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Wucher stoppen: Das Syndikat gegen die Immobilienhaie

Im neusten Projekt, der Friedelstraße 54, wollen die Bewohner das Haus dem Investor abkaufen.

Im neusten Projekt, der Friedelstraße 54, wollen die Bewohner das Haus dem Investor abkaufen. 

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Bernd Friedel

Die Mieter in der Neuköllner Friedelstraße kämpfen gegen einen Immobilienhai, der ihr Haus vor drei Jahren kaufte – jetzt natürlich teuer sanieren will. Seit über einem Jahr tobt ein Rechtsstreit. Der Investor ist genervt, die Sanierung ist gestoppt, die 18 Miet-Parteien kämpfen vereint. Sie scheinen jetzt einen Weg gefunden zu haben, um dem Immobilienhai die Zähne zu ziehen – sie wollen ihm das Haus mit Hilfe vom Verein „Mietshäuser Syndikat“ abkaufen (KURIER berichtete) .

Es klingt wie der wahrgewordene Traum vom günstigen Wohnen in den Szenekiezen. Kein Mietwucher, keine Teuersanierer. Der gemeinnützige Verein „Mietshäuser Syndikat“ macht denen ein Strich durch die Rechnung und kauft die Häuser zusammen mit den Bewohnern vom Markt weg.

Und so funktioniert der Deal: Der Verein gründet gemeinsam mit den Mietern eine GmbH. Die Hälfte der 25000 Euro Eigenkapital für eine GmbH steuert Syndikat hinzu, den Rest kommt von der Hausgemeinschaft. Der Preis für die Immobile besteht aus 30 Prozent Privatkapital der Mieter und einem Kredit. Nach dem Kauf müssen die neuen Besitzer das Gebäude selbstverwalten.

Gegründet wurde der Verein für faires Wohnen 1992 in Freiburg, seit 2003 ist er auch in Berlin aktiv. Mit dem Ziel: Mietspekulationen verhindern. Alle Mitarbeiter sind ehrenamtliche Berater. 16 erfolgreiche Projekte gibt es in der Hauptstadt. „Mittlerweile haben wir jährlich über 100 Anfragen von Mietergruppen“, sagt Julian Benz vom „Mietshäuser Syndikat“. Die Idee dahinter: „Es soll kein Gewinn oder Rendite mit der Immobilie gemacht werden.“ Dafür wird bei Vertragsabschluss eine Klausel festgelegt: Der Weiterverkauf ist nicht gestattet. Eigentümer bleibt die GmbH.

Sobald die erste Miete fällig ist, bildet die Mieter GmbH Rücklagen. Heißt, sollte jemand das Projekt wegen privater Insolvenz oder Wegzug verlassen wollen, kann diesem jederzeit das Privatdarlehen ausgezahlt werden. „Die Mieter selber sind aber keine Wohnungseigentümer. Das ist die GmbH. Dafür können sie sicher sein, dass ihre Miete niemals steigen wird“, so Benz.

In den nächsten Jahren fließen außerdem 0,5 Prozent der Nettokaltmiete als Solidaritätsbeitrag dem Verein zu, um kommende Projekte zu finanzieren. Die Gebäude werden meist über Bietergemeinschaften oder Ausschreibungen erstanden.

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Janosch Puhe (35) ist Bewohner eines der ersten Syndikats-Häuser in der Grünberger Straße.

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Lebie

Das Haus in der Grünberger Straße 73 war 2003 eines der ersten. Knapp 60 Rentner, Familien, Angestellte, Akademiker haben hier ihren Traum vom gemeinsamen Wohnen verwirklicht – für zehn Euro pro Quadratmeter warm. In einem von Berlins beliebtesten Gegenden, dem Kiez am Boxi.

Ortswechsel. Die Magdalenenstraße 19. Ein ehemaliges Stasiverwaltungsgebäude. Für viele gewöhnungsbedürftig, für Bewohner und Sprecher der Hausgemeinschaft, Aaron Bruckmiller (24), ein wahrgewordener Traum. „Ich war erst schockiert, als ich die Platte gesehen haben, doch mittlerweile habe ich so viel Herzblut reingesteckt, ich liebe mein neues Zuhause.“

2012 hatten er und seine Mitmieter das Gebäude für knapp zwei Millionen Euro gekauft. 600000 davon flossen als Direktdarlehen aus privaten Quellen in den Finanztopf. Den Rest gab’s von der Bank. Bis zu 60 Personen leben in den Neubau, die meisten zwischen Mitte 20 und Mitte 30. Es gibt einen großen Innenhof mit über 1000 Quadratmetern und einen Spielplatz. 4,70 Euro Nettokaltmiete pro Quadratmeter zahlen sie hier. Auch das wird bleiben.

In den ersten Jahren geht die Hälfte der Einnahmen bei allen Projekten zur Tilgung der Darlehen drauf. Danach fließt das Geld als Gewinn ins Hauskapital. Über deren Verwendung kann die Gemeinschaft entscheiden – auch für Instandhaltung und Renovierung.