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Fische Ideen braucht Berlin: Die alte Brauerei, in der sich das Leben tummelt

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Dagh Sommerfeld (30) mit Steffi (30) und Praktikantin Paula (27) an den Zuchtbecken. 

Foto:

Gudath

Fischers Fritz fischt frische Fische. Der lustige Zungenbrecher steht für ein Erfolgsmodell, das zwei engagierte Unternehmer auf dem Brauereigelände neben dem roten Backsteingebäude der Tempelhofer Malzfabrik aus der Taufe gehoben haben.

Die Idee ist so einfach wie genial: Sie kaufen winzige Baby-Barsche, füttern sie heran und verkaufen die Fische dann ganz frisch und auf kürzestem Weg in ganz Berlin. Doch die Geschichte geht noch weiter. Das Wasser aus den Fischbecken düngt im Gewächshaus nebenan 10 Tonnen Tomaten, plus Salat und Kräuter, die die beiden ebenfalls reißend loswerden. Der geschlossene Kreislauf ist ein Vorzeigeprojekt zum Thema nachhaltige Wirtschaft.

Christian Echternacht (45) und Nicolas Leschke (37) hat ein gemeinsames „Faible für gute Lebensmittel“ zusammengebracht. Der eine verdiente bis dahin sein Geld mit einer Medienagentur, der andere hatte Business und Management studiert. Sie fanden einen privaten Geldgeber für ihre Idee mit der Fischzuchtfarm, die Investitionsbank Berlin steuerte den Rest zur Anschubfinanzierung bei. So entstand 2014 Europas modernste Aquaponik-Farm von ECF-Farmsystems in Tempelhof. Die Firma beschäftigt sechs Mitarbeiter.

Das Thermometer zeigt hochsommerliche 28 Grad, die Luft ist sehr feucht. In der Halle mit den 13 Wassertanks beschlägt sofort die Kamera der Fotografin. Besucher müssen sich die Hände desinfizieren und Schutzkleidung überziehen. Keime könnten hier verheerende Folgen haben. Die Barsche in den Becken lassen sich nicht stören. Sie schwimmen ruhig und entspannt umher. Wegen ihrer hellen Haut und rosa Flossen nennt man ihre Gattung Rosé- oder Buntbarsch. Doch die beiden Unternehmer haben sie einfach Hauptstadtbarsch getauft. „Ihr feines weißes Fleisch hat Spitzenqualität“, erklärt Christian Echternacht. Alle zwei Monate kommen fünf Kisten mit kleinen schwimmenden Setzlingen aus Holland an. Die Baby-Fische wiegen gerade mal 0,2 Gramm und sind echt winzig. Wenn sie fleißig futtern, haben sie aber bald 30 Gramm auf den Gräten und ziehen ins nächste Becken um.

Barsche sind von Natur aus Raubfische, fressen also am liebsten kleinere Artgenossen. Sie erhalten aber ausschließlich Trockenfutter, frei von Antibiotika. Echternacht erklärt: „Buntbarsche stammen ursprünglich aus dem Nil in Afrika. Man fand in den Pyramiden 4000 Jahre alte Zeichnungen, die sie als Fruchtbarkeitssymbol zeigen.“ Im warmem Wasser von 28 Grad brauchen sie etwa acht Monate, dann sind sie ausgewachsen und wiegen etwa 700 Gramm. Im Becken Nummer 13 angelangt tragen sie das Prädikat „erntereif“. Das sagt man so bei Zuchtfischen, obwohl sie nach kurzer Betäubung durch einen Stromschlag fachgerecht geschlachtet und ausgenommen werden.

25 Tonnen verlassen pro Jahr die Farm, pro Woche etwa 700 Barsche. Bei unserem Besuch gestern Vormittag ist der zweite Chef gerade mit dem Lieferauto zu 30 Kaiser’s Filialen unterwegs. Gut gekühlt auf Eis kosten 100 Gramm in der Fisch-Theke 1,49 Euro. Frischer geht’s nicht, es sei denn, man angelt selbst. Der Hauptstadtbarsch aus Tempelhof trifft den Geschmack der Kunden. Die Bestellungen boomen, die Kapazität ist ausgebucht. Nach Kaiser’s nehmen ab nächste Woche drei Metro-Märkte den Fisch ins Angebot. „Wir beliefern außerdem zwei Geschäfte vom Frischeparadies für Gastronomen“, sagt der Unternehmer stolz. Nächstes Ziel ist die Kreuzberger Markthalle Neun, wo der Verkauf am 5. Februar am eigenen Stand starten soll.

Der Erfolg des Unternehmens hat sich rumgesprochen. „Wir verkaufen unsere Idee weltweit“, sagt Echternacht. 2015 entstand der erste Ableger in der Nähe von Zürich, in diesem Jahr sollen zwei Farmen in Brüssel und in Wien entstehen. Es gibt Nachfragen aus den Arabischen Emiraten, Afrika, den USA und Russland.

Der Hauptstadtbarsch ist eine echte ökologische Alternative zu Fleisch. Für ein Kilo Rindfleisch braucht man 8 Kilo Futter und 15 500 Liter Wasser. Beim Barsch sind es 1,4 Kilo und tausend Liter.