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Keine Perspektive: Warum City nicht rübermachte

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Toni Krahl

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dpa

Ich bin Toni Krahl, 66 Jahre alt, Berliner. Seit fünfzig Jahren ist die Musik mein Leben. Über vierzig Jahre stehe ich in der ersten Reihe von City. Wir haben in dieser Zeit mehrere tausend Konzerte zwischen Moskau und Havanna gegeben. Ich habe Hunderte Gitarrensaiten zerfetzt und einige Achterbahnfahrten hinter mir, von denen ich hier erzählen will.

Meine Zeit im Stasi-Gefängnis, den Ärger mit der DDR-Staatsführung, den City zum Beispiel mit dem Album „Casablanca“ hatte – es gab genug Gründe, das Land zu verlassen. Ich hatte gegenüber den Funktionären sogar damit gedroht. Doch meine Band-Kollegen und ich taten es nicht.

Ich habe in Westberlin oder in Westdeutschland für mich keine Perspektive gesehen. Außer ein paar Managern, die wir kannten, die aber auch nicht scharf darauf gewesen wären, jemanden wie mich neu aufzubauen, kannte ich keine Leute näher. Der Westen hat nicht auf mich gewartet, aber auch, weil ich nie darauf hingearbeitet oder auch nur in diese Richtung gedacht habe.

Wir hatten in der DDR unser Publikum, wir hatten nicht nur unser finanzielles Auskommen, sondern uns als Künstler einen Stand erarbeitet, wir gehörten zur Spitze unseres Landes. Deshalb konnten wir international Konzerte machen, auch im Westen.

Es gab einfach keinen Grund für mich, rüberzumachen oder es zu planen. Was hätte da anders, besser sein sollen?

Viele DDR-Künstler haben das, wie wir wissen, anders gesehen: Freudenberg, Fischer, Bartzsch und wie sie alle heißen. Ich habe es so gesehen. Und die Band – ohne dass jemals diskutiert zu haben – wohl ebenfalls.

Die jetzige staatsoffizielle Geschichtsschreibung hat sich darauf geeinigt, dass Westkünstler die Helden der Freiheit und des Wechsels in der DDR sind. In den 80er-Jahren waren ja auch einige da. Springsteen in Weißensee, Peter Maffay, Udo Jürgens wohl im Friedrichstadtpalast, Ulla Meinecke, Heinz Rudolf Kunze, Katja Ebstein, Lindenberg im Republik-Palast, „wenn ihr mich lasst“.

Und die haben gern auch gekrittelt und Spektakel gemacht oder auch nur die Mauer erwähnt und zum Teil auch die „unhaltbaren-unaushaltbaren“ Zustände angeprangert. Bruce Springsteen drückte sich dahingehend diplomatisch aus, dass wir die Barrieren abbauen müssten.

Bis heute werden BRD-Künstler für den „Wind of change“ gefeiert als die Wegbereiter des „Falls der Mauer“. Längst vergessen ist, dass dieses Gerhard-Schröder-Freunde-Lied, das heute tantiemenklingelnd in die Wende-TV-Dokus eingebaut wird, erst knapp zwei Jahre später veröffentlicht worden ist.

Natürlich haben die Leute gejubelt, als bei Maffay eine Jalousie des Bühnenbildes abgefallen ist, eine technische Panne, und er dann sagte, dass es doch schön wär, wenn auch anderes so fiele. Die Leute haben gejubelt, aber diese Herrschaften Künstler waren am nächsten Tag wieder weg, nachdem sie sich mit Meißner Porzellan haben bezahlen lassen.

Das Schlimmste, was ihnen passieren konnte, war, dass sie erst einmal nicht wieder in die DDR eingeladen wurden. Wir blieben und mussten mit den Folgen dessen leben und umgehen, was wir selbst anstellten, aber auch mit den Folgen ihres „Mutes“. Der sie nie irgendetwas kostete und für den es – so oder so – zu Hause und anderswo immer irgendeine Belohnung gab.

Die entsprechenden Filmschnipsel sind im Nachhinein ein fester Bestandteil ihres Künstlerlebens und auch Beweis ihrer Wichtigkeit für die letzten dreißig und nächsten gefühlten tausend Jahre deutscher Geschichte. Wir hatten den tagtäglichen Kleinkrieg mit den Umständen und den Bestimmern, der nie auf irgend einem Video festgehalten und also nie mitgezählt wurde, und auch nie wird, bei der großen deutsch-deutschen Aufrechnung. Jedes Wort, jede Zeile, jede Geste mussten wir über all die Jahre verantworten, und das wird seither immer vergessener. Und es gibt in Bezug auf uns, auf City wie auch auf andere, die ausgeprägte Tendenz, nur die staatstreuen Momente zu registrieren und zu zeigen. Tatsächlich war jedes TV-Interview für City, das wir in den Neunzigern absolvierten, eine Art Wanderpranger und immer auch ein potenzielles Minenfeld. Aus dem quasi Verbrechen, überhaupt in der DDR gelebt und Musik gemacht zu haben und es sich dabei womöglich noch möglichst gutgehen zu lassen. 



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