300 Mal stand Klaus Riegert nun schon für sein Team auf dem Feld. Er ist Kapitän der erfolgreichsten Fraktion des Parlaments. Kapitän des FC Bundestag. Zu seinem Jubiläumsspiel gegen die TSG Plankstadt im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark empfing er mich, die fußballferne KURIER-Reporterin.
Als ich mich auf das Treffen vorbereite, fallen mir absurde Fragen ein, die am Spielfeldrand für Gelächter sorgen: Freuen sich die FDP-Kicker mehr über eine Gelbe Karte als andere? Spielt die Nummer 14, Paul Schäfer (Die Linke), am liebsten Linksaußen? Er ist übrigens der einzige Linkspartei-Kicker. Die Grünen sind gar nicht vertreten.
Auf dem Platz steht also nahezu eine Rot-Schwarz-Gelbe Koalition. Das zeigt ganz gut, wie weit entfernt der FC Bundestag von der politischen Realität ist. Hier sind sie alle Kumpels. „Wer zusammen spielt, geht auch im Plenarsaal netter miteinander um“, ist Kapitän Klaus Riegert (CDU) aufgefallen. Er schmunzelt. „Unter der Dusche sind alle gleich.“
„Mister Bundestag“, Deutschlands schönster Abgeordneter, ist übrigens auch im Team: Christian von Stetten (CDU) telefoniert noch während des Warmspielens. Wie lässig! Angst scheint er nicht zu haben: Offensichtlich ist der Gegner körperlich nicht besser trainiert als man selbst. Hier kicken ganz normale Männer. Zweimal 30 Minuten sind angesetzt. (Haben Sie den Unterschied bemerkt? 30! Aber das reicht den Herren Politikern. Heute zeichnet sich sowieso Regen ab). Pfiff. Anstoß gegen die TSG Plankstadt.
FC Bundestag zum zweiten Mal in Folge amtierender Europameister
„Die Teams kommen aus allen Wahlkreisen“, sagt Riegert. „Und wir machen auch Benefizspiele.“ Was er verschweigt: Der FC Bundestag ist zum zweiten Mal in Folge amtierender Europameister unter den Polit-Kickern! Na ja, zumindest ist er das, was die Politiker als Europameister verkaufen ...
Jährlich wird unter vier Nationen das beste Team ausgespielt. Diese Woche ist es in Finnland wieder so weit. Neben den Finnen geht’s gegen die Schweiz und Österreich. „Wir holen das Triple“, ist sich Anton Schaaf (SPD) sicher. Gerade sitzt er aber erstmal auf der Bank. Gewechselt wird in der zweiten Halbzeit. Jeder darf mal ran.
Eine echte EM-Vorbereitung gibt es nicht. Riegert: „Unsere Spiele sind zugleich unser Training. Von März bis November spielt man draußen, den Rest des Jahres drinnen.“ „Jaaaaaaaa“, schallt es plötzlich aus den Männerkehlen. Während Klaus Riegert mir das System FC Bundestag näherbringt, ist gerade das erste Tor gefallen. Oliver Luksic (FDP) – für den FC. Die Politiker sind den Gästen aus Baden-Württemberg ganz schön überlegen!
Kaum zu glauben, dass diese Männer noch vor einer Stunde im Bundestag gesessen haben. An Spieltagen stehen die Kicker übrigens Punkt 17 Uhr im Plenarsaal auf, um mit dem Bus zum Jahn-Sportpark zu fahren. König Fußball regiert die Welt!
Und die Regierenden kicken. Der FC Bundestag hatte seit seiner Gründung 1967 schon viele große Namen in seinen Reihen: Gerhard Schröder, Franz Müntefering, Theo Waigel, Peter Struck, Joschka Fischer, Norbert Lammert. Peter Ramsauer stand früher im Tor. Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung spielt heute manchmal noch mit. Der derzeit bekannteste Feldspieler ist aber nicht (nur) durch seine politische Karriere bekannt geworden.
