Eine Plattenbau-Siedlung in Berlin Marzahn: HIer ist die Zahl von einkommensschwachen Mietern besonders hoch. imago

Es fehlt an bezahlbaren Wohnungen, so heißt es von allen Parteien, dem Senat und Verbänden. Doch nun meldet sich ein Wohnungsexperte zu Wort, der den Zusammenhang zwischen unbezahlbaren Mieten und Wohnungsmangel in Berlin bestreitet. Sozialwissenschaftler Andrej Holm sieht das Hauptproblem woanders.

Die Mieten steigen und steigen: Für viele Berliner ist ihre eigene Stadt fast unbezahlbar geworden. Immer mehr Einkommensschwache sind dazu gezwungen, ihre Wohnung aufzugeben, weil sie die gestiegenen Mieten nicht mehr bezahlen können. Schon vor der Corona-Pandemie sind immer mehr Leute nach Berlin gezogen, darunter auch solche mit deutlich höherem Einkommen als der Durchschnitt. Neu gebaute Wohnungen können sich nur noch Wenige leisten.

„Es gab schon immer weniger Wohnungen als Haushalte in Berlin“

Doch die stark steigenden Mietpreise in Berlin haben aus Sicht des Sozialwissenschaftlers Andrej Holm von der Berliner Humboldt Universität nicht nur mit der hohen Nachfrage und dem geringen Angebot zu tun. „Es gab schon immer weniger Wohnungen als Haushalte in Berlin“, sagte der Stadtforscher am Donnerstag in der Expertenkommission zum Thema Enteignung großer Wohnungsunternehmen in der Hauptstadt. „Die Mieten hätten also schon die ganze Zeit explodieren müssen, sind sie aber nicht.“ Neben dem Mangel an Wohnraum müsse es also andere Erklärungen geben.

Seit dem Jahr 2005 seien in der Hauptstadt insbesondere die Neuvermietungspreise rasant gestiegen und hätten sich damit vom Bestandsmietniveau entkoppelt. Mit einem neuen Mietvertrag könne sich aus Vermietersicht mehr verdienen lassen. Je größer die Lücke zwischen Bestandsmieten und Mieten bei Neuvermietung sei, desto stärker sei auch der Impuls zur Verdrängung alteingessener Mieter, sagte Holms.

Jeder zweite Berliner bezahlt mehr als 30 Prozent des Einkommens für Miete

Über alle Einkommensklassen hinweg betrachtet zahlte im Jahr 2018 nahezu die Hälfte aller Einwohnerinnen und Einwohner mehr als 30 Prozent ihres Einkommens für die Miete.

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Erstmals getroffen hatte sich die Expertenkommission Ende April. Am Donnerstag verschaffte sich das Gremium bei einer Anhörung mehrerer Fachleute einen Überblick über verschiedene Aspekte des Berliner Wohnungs- und Mietmarkts. Die Kommission war vom Berliner Senat eingesetzt worden und soll sich unter dem Vorsitz der früheren Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) in den kommenden Monaten unter anderem mit der Frage beschäftigen, ob ein Gesetz zur Enteignung von privaten Wohnungskonzernen verfassungsgemäß wäre.