Gestrichene Flüge unter anderem bei Easyjet, und jetzt wird der Billigflieger am BER auch noch bestreikt dpa

Nach und nach kehrt Flugverkehr wie vor Pandemiezeiten an die Flughäfen zurück, doch zwei Jahre Corona haben ihre Spuren hinterlassen: Zahlreiche Mitarbeiter haben Airlines und Flughäfen verlassen, Mitarbeiter wie Unternehmen mussten brutale Einschnitte verkraften und nun stehen die Zeichen auf Streik. Darunter leiden die Fluggäste.

Mit Easyjet am Freitag von Berlin aus nach Nizza, Palma de Mallorca, Porto oder Amsterdam: Am Flughafen BER ist zu Beginn des Wochenendes Hochbetrieb. Doch seit dem frühen Freitagmorgen haben Warnstreiks die Flüge der Linie Easyjet am Berliner Flughafen beeinträchtigt. „Die ersten Flüge sind ausgefallen“, sagte Verdi-Verhandlungsführer Holger Rößler am Freitag. Laut Easyjet sollten am Morgen rund 20 Flüge gestrichen werden. Der Großteil des übrigen Flugplans mit rund 130 Flügen von und nach Berlin sollte hingegen aufrecht erhalten bleiben.

Die Gewerkschaft hatte rund 450 Kabinen-Beschäftigte von Easyjet aufgerufen, am Berliner Standort zwischen 5.00 Uhr und 10.00 Uhr die Arbeit niederzulegen. Nach Angaben des Flughafens im Internet fielen etwa frühe Flüge nach Nizza, Mallorca, Amsterdam, Malaga, Kopenhagen und London aus. Vereinzelte Easyjet-Flüge konnten morgens starten, weil Ersatz-Personal eingesetzt wurde. Den Kunden hatte Easyjet geraten, sich über den Status ihrer Flüge im Internet zu informieren, bevor sie sich auf den Weg zum Flughafen machen.

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Verdi will ihren Forderungen in der laufenden Tarifrunde Nachdruck verleihen. Die Gewerkschaft fordert eine um mindestens fünf Prozent höhere Bezahlung sowie eine Einmalzahlung bei einer Laufzeit bis Ende dieses Jahres.

„Wir erwarten von dem Unternehmen ein verhandlungsfähiges Angebot“, sagte der Verdi-Sprecher. Seit der letzten Verhandlungsrunde Mitte Mai habe sich nichts getan. „Die exorbitant gestiegenen Preise sowie die große Mehrbelastung an Bord wegen der chaotischen Restart-Phase der ganzen Branche zeigen, dass unsere Forderungen mehr als berechtigt sind.“

Easyjet kritisierte die Warnstreiks. „Wir sind äußerst enttäuscht über diese Aktion in dieser für die Branche kritischen Zeit“, so eine Firmensprecherin. „Wir haben bis zuletzt gehofft, dass die Gewerkschaft die Aktion nicht durchführt und stattdessen mit Easyjet das Gespräch sucht.“

Hintergrund ist die laufende Tarifrunde für das Kabinenpersonal. Verdi fordert mindestes fünf Prozent höhere Vergütungen sowie eine Einmalzahlung bei einer Laufzeit bis Ende dieses Jahres. Hintergrund ist die massive Inflation und eingefrorene Gehälter der Beschäftigten in Zeiten der Pandemie.

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Tausende Passagiere von Easyjet, British Airways und Tui gestrandet

Bereits in den vergangen Tagen sind in ganz Europa tausende Passagiere gestrandet, weil an zahlreichen Flughäfen und bei den Airlines Personal fehlt. Das Chaos ist groß, und nun nähert sich die Hauptreisezeit in den Sommerferien!

Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) warnte vor Personalengpässen in der Reise- und Verkehrsbranche in der Urlaubssaison. Nach Weggängen und Entlassungen in der Pandemie sind in der Branche noch nicht genug Beschäftigte angestellt und einsatzfähig, um dem Reiseansturm gerecht zu werden.

