldaten in den Schützengräben der Weltkriege, leidet mit unglücklich verliebten Abiturientinnen von 1928. Und geht mit einem „Swing-Kid“ der 30er-Jahre in Berlin tanzen. Die Leidenschaft für Tagebücher packte ihn, als er vor zehn Jahren sein erstes Exemplar auf dem Flohmarkt kaufte. Inhalt: Die Erlebnisse eines Nudisten in einer Nackt-Kolonie 1940 im Grunewald. Erst konnte Theo die Schrift kaum lesen – aber er hielt durch, bis er alles verstand.
„Die Texte meiner Sammlung entstanden zwischen 1809 und etwa 2000“, sagt Theo beim Besuch in seinem Neuköllner WG-Zimmer. Ein Höhepunkt sind die Erinnerungen einer 60-jährigen Witwe, die 1860 einen Schweizer Schlossherrn verehrte. Theo: „Sie hat Gefühle für ihn, aber ein missgünstiger Diener steht zwischen ihnen. Als der Schlossherr stirbt, bricht das Tagebuch ab ...“
Ein anderes Prachtstück sind die Südamerika-Abenteuer der Weltreisenden Max Hugo Kurt Herrmann und Carlos Staak von 1927. „Eine Zeitung hatte einen Wettbewerb gestartet, bei dem die schnellsten Globus-Umrunder siegten“, sagt Theo. Als Beleg holten sich Herrmann und Staak in jedem Ort offizielle Stempel.
Inzwischen hat der Tagebuch-Mann (studierte Germanistik) sein Hobby zum Beruf gemacht: Er kauft und verkauft Tagebücher im Internet, erzielt mitunter 200 Euro pro Exemplar. Besonders begehrt sind Kriegstagebücher in Frankreich, England und den USA. Die besten Storys trägt Theo bei Lesungen vor.
Mehr Infos: www.theo-liest.de

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