E_Paper_BK
BERLINER KURIER - Berlins ehrliche Boulevardzeitung im Netz

Hartmut Lindner (69) : Vogelfreund stoppt Strom-Trasse

AKL_Stromrebell_45

Ex-Lehrer Hartmut Lindner (69)

Foto:

cam.cop media / Andreas Klug

Früher, 30 Jahre lang, unterrichtete Hartmut Lindner an einem Reinickendorfer Gymnasium Deutsch, Geschichte und Politik. 1993 zog er ins 170-Seelen-Nest Senftenhütte, versteckt zwischen Feldern und Wäldern im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Der Natur und der Idylle wegen. Mit der Ruhe allerdings war es vorbei, als der Netzbetreiber „50 Hertz“ eine gigantische 380-Kilovolt-Höchstspannungsleitung durch das Reservat bauen wollte. Lindner kämpfte – und besiegte mit seinen Mitstreitern das Multi-Millionen-Projekt. Vorerst.

Auf dem Holztisch steht warmer Kaffee, mehrere Ausgaben der „Süddeutschen“ liegen daneben. Linderns Frau hat Süßigkeiten gereicht, eine schwarze Katze streckt sich auf der Fensterbank der ausgebauten alten Scheune. Eine Szenerie wie im ZDF-Herzkino. In der Hauptrolle: Hartmut Lindner. Er lacht, herzlich und erfrischend, fährt sich mit der Hand durch das lange graue Haar, grinst wie einer, der als David den schier übermächtigen Gegner Goliath besiegt hat. Er grinst zurecht.

AKL_Stromrebell_02

Das malerische Dörfchen Senftenhütte im Landkreis Barnim aus der Perspektive einer „DJI“-Drohne. Neben dem Ort leben Hunderte seltene Zug- und Brutvögel.

Foto:

cam.cop media / Andreas Klug

Von vorn: Vor acht Jahren liest Lindner, heute 69 Jahre alt, eine amtliche Bekanntmachung. Der ostdeutsche Stromnetzbetreiber „50Hertz“ wolle eine 115 Kilometer lange Höchstspannungsleitung errichten, um Windstrom schneller und zuverlässiger als bisher von Bertikow bei Prenzlau nach Neuenhagen zu übertragen, Eine 380-Kilovolt-Freileitung sollte die bisher vorhandene 220-Kilovolt-Leitung ersetzen. „Ich hielt das zunächst für einen Scherz. Eine solch verrückte Idee, dass jemand eine derartige Leitung durch drei von der Unesco anerkannte europäische Vogelschutzgebiete bauen möchte, hielt ich für absurd. Es war leider kein Witz.“

Lindner fährt die geplante Trasse ab, arbeitet sich in Unterlagen ein, besucht Fachvorträge. Und spürt: Eine Trasse mit mehr als 60 Meter hohen Masten wäre ein Desaster für die Region. „Es gibt hier Öko-Bauernhöfe, Angermünde ist ein staatlich anerkannter Erholungsort mit naturnahem Tourismus, dazu die seltenen Brut- und Zugvögel wie Schwarzstorch oder Tüpfelsumpfhuhn.“ Mit der Bürgerinitiative „Biosphäre unter Strom“ gibt Lindner in den vergangenen Jahren mehr als 100 000 Euro (die anliegenden Gemeinden beteiligen sich) für Gutachten und Anwälte aus.

AKL_Stromrebell_19

Lindner zeigt KURIER-Reporter Marcus Böttcher den geplanten Verlauf der Stromtrasse.

Foto:

cam.cop media / Andreas Klug

Mit Erfolg. Die geplante Höchstspannungs-Trasse (ein 230-Millionen-Projekt) darf vorerst nicht gebaut werden. Das Bundesverwaltungsgericht urteilte, der Planfeststellungsbeschluss des brandenburgischen Landesamtes für Bergbau, Geologie und Rohstoffe des Landes sei rechtswidrig (Aktenzeichen: 4 A 5.14). Er dürfe nicht vollzogen werden. Die Richter sahen Mängel in der Prüfung von Belangen des Naturschutzes.

Ganz ausgestanden ist der Kampf gegen die Stromautobahn noch nicht. 50Hertz hat die Chance auf ein Ergänzungsverfahren, es darf nachgearbeitet werden. Lindner, der von sich selbst sagt, dass ihn der Konflikt jung hält: „Mein Optimismus ist jedoch sehr groß, dass wir auch nach einer angeblichen Planverbesserung als Sieger dastehen und die Trasse dann gescheitert ist.“

nächste Seite Seite 1 von 2