Am vergangenen Pfingst-Wochenende sind nach Medienberichten wegen etlicher Flugausfälle unter anderem Tausende Britinnen und Briten im Ausland gestrandet. Die auf die Reisebranche spezialisierte Beratungsagentur PC Agency schätzte der britischen Nachrichtenagentur PA zufolge, dass mindestens 15.000 Passagiere von kurzfristigen Änderungen am Sonntag betroffen sein könnten. Sowohl die Airline Easyjet als auch British Airways und Tui strichen wie schon in den Tagen zuvor etliche Flüge. Die britische Regierung warf der Branche vor, sich nicht ausreichend vorbereitet zu haben.

Auch bei KLM fielen etliche Linienflüge aus

Die niederländische Fluggesellschaft KLM hatte am Pfingstsonntag damit begonnen, zahlreiche ihrer am Vortag in europäischen Ländern gestrandeten Passagiere nach Amsterdam zu bringen. Wegen erheblicher Verzögerungen bei der Abfertigung am Airport Schiphol hatte sich KLM den Angaben zufolge am Samstag entschieden, etliche Linienflüge von europäischen Städten ausfallen zu lassen.

Wegen großer Probleme bei der Abfertigung an dem Drehkreuz hatte KLM schon Ende Mai den Ticket-Verkauf zeitweise drastisch reduziert. In den Wochen zuvor hatte der Flughafen bereits mit großen Problemen durch Personalmangel bei der Gepäckabfertigung und Sicherheit gekämpft. Schiphol präsentierte Ende Mai einen Maßnahmenplan, um das für den Sommer befürchtete noch größere Chaos zu verhindern. Demnach will der Flughafen mehr Personal anwerben und höhere Löhne bezahlen.

Auch in Deutschland ist der Personalmangel groß - von der Passagierkontrolle über die Flugzeugabfertigung bis hin zu den Flugbegleitern, es fehlen Mitarbeiter, die sich in der Pandemie andere Jobs gesucht haben. „Über alle Standorte hinweg fehlen den Dienstleistern, die an der Abfertigung der Passagiere beteiligt sind, rund 20 Prozent Bodenpersonal im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. Das kann vor allem beim Check-in, beim Beladen der Koffer und in der Luftsicherheitskontrolle zu Engpässen in Spitzenzeiten führen“, hatte der Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbandes ADV, Ralph Beisel, der Deutschen Presse-Agentur jüngst gesagt. Die Flughafenbetriebsräte schätzen den Gesamtbedarf auf 5500 Leute in ganz Deutschland.

Lücke noch nicht geschlossen, doch die Probleme bei Airlines und Flughäfen waren lange bekannt

Wissing sagte der „Bild am Sonntag“: „Hier treffen zwei Punkte aufeinander - zum einen Menschen, die nach all den Entbehrungen und Einschränkungen während der Corona-Pandemie einen großen Nachholbedarf verspüren, unterwegs zu sein und zu reisen. Demgegenüber steht vor allem die Reise- und Verkehrsbranche, die während Corona quasi lahmgelegt war und Mitarbeiter verloren hat.“ Vor allem im Luftverkehr habe man diese Lücke noch nicht schließen können. Der Minister forderte eine „Jobinitiative zur Gewinnung von Fachkräften“ und eine Modernisierung der Infrastruktur. ADV-Manager Beisel betonte in dem Blatt, dass wegen der Sicherheitsauflagen für die Stellenbesetzung an Flughäfen, der „Zuverlässigkeitsüberprüfung“, Mitarbeiter nicht von heute auf morgen eingestellt werden könnten.

Die tourismuspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Anja Karliczek, verwies darauf, dass die Probleme im Luftverkehr bereits seit geraumer Zeit bekannt seien. Schon zu Ostern seien die Engpässe spürbar gewesen. „Was hat Herr Wissing getan, als zu Ostern viele Flugreisen ausgefallen sind, weil die Passagiere nicht rechtzeitig kontrolliert werden konnten?“, kritisierte die CDU-Politikerin. Gerade dort, wo es Qualifikationsanforderungen wie Zuverlässigkeits- und Sicherheitsüberprüfungen gebe, sei das Problem nicht kurzfristig zu beheben: „Da hilft kein Aufruf zu einer Jobinitiative.“ Die Genehmigungsbehörden müssten sich überlegen, wie sie gemeinsam mit den Arbeitgebern an Flughäfen eine Lösung finden.