Nicht nur in Berlin und an der innerdeutschen Grenze machte das DDR-Regime Jagd auf Republik-Flüchtlinge. Auch mehr als 2000 Kilometer entfernt, an der bulgarisch-türkischen Grenze, versuchten Tausende ihr Glück. Wie Frank Schachtschneider. Lesen Sie im letzten, im sechsten Teil der großen KURIER-Mauerserie die traurige Geschichte des Köpenickers.
18. August 1988. Burgas in Bulgarien. Frank Schachtschneider, 26 Jahre alt, macht hier mit seiner Verlobten Sybille, deren Eltern und Schwester Urlaub am Schwarzen Meer. Zwei Tage vor dem Rückflug lügt Frank seine Liebste an: „Du, ich gehe noch ein Souvenir für meine Mama kaufen.“ Es ist das letzte Lebenszeichen des Betriebsschlossers.
Entlang der Mauer provozierten West-Berliner Grenzsoldaten, die die „Zwischenfälle protokollierten. Aufgeschrieben hat sie Annett Gröschner im Buch „Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer“. Der KURIER zeigt, was gen Osten gerufen wurde:
„Kommt doch rüber, wir haben schöne Frauen für euch. Einen Wagen bekommt ihr auch. Ob nun jetzt oder später, wir kriegen euch sowieso!“
„Erschießt den Hund dahinten, ich kann nicht mehr schlafen!“
„Wenn du rüberkommst, reiß vorher die Fahne vom Brandenburger Tor und bring sie mit.“
Ein Westberliner Polizist: „Ist es bei euch auch so kalt wie bei uns?“
Ein Mann brüllt durch ein Megafon: „Keine Kohlen im Keller, keine Eier im Sack, das ist euer 20. Jahrestag.“
Ein Mann beschimpft die Grenzposten: „Ihr wollt Kommunisten sein und geht über andere Grenzen!“
Zeitsprung, Monate vorher: Frank Schachtschneider schreibt einen Ausreiseantrag, der dem KURIER vorliegt. Er will sich freikaufen. Darin heißt es: „...dass mein gesamter Besitz außer ein paar persönlichen Sachen der Gesellschaft zur Ausgleichung für die Kosten meiner Ausbildung zukommen soll, ungefährer Wert des Ganzen 20.000 Mark.“ Zusätzlich bittet er in einem Brief die Bundesministerin für innerdeutsche Beziehungen, Dorothee Wilms (CDU), ihm zu helfen. West-Freunde sollen die Post schmuggeln, doch sie werden erwischt.
Schachtschneider wird daraufhin ins Rathaus Köpenick zitiert, hier werden ihm mehrere Jahre Haft angedroht. Nach Burgas darf er trotzdem fliegen – ein Geschenk für seine Mutter will er hier aber nicht kaufen. Allein setzt er sich in einen Bus zur bulgarisch-türkischen Grenze. „Er machte wohl den selben Fehler wie viele Flüchtlinge. Er dachte offenbar, die Grenze dort wäre leichter zu durchqueren, als die zur BRD“, so Dr. Stefan Appelius, der sich mit den Opfern der „verlängerten Mauer beschäftigt.
Die Versionen, wie sich die letzten Lebens-Stunden Frank Schachtschneiders abspielen, sind abenteuerlich. Bulgaren und Stasi behaupten im Bericht, Frank wäre durch einen Kopfschuss getötet worden. Aus Versehen. Nach einem Warnschuss soll sich ein Wachhund erschrocken haben, losgerannt sein und so die MPi des Soldaten nach unten gerissen haben – dadurch wurde Schachtschneider getroffen. Eine Lüge. In Wahrheit erlitt der Berliner eine Schädelembolie, entstanden wohl durch Schläge mit einem Gewehrkolben auf den Hinterkopf. Seinen Angehörigen in Burgas wird davon nichts erzählt. Sie hören von Stasi-Seite, ihr Verlobter, Quasi-Schwager und Fast-Schwiegersohn säße im Gefängnis. Unverletzt. Wieder eine Lüge.
Erst am 16. September wird Franks Mutter mitgeteilt, ihr Sohn wäre am 19. August ins Krankenhaus eingeliefert worden. Da war Frank schon tot. Weitere vier Tage später hört sie vom bulgarischen Konsulat, dass ihr geliebter Sohn gestorben ist. Die Urne mit den Franks sterblichen Überresten wird erst Wochen später nach Berlin überführt. Am 9. November 1988, fast drei Monate nach seinem Verschwinden wird Frank Schachtschneider in Köpenick beigesetzt – exakt ein Jahr später fällt die Mauer....

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