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Berlins marode Schulen: Es wollt kein Hund so länger lernen ...!

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Wegen Einsturzgefahr ist der Haupteingang des Lilienthal-Gymnasiums in Lichterfelde seit Ostern gesperrt. Auch der Turm am Eingang neigt sich gefährlich nach vorne.

Legionellen schwimmen aus den Duschköpfen, die Toilettenwände bestehen aus getünchter Pappe und beim nächsten Wolkenbruch rinnen kleine Wasserfälle durch die Decke in die Mensa. Nein, wir befinden uns nicht im Dschungelcamp, sondern in Berlins Schulen.

Seit 20 Jahren investieren die Bezirke zu wenig in die Gebäude, viele sind mittlerweile baufällig, manche sogar einsturzgefährdet. Hier verbringen Schüler teilweise mehr Zeit als zu Hause, sie sollen sich in der Schule konzentrieren, lernen und Sport treiben. Doch die Zustände machen das nahezu unmöglich.

„Marode Schulen beeinflussen die Kinder in ihrem Wohlbefinden“, sagt der Vorsitzende des Landeselternausschusses Berlin, Norman Heise. Zwei Milliarden Euro braucht Berlin, um die Schulen wieder fit zu machen. Das schätzen zumindest die Bezirke. Eine genaue Zahl kennt keiner, denn die Hochbauämter haben nicht genug Personal für derartige Hochrechnungen. Zudem fehlen Leute zur Betreuung der Bauvorhaben. Ein Teufelskreis.

In Goethes Faust heißt es, „es möcht’ kein Hund so länger leben“ – das trifft auch auf die Lernsituation in Berlin zu. Die Schüler pauken zwischen Schimmel, bröckelnden Decken und Wildwuchs in den Klassenräumen.

Der Elternausschuss von Steglitz-Zehlendorf führt einen Adventskalender über Berlins baufällige Schulen und stellt jeden Tag unter bit.ly/marode-schulen eine neue vor. Wie zum Beispiel die Anna-Lindh-Grundschule in Mitte. Die Klos sind hier so widerlich, dass Kinder lieber in die Hose pinkeln, als aufs Ekel-WC zu gehen, sagen die Eltern.„Schüler verkneifen sich den Toilettengang, weil die Sanitäranlagen in so einem schlimmen Zustand sind“, sagt Norman Heise.

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Ebenfalls gesundheitsgefährdend sind die Duschen in der Alt-Lankwitzer Grundschule. Legionellen haben hier die perfekte Umwelt zur Zellteilung gefunden. Die Kinder dürfen dort nicht mehr duschen.

„Es gibt wissenschaftliche Studien, nach denen die Lernumgebung die Lernbereitschaft beeinflusst. Offene, helle Räume mit einer guten technischen Ausstattung hat jeder lieber als zugige, heruntergekommene Klassenzimmer“, sagt Heise dem KURIER. „Das gilt nach meiner Einschätzung auch für die Lehrer und ihre Motivation bei der Arbeit.“ Auch Psychologe Prof. Dr. Ludwig Bilz sieht die Zustände in Berlins Schulen kritisch: „Gesundheitserziehung ist ein zentrales Thema an Schulen. Wenn an diesem Orten solche Zustände herrschen, ist das kontraproduktiv.“

Doch selbst Schulen ohne Schimmel stehen in Berlin vor Problemen. Seit Monaten werden Asylbewerber in Turnhallen untergebracht. In 40 Berliner Schulsporthallen leben bereits Flüchtlinge, der Senat will 48 weitere beschlagnahmen. Die Schüler müssen für Sport auf andere Hallen ausweichen, oft entfällt der Unterricht ganz. Der Flüchtlingsstrom ist jedoch nicht der Hauptgrund für die Misere.

Seit zwei Jahrzehnten fahren die Bezirke in Sachen Schule einen strikten Sparkurs. Reparaturen werden hinausgezögert bis eine Sanierung nötig wird oder nur der Abriss bleibt. „Ein zentraler Einflussfaktor für die Lernbereitschaft und die Gesundheit ist, wie Kinder die Schule erleben“, erklärt Prof. Bilz. „Ob das ein Ort ist, an dem sie sich wohl und zugehörig fühlen. Wenn sie sich in der Schule nicht sicher fühlen oder ekeln, wird die Lernbereitschaft massiv beeinträchtigt.“

In den kommenden Jahren will der Senat den überforderten Bezirken mehr helfen. „In Zukunft wird es mehr Geld für Schulgebäude geben“, sagt Thorsten Metter, Sprecher von Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD). „Im Jahr 2016 werden dafür mindestens 270 Millionen Euro zur Verfügung stehen, im Jahr 2017 mindestens 300 Millionen Euro.“ Wie weit Berliner Schulen damit kommen, bleibt allerdings unklar.

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