Eberhard Gienger (CDU) war früher Weltmeister am Reck. Heute hat er sein 100. Spiel. „Ebbse“ wurde kurz vorm Spiel noch geehrt, jetzt tunnelt er seinen Gegner. Es hat zu regnen begonnen. Der Platz ist rutschig. Pass auf Luksic. Tor! Das Zweite!
Vor kurzem war Oliver Luksic noch FDP-Spitzenkandidat bei der Saarland-Wahl. Er bekam 1,6 Prozent. Weniger als er heute schon an Toren geschossen hat. Irgendwie macht’s doch mehr Spaß, hier im Prenzlauer Berg gegen das Leder zu treten, oder?
Leider wehrt die Freude nicht lange. „Jetzt drehen die Plankstädter aber auf“, raunt es auf der Bank. Doch schon wenige Minuten später fällt das 3:0 für den FC Bundestag durch Christoph Schnurr (FDP). Stürmen können sie offenbar, die Liberalen. – Halbzeitpause!
„Ich hätte ja immer noch auf Sarkozy gewettet“, klingt es in der einen Ecke. Nebenan wird darüber debattiert, ob man die EM in der Ukraine boykottieren soll oder lieber nicht. Irgendwie spielt die Politik doch mit. Und die zweite Hälfte beginnt (typisch politisch) schleppend.
Mittelfeldgeplänkel. Jetzt sind die Spieler dran, die eben noch auf der Ersatzbank saßen. Insgesamt hat der FC Bundestag 35 aktive Spieler. Aber natürlich haben längst nicht immer alle Zeit. „Diejenigen, die beim Spiel dabei sein wollen, melden sich vorher an“, erklärt Kapitän Riegert.
Zwei der 35 Spieler sind nicht Mitglieder des Bundestages, sondern Angestellte. Genau wie die Betreuer, die Plenarassistenten Thomas Krappe (50), und Hermann Rost (65). Letzterer ist inzwischen in Pension, mischt aber trotzdem weiter beim FC mit. „Ist ja eine Ehrenaufgabe“, sagt er. Gerüchten zufolge wollte Otto Rehhagel das Team auch mal trainieren. „Höchstens für ein Freundschaftsspiel nach erfüllter Hertha-Mission“, heißt es dazu beim FC Bundestag. Alles andere wäre vielleicht eine Nummer zu hoch.
Da kracht es. War’s der nasse Rasen? War’s ein grobes Foul?
Zu hooooooch! Jetzt (46. Minute) hätte es fast das 4:0 gegeben. Doch der Ball fliegt über die Latte. Es regnet wie aus Eimern. Aber die Männer halten durch. Dann eine Schocksekunde: Florian Toncar (FDP) rutscht auf dem nassen Rasen aus. „Der hatte gerade erst eine Knieverletzung“, unkt ein Mitspieler. Und schon geht es vorm Tor des FC Bundestag rund. Plankstadt schießt den Ehrentreffer. 3:1.
Das wird man später beim Bier in der „dritten Halbzeit“ noch genauer analysieren. Vielleicht kommt da ja auch der Vorschlag unserer Fotografin auf den Tisch: „Wenn schon keine Grünen-Abgeordneten mitspielen, könnten die ja zumindest den Rasen pflegen ...“ Sprengen müssten sie ihn nach dem Regen heute zumindest nicht.
Die Spieler rutschen im Bundestags-Strafraum rum. Da kracht es. War’s der nasse Rasen? War’s ein grobes Foul? Die Pfeife von Schiri Dieter Reichel besiegelt den Elfmeter für die Gäste. Früher hat Reichel selbst beim SV Tasmania gespielt. Seit 1999 pfeift er nahezu jedes Spiel des FC Bundestag.
Und siehe da: Plankstadt verschießt den Elfer! Den krönenden Abschluss liefert Kapitän Riegert selbst in der 57. Minute. 4:1 der Endstand. Die EM kann kommen. Vizekapitän Heinz-Peter Haustein (FDP) grinst: „Und im Gegensatz zu Löws Truppe sind wir dafür nicht nominiert, sondern gewählt.“

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