Montag, 8. August 2011
50 Jahre Mauerbau

Der verbotene Blick

Von Marcus Böttcher und Thomas Lebie

Der verbotene Blick

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Berlin –  

Der 13. August 1961. Ein Tag, der unsere Stadt entzwei brach. Familien, Freunde, Nachbarn wurden zerrissen, Straßenzüge, Wasserläufe und Nahverkehrsverbindungen gekappt. Am Sonnabend jährt sich zum 50. Mal der Tag, an dem die Teilung Deutschlands durch den Bau der Berliner Mauer besiegelt wurde. Mit Zement und Stacheldraht zogen DDR-Maurer den Betonwall hoch, 167,8 Kilometer rund um die Westsektoren. Heute ist die Wunde verheilt. Doch die Narben spüren und sehen wir bis heute.

Der Berliner KURIER erinnert in einer sechsteiligen Serie an jenen verhängnisvollen Sonntag im Hochsommer 1961, erzählt bewegende Zeitzeugen-Geschichten. Heute von Ingeborg Skiba und „Tunnel-Dieter“. Die beiden haben sich nie im Leben gesehen, sie verbindet die Sebastianstraße. Ein Asphaltstreifen, der das Leben der beiden prägte. Skiba wohnt seit 50 Jahren hier, Hötger buddelte sich von West nach Ost ...

Heinrich-Heine-Straße 48 in Mitte. Nachdenklich steht Ingeborg Skiba auf ihrem Balkon im zweiten Stock, schnuppert an rosafarbenen Geranien, wirft einen Blick auf die Nachbarn im gegenüberliegenden Haus. Eine alltäglich Szene im August 2011, die 28 Jahre lang undenkbar gewesen ist. Auf ihren Balkon durfte die rüstige Rentnerin zu DDR-Zeiten nämlich nicht. Das Gründerzeit-Haus auf der anderen Straßenseite lag zwar nur 20 Meter Luftlinie entfernt – doch es stand in einer für sie unerreichbaren Welt. In West-Berlin.

50 Jahre Bau der Mauer

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„Ich erinnere mich an den Mauerbau, als wäre es gestern gewesen. Ich kam gerade von meiner Schicht bei der Post. Und plötzlich fuhrwerkten Bauarbeiter im Hinterhof herum“, so die 77-Jährige heute. Ob es Fluchtgedanken gab, fragt der KURIER-Reporter – und erntet einen strengen Blick. „Warum dass denn?“, fragt Frau Skiba. „Ich hatte doch alles.“ Seit 50 Jahren lebt sie in dem Block, der bis 1989 im äußersten Grenzgebiet lag. „Damals wurden Passierscheine ausgestellt. Die mussten wir aber nur die ersten Wochen vorzeigen – danach kannten uns die Grenzer. Und wir die.“

Spontanbesuche, Geburtstagsfeiern, mal eben Freunde oder Verwandte ins gemütliche Wohnzimmer einladen – tabu. Aber: „Natürlich haben wir ab und zu nach drüben gewunken. Wir durften uns halt nicht erwischen lassen.“ Erwidert wurden die netten Gesten selten. Im Gegenteil. Zwei Mal fürchtete Ingeborg Skiba um ihr Leben. „Irgendwelche Idioten haben uns aus dem gegenüberliegenden Haus die Fenster kaputtgeschossen. Mit einem Luftgewehr!“

Honeckers Hightech-Mauer

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Wechsel in eben jenes Haus auf der gegenüberliegenden Seite. Sebastianstraße 82, Kreuzberg. Nachdenklich steht Dieter Hötger im Keller. Es ist dunkel, riecht muffig. Hier begannen für den heute 71-Jährigen die dramatischsten Minuten seines Lebens. Seine Geschichte: Am 28. Juni 1962 haben es Hötger und Siegfried Noffke geschafft – nach sechs Wochen sind sie mit ihrem Tunnel (35 Meter) unter dem Todesstreifen in der Heinrich-Heine-Straße 49 angelangt, dem Nebenaufgang von Ingeborg Skiba. Ihr Ansporn: Sie wollen ihre Familien in den Westen rüberholen. Doch statt derer warten am Ende des Tunnels acht Stasi-Mitarbeiter. Darunter: Herbert Lehmann und seine Kalaschnikow. „Durch Versagen der Nerven“ (so steht es in den Stasi-Akten) habe der „Genosse Lehmann das Feuer auf die Banditen eröffnet.“ Er richtet ein Blutbad an. Hötger: „Ich bin gleich nach hinten gekippt durch den Lungensteckschuss, und habe noch gesehen, wie der Noffke im Tunnel starr war...“

Während sein Helfer auf dem Weg ins Haftkrankenhaus stirbt, überlebt Hötger schwer verletzt, landet im Stasi-Knast Bautzen II. Nach fünf Jahren flieht er, als einziger Insasse überhaupt. „Ich habe einem Wärter einen Schraubenzieher geklaut und damit in meiner Arbeitszelle im Erdgeschoss acht Wochen lang den Mörtel rausgekratzt.“ Durch das Loch zwängt er sich 1967 in die Freiheit, neun Tage später wird er geschnappt. 1972 kauft ihn der Westen frei. Und: Der Freund, der ihn und seinen Tunnel verriet, bekam in der DDR einen Orden und 3000 Mark Belohnung ...

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