E_Paper_BK
BERLINER KURIER - Berlins ehrliche Boulevardzeitung im Netz

Muss mal gesagt werden: Berlin ist nicht perfekt, aber die geilste Stadt der Welt

Berlin
Foto:

dpa

Berlin -

Unsere Stadt ist am Ende, reif für die Müllhalde der Geschichte. Diesen Unfug muss glauben, wer sich jetzt durch die deutsche und US-Presse liest. Berlin sei eine „failed Stadt“ (gescheiterte Stadt). BER-Krise, Mieten-Krise, Flüchtlingskrise, Verwaltungskrise, S-Bahn-Krise: Ja, die gibt es. Aber wer nur das sieht, hat nichts kapiert.

Von Spiegel Online bis New York Times, von Süddeutscher Zeitung bis ZDF: Sie alle stoßen derzeit ins gleiche Horn. Volle Bürgerämter machen Berlin zu einer „Bananenrepublik“ (Heute Journal), das Schlagwort zu den Warteschlangen am Lageso ist Schande. Der Begriff „failed Stadt“ (Spiegel Online) kommt von „failed state“: Gemeint sind Länder wie Irak, Sudan, Jemen.

Was für ein Mumpitz, möchte man rufen. Das geht einem als Lokalpatriot gegen den Strich. Wo bitte, soll man in Deutschland denn leben wollen, wenn nicht in Berlin! Andererseits: Auch ich meckere und nörgle oft über die Stadt. Wenn die Bahn nicht fährt, wenn Baustellen den Verkehr lahmlegen. Die Kritik an Berlin ist eben – mal ehrlich – zum Teil berechtigt.

Erst kürzlich warnte das DIW, die Politik lasse die Infrastruktur verkommen. DIW-Experte Karl Brenke: „Die Politik ist in hohem Maße auf Substanzverzehr bedacht.“ Tatsächlich: Der Schulden-Abbau auf jetzt unter 60 Milliarden Euro wurde zum Kaputtspar-Kurs. Ob Bahngleise, Bürgerämter, Straßen oder Schulklos: So vieles ist marode. Berliner Eltern betreiben sogar einen Blog namens „Einstürzende Schulbauten“. Nicht zu vergessen das Geldgrab BER. Der Start-Termin 2017 – wackelt. Manche Experten raten jetzt, Berlin als Stadtstaat aufzugeben, die Macht der Bezirke zu reduzieren – und Berlin mit Brandenburg zu fusionieren.

All das ist Wasser auf die Mühlen derer, die Berlin-Bashing (sinngemäß: Berlin-Beschimfung) betreiben wollen. Aber der Bruder des Bashing ist bekanntlich der Hype, also das schon übertriebene Abfeiern. Bei Berlin wechselt das in schöner Regelmäßigkeit: Erst zum 25. Mauerfall-Jubiläum schrieb der Stern von der „coolsten Hauptstadt der Welt“, die US-Presse erklärt das Berghain mal für „in“ – und mal für „out“.

Die Basher blicken eben nur in eine von zwei Waagschalen: Sie sehen nicht die pulsierende Kultur- und Party-Hauptstadt – all das sprühende Leben, das 12 Mio. Touristen im Jahr unbedingt einmal spüren wollen. Die Nörgler ignorieren den Wirtschaftsboom, die Start-up-Szene, das Jobwunder mit der geringsten Arbeitslosigkeit seit 1991. Berlin ist so begehrt, dass die Zugezogenen schon 49 Prozent der Bevölkerung stellen.

An dem Punkt sei die Bemerkung erlaubt, dass all die Neu-Berliner und Berlin-Touristen auch ohne BER ihren Weg in die Stadt finden. Die Stadtforscherin Ilse Helbrecht (HU Berlin) findet die Infrastruktur sogar noch recht gut. Im kanadischen Toronto gebe es gerade mal zwei U-Bahn-Linien. „Viele Ausländer reiben sich die Augen, was hier alles kostenlos ist.“ Kita, Schule, Studium.

In Berlin, der Stadt der Weltkriegsschäden und der Hausbesetzer, ticken die Uhren anders. Wir Berliner wissen, wie wir uns unter widrigen Umständen durchschlagen. Schon frühes Aufstehen kann helfen, wenn es mal wieder keine Termine beim Bürgeramt gibt. Und mal ehrlich: Wollen Sie sich Ihre Stadt von Leuten madig reden lassen, die für ihre Journalisten-Karriere eigens aus der Provinz ins gelobte Berlin gezogen sind?

Oder wie man im Fußball sagt: „Kniet nieder, ihr Bauern, wir sind eure Hauptstadt!“  



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?