Montag, 7. November 2011
DDR-Martyrium: "Es ist nicht vorbei"

Meine Horrorjahre im Frauenknast der Stasi

Von Marcus Böttcher

Horrorjahre im Frauenknast Hoheneck
Berlin –  

Am 7. November geht Tatjana Sterneberg (59) durch die Hölle. In jedem Jahr. Heute vor 38 Jahren wurde sie verhaftet – weil sie liebte. Die gebürtige Lichtenbergerin wollte ihren Italiener, ihren Antonio Borzachiello heiraten und stellte einen Ausreiseantrag. Statt vor dem Altar landete sie im sächsischen Frauenzuchthaus Hoheneck, saß dort wie rund 8000 Andere unter menschenunwürdigen Bedingungen in Haft. Von ihren Erlebnissen und Verletzungen erzählt der ARD-Fernsehfilm „Es ist nicht vorbei“.

„Er spiegelt dass wieder, was wir Frauen in Hoheneck durchmachten“. Mit fester Stimme lobt Tatjana Sterneberg Film (Mittwoch, 20.15 Uhr) und Hauptdarstellerin Anja Kling (41) im KURIER-Gespräch. Doch ihre Gedanken schweifen ab ins Jahr 1973. Zu tief sind die Narben, die die Haft hinterließ.

Ohne, dass der Reporter nachhaken muss, erzählt die heute 59-Jährige von ihrem Martyrium. Als blutjunge Kellnerin im Hotel „Stadt Berlin“ (heute „Park Inn“) lernte sie den feurigen Antonio, damals 27, aus West-Berlin kennen – die Liebe schlug ein wie der Blitz. Schnell stand fest: Hochzeit sobald wie möglich, Tatjana stellte einen Ausreiseantrag – und wurde fortan von der Stasi überwacht. In der Geheimoperation „Hänsel und Gretel“ wurde sie über einen Lockvogel und dessen angeblichen Schleuser-Ring hereingelegt, wurde heute vor 38 Jahren in ihrer Wohnung verhaftet.

„Damit begann die schlimmste Zeit meines Lebens. Wegen „staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme und Vorbereitung zum ungesetzlichen Grenzübertritt“ verurteilten sie Richter zu drei Jahren und acht Monaten Haft im Frauenknast Hoheneck. Für Sterneberg die Hölle auf Erden. Auf 24 Quadratmetern schliefen 24 Frauen in dreistöckigen Etagenbetten. „Zwei Toiletten mussten wir uns mit 48 Häftlingen teilen.“ Tatjana begann sich zu wehren, eckte immer wieder mit Wärterinnen an – Einzelhaft.

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„Ich wurde vom Hofgang ausgeschlossen, bekam keine Post mehr. Es wurde eine Besuchssperre verhängt, verbunden mit Misshandlungen durch das Wachpersonal.“ Immer wieder kam sie in strengen Arrest, wurde isoliert, bekam drei Tage nur Wasser und Brot, Ärzte pumpten sie mit Psychopharmaka voll. „Ich war wie lebendig begraben, mit 21 Jahren völlig kaputt.“

Ihre Rettung: Für 40.000 D-Mark kaufte sie 1976 der Westen frei, Tatjana zog nach West-Berlin. Zwar konnte sie hier endlich Antonio heiraten, doch die Folgen der Haft sind verheerend. Sie verlor Zähne, ihre Haut erkrankte, in Menschenmassen konnte sie sich nicht aufhalten. Noch heute stehen in ihrer Charlottenburger Wohnung alle Türen offen.

Jetzt also der Film. „Natürlich kommen da die Erlebnisse beim Schauen wieder hoch. Ich werde das Erlebte nie vergessen können. Aber ich kann mit den Jahren besser damit umgehen.“ Man spürt: Es ist nicht vorbei.

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