Der tägliche Stau im Berufsverkehr auf der Stadtautobahn. Der Berliner steckte in diesem Jahr 65 Stunden fest. dpa/Stache

Berlin ist die Stadt der Schleichwege. Jeder, der regelmäßig mit dem Auto zur Arbeit fährt, kennt geheime Abkürzungen, um die sich in der Stadt virusartig vermehrenden Bau-, die zu Staustellen werden, zu umfahren. So eine Art Wettkampf, den die Autofahrer aber genauso regelmäßig verlieren. Denn neue Zahlen beweisen, dass die Zahl der Stunden, die der Berliner im Stau vergeudet, inzwischen trotz Homeoffice fast wieder genauso hoch wie vor der Corona-Pandemie ist.

Besonders bitter für Berlin: Die Stadt, die in vielen Rankings nur unter ferner liefen mitmischt, ist hier ganz vorne mit dabei. Auf einem unrühmlichen Platz 2. Der Berliner stand in diesem Jahr 65 Stunden im Stau – also mehr als zweieinhalb Tage klaute einem die tägliche Baustellenhindernisfahrt. In der Statistik fehlt nur eine Stunde zum Vorkrisenstau.

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Mit Abstand am schlimmsten trifft es die autofahrenden Pendler in München: Im Schnitt 79 Stunden verloren sie aufs Jahr hochgerechnet durch Staus auf dem Weg zur Arbeit - mehr als drei Tage. Allerdings sind das immer noch sieben Stunden weniger als vor Corona.

Stau-Analyse: 2020 hat Corona die Pendