E_Paper_BK
BERLINER KURIER - Berlins ehrliche Boulevardzeitung im Netz

Karl-Heinz Bomberg: Seine Lieder sind sein Schicksal

Karl-Heinz Bomberg greift im Proberaum im Keller wieder zur Gitarre.

Karl-Heinz Bomberg greift im Proberaum im Keller wieder zur Gitarre.

Foto:

Sabeth Stickforth

Berlin -

Es war ein nasskalter Tag am Beginn des Jahres 1994, und das Gefühl im Bauch war mulmig. Karl-Heinz Bomberg musste öfter zur Toilette als gewöhnlich. Auf dem Weg zum stillen Örtchen traf er Gerulf Pannach, den Texter von „Renft“, dessen Aktenberge sich an einer Wand türmten. Die Liedermacher begrüßten sich. Es war der Tag, an dem sich Bomberg in der Gauck-Behörde durch mehr als 1000 Seiten blätterte. „Ich hatte mehrere ,IM’, einer davon war Pfarrer.“ Sein Leben ist vielschichtig. Er ist Sänger, Arzt, Psychoanalytiker – und Opfer.

Wo die Hochhäuser an der Storkower Straße aufhören und die Gärten beginnen, treffe ich Bomberg, der sagen kann: „Ich habe ein Haus in Prenzlberg.“ Im Garten recken Frühlingsblüher ihre Köpfe. An der Garagentür sind an einer Strippe Hölzer aufgereiht wie Perlen auf einer Kette. In der Garage steht statt dem Auto der Webstuhl seiner Frau, die Kunsttherapeutin ist. Eine Konifere überragt das Haus, beide Jahrgang 1937. Bomberg ist Jahrgang 1955, und 1997 fanden sie sich, der Mann und das Haus.

Erst richtete er seine Praxis darin ein, zog dann mit Frau und Kindern hinterher. „Würdest du eine Brunhild nehmen?“, fragte Bomberg einst Wolf Biermann. „Niemals!“ antwortete der Sängerkollege. Er tat es trotzdem. Der eine verließ die DDR, der andere blieb: „Ich wollte mir meine Heimat nicht nehmen lassen.“ Er träumte von einer demokratischeren Republik. Seine Sehnsucht packte er in Lieder.

Aufgewachsen in Westthüringen begrenzten Schlagbäume sein Jungen-Leben. Der eine war hinter Eisenach, der andere kurz vorm Ortseingang Creuzburg. Wollten sie zur Oma, die schlecht sah und Pflege brauchte, benötigten sie einen Passierschein. Mutter fluchte, weil sie ihn immer neu beantragen musste. „Von dort hatte man einen wunderschönen Blick auf die Wartburg.“ Er ist linientreu erzogen worden, sozialistisch, wollte Arzt werden und ging 1976 zum Studium nach Leipzig. „Eine urige Großstadt mit viel Untergrund. Ich begann, kritisch zu denken, bekam Kontakt zu Widerstandsgruppen.“

Als Tramper erkundete er das sozialistische Ausland, reiste kreuz und quer durch die Sowjetunion. Er hatte kein Zelt, aber einen Schlafsack, den er in Zügen in der dritten Klasse auf Holzbrettern ausrollte. So kam er nach Mittelasien und bis zum Baikalsee, sah die Diskrepanz zwischen verordneter Ideologie und Wirklichkeit. Er verarbeitete das Erlebte in seinen Liedern, nahm sie auf Band auf. Ein Bekannter sollte es Musikern im Westen übergeben. Es landete bei der Stasi.

Die Liebe zu Brunhild, einer Rucksack-Berlinern, hatte ihn inzwischen in die Hauptstadt geführt. Er arbeitete als Anästhesist in einem Pankower Krankenhaus. Hagen und Luise wurden geboren. Am 29. Februar 1984 um 8.30 Uhr veränderte sich sein Leben. Die Kaderleiterin rief den jungen Assistenzarzt zu sich. „Sie war rot im Gesicht, sah verlegen aus. Drei Männer stellten sich als Kripobeamte vor. Es gebe da was zu klären, ich solle ihnen folgen.“ In einem Auto, das sich von innen nicht öffnen ließ, brachten sie ihn in die Keibelstrasse, spielten ihm das Band mit seinen Liedern vor, verhörten ihn über Stunden. In Handschellen kam er ins Untersuchungsgefängnis Kissingenstraße.

Zuhause wartete Brunhild mit den Kindern vergeblich. Sie gab eine Vermisstenanzeige auf. Erst später erfuhr sie vom Schicksal des Mannes. Drei Monate blieb er wegen „staatsfeindlicher Hetze“ in U-Haft, bis ihn Liedermacher-Freunde wie Jürgen Fuchs frei bekamen. „Dass mein Fall öffentlich wurde, hat mich gerettet.“ Sein Anwalt hatte ihm geraten, „still zu halten“. Es war Wolfgang Schnur, der Stasi-Spitzel. Damals habe er sich gewundert, dass der ihm nicht in die Augen sehen konnte.

Karl-Heinz Bomberg widmet sich fortan der Psychoanalyse. Er hat eine Erfahrung gemacht, mit der er anderen Stasi-Opfern helfen kann. „Man muss sehr strukturiert sein, um hinter Gittern nicht zu zerbrechen.“ Seine täglichen Gesangsübungen machte er, wenn sich sein Zellenkumpel rasierte, damit das Summen des Rasierers die Stimme übertönte. Singen war verboten.

Nicht nur Opfer kommen in die Sprechstunde von Dr. Bomberg. Auch Kinder von Tätern, die sich die Schuld der Väter aufgebürdet haben. Sein Wissen gibt er als Dozent am Analytischen Institut in der Invalidenstraße weiter, hält Vorträge in den USA. Er reist immer noch gern, war mit Brunhild auf allen fünf Kontinenten. Von dort sind die seltsam gebogenen Hölzer, die ihre Garage zieren.

Natürlich formt Bomberg weiter Verse, singt seine Lieder in Kirchen: „Psychoanalyse und Kunst sind zwei Lebensformen, um sich besser kennenzulernen, Stärken und Schwächen sichtbar zu machen.“ Wir steigen die Kellertreppe hinab, wo im Proberaum Klavier, Horn, Trompete warten. Er greift zur Gitarre. Das schmale Gesicht entspannt sich.

Nächster Auftritt: 22. Juni, 19 Uhr, Kapelle der Versöhnung, Bernauer Straße: „60 Jahre Mauerbau: Wenn sich der Untergrund bewegt“.



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?