Die Studentin Sophie Bonczyk profitiert von der Mietsenkung. Foto: Sabine Gudath

Seit Montag dieser Woche sind Mieten, die die zulässigen Obergrenzen um mehr als 20 Prozent überschreiten, verboten und müssen abgesenkt werden. Das sieht die zweite Stufe des Mietendeckels vor. Wie viele Haushalte davon profitieren, ist noch unklar. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung schätzt, dass die Miete für 340.000 Wohnungen abgesenkt werden muss. Das Hamburger Institut F+B, das an der Erarbeitung des Berliner Mietspiegels beteiligt war, hat sogar eine Zahl von 512.000 Wohnungen ermittelt.

Die Berliner Zeitung hat mit vier Hauptstädtern gesprochen, wie sich die Absenkung der Miete für sie auswirkt – mit einer Studentin, einem Arzt, einem Angestellten und einer selbstständigen Grafikdesignerin. Drei der Mieter wollten lieber anonym bleiben. Wir haben ihre Namen geändert und dies jeweils mit einem * markiert.

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Görlitzer Park: Miete von 1130 Euro auf 696 Euro gesenkt

Beate Schlüter*, 35, aus Kreuzberg: „Ich lebe in einer 60 Quadratmeter großen Zweizimmerwohnung am Görlitzer Park. Im sanierten Altbau bei einem privaten Vermieter. Ich habe bisher 1130 Euro warm bezahlt, künftig werden es rund 696 Euro sein, also 434 Euro weniger. Mir war klar, dass ich zu viel Miete gezahlt habe, aber dass es so viel mehr war, macht mich wütend.

Ich habe die Wohnung vor zwei Jahren angemietet, als ich wieder in die Stadt zurückgekommen bin. Ich brauchte damals dringend eine Wohnung. Es gab 25 Mitbewerber. Da hatte ich keine Wahl, als die hohe Miete zu akzeptieren. Ich habe allerdings immer daran gezweifelt, dass der hohe Mietpreis zulässig ist. Deshalb habe ich versucht herauszufinden, was mein Vormieter gezahlt hat, um festzustellen, ob meine Miete gegen die Mietpreisbremse verstößt. Das ist mir aber nicht gelungen.

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Meine Wohnung ist eine typische Altbauwohnung: hellhörig, mit einem kleinen Bad, das weniger als vier Quadratmeter groß ist, mit Laminatfußboden und Einbauküche. 16 Euro pro Quadratmeter kalt, die ich bisher gezahlt habe, sind definitiv zu viel. Ich habe sogar einen Staffelmietvertrag. Er sieht vor, dass meine ohnehin schon hohe Miete in vier Stufen noch um jeweils 20 Euro erhöht wird. Auf Dauer könnte ich mir diese Miete nicht leisten. Ich bin selbstständige Grafikdesignerin.

Meine Einnahmen reichen nicht aus, um daraus den Lebensunterhalt und die hohe Miete zu bezahlen. Ich musste deswegen zuletzt auf mein Erspartes zurückgreifen. Meine Freude ist groß, dass ich jetzt weniger zahlen muss. Dadurch habe ich finanziell wieder etwas mehr Spielraum. Ich traue mich aber nicht, das Geld auszugeben. Ich lege es lieber zur Seite.“

Schönhauser Allee: Für 112 Quadratmeter nun nur noch 1055 Euro statt 1400 Euro

Jens Wustrow*, 38, aus Prenzlauer Berg: „Ich wohne mit meinem Lebenspartner in einer 112 Quadratmeter großen Altbauwohnung an der Schönhauser Allee. Die Wohnung ist frisch saniert. Sie hat etwas Stuck an der Decke, Doppelflügeltüren, hohe Decken und einen Balkon. Außerdem gibt es im Haus einen Fahrstuhl. Wir bezahlen bisher 1400 Euro warm. Das ist für unser Empfinden ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Wir sind beide Gutverdiener. Ich bin Facharzt, mein Partner ist im Qualitätsmanagement tätig. Wir haben ein Nettoeinkommen von etwa 8000 Euro monatlich.

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Wir haben uns ausgerechnet, dass wir durch den Mietendeckel 345 Euro monatlich sparen. Das ist absurd. Obwohl wir beide vom Mietendeckel profitieren, müssen wir sagen, dass er nicht gerecht ist. Wir könnten uns gut vorstellen, dass der Vermieter jetzt kein Geld mehr in die Wohnung investiert. Ich würde das selber auch nicht machen. Einen Brief von unserem Vermieter, in dem er uns über die Absenkung informiert, haben wir allerdings noch nicht bekommen.

Der Vermieter hat sich stumm geschaltet. Falls er sich nicht meldet, werden wir nachfragen, was er plant. Wir werden uns an das Gesetz halten, auch wenn uns die Regelung unnötig erscheint. Ich glaube aber nicht, dass wir rechtlich gegen den Vermieter vorgehen würden, wenn er die Miete nicht absenkt. Das gesparte Geld werden wir in Aktien anlegen, wenn das Bundesverfassungsgericht den Mietendeckel nicht kippt. Wir machen uns aber Sorgen, dass die Stadt als Folge des Mietendeckels vernachlässigt wird, dass die Stadt nicht mehr so schön ist. Genf ist ein Beispiel dafür, wie das Stadtbild leidet, wenn nicht mehr investiert wird.“

Reinickendorf: Nur 50 Euro Ersparnis bei landeseigene Wohnungsbaugesellschaft

Sophie Bonczyk, 33, aus Reinickendorf: „Ich bin Studentin und wohne in einer knapp 65 Quadratmeter großen Zweizimmerwohnung. Mein Vermieter ist die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gesobau. Statt 695,88 Euro Warmmiete muss ich künftig nur noch 645,22 Euro bezahlen, also 50,66 Euro weniger. Ich bin enttäuscht, dass es nur 50,66 Euro weniger sind. Denn ich hatte erwartet, dass sich die Miete um etwa 120 Euro verringert.

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Die Gesobau hatte mir im April in einer Information nämlich mitgeteilt, dass sich der Mietpreis für meine Wohnung nach der Tabelle des Mietendeckels auf 6,27 Euro kalt je Quadratmeter beläuft. Das war für mich maßgebend. Jetzt stellt sich heraus, dass meine Kaltmiete von 8,20 Euro je Quadratmeter nur auf 7,42 Euro je Quadratmeter abgesenkt wird – weil der Mietendeckel vorsieht, dass nur jener Teil der Miete reduziert werden muss, der die Obergrenze um mehr als 20 Prozent überschreitet. Die Miete darf also 20 Prozent über dem Oberwert liegen. Ich fühle mich unvollständig informiert, weil ich erst jetzt davon erfahre.

Außerdem halte ich diese Regelung für ungerecht. Denn beim Abschluss eines neuen Mietvertrages dürfte die Gesobau nur maximal den Mietoberwert verlangen und nicht noch einen Aufschlag von 20 Prozent vereinbaren. Wenn ich meine eigene Wohnung neu anmieten würde, müsste ich also weniger bezahlen. Verrückt. Für Studenten ist das Geld immer knapp. Nach Abzug der Miete bleiben mir 400 bis 450 Euro zum Leben. Deswegen sind 50 Euro mehr im Monat besser als nichts. Die 50 Euro werde ich zurücklegen und für eine Reise – vielleicht nach Spanien – sparen. Ich bin schon drei Jahre nicht mehr verreist.“

Kladow: 192 Euro monatlich weniger für 91 Quadratmeter

Martin Homburg*, 41, aus Spandau: „Ich lebe mit meiner Frau und unserem Sohn in einer 91 Quadratmeter großen Wohnung in Kladow, Baujahr 1974. Unser Vermieter ist die Vonovia. Wir haben bisher eine Kaltmiete in Höhe von rund 842 Euro pro Monat gezahlt. Das entspricht einer Quadratmetermiete von 9,25 Euro. Die Vonovia hat uns fast am letzten Tag mitgeteilt, dass sich unsere Kaltmiete zum 23. November um rund 192 Euro monatlich reduziert. Das sind 7,14 Euro pro Quadratmeter, wobei der Aufschlag von 20 Prozent bereits enthalten ist.

Ich freue mich über die Mietabsenkung, werde das eingesparte Geld aber zur Seite legen und abwarten, bis das Bundesverfassungsgericht über den Mietendeckel entschieden hat. Die neue Miete passt besser zu der Wohnung. Wir sind vor zwei Jahren hierhergezogen. Die Vonovia hat in der Wohnung aber nicht viel gemacht, sondern sie nur oberflächlich renoviert. Das Bad ist zwar gefliest und hat eine Wanne, es gibt aber zum Beispiel keine bodentiefe Dusche. Ich bin Angestellter im öffentlichen Dienst. Wir müssen ungefähr 25 Prozent unseres Einkommens für die Miete bezahlen. Die höhere Miete wäre für uns zwar auch noch zu händeln, aber wenn der Mietendeckel kippt, würde die Miete ja immer weiter steigen, weil es keine Begrenzung gibt.

Wenn der Mietendeckel bestehen bleibt, werden wir die Hälfte des eingesparten Geldes in den Konsum stecken und die andere Hälfte zurücklegen, vielleicht in die Reisekasse. Ich finde, dass der Mietendeckel notwendig ist, weil der Markt überhitzt ist. Ich habe aber den Eindruck, dass das Gesetz mit heißer Nadel gestrickt wurde, weil es schnell gehen sollte. Grundsätzlich ist es immer besser, sich für eine Sache mehr Zeit zu nehmen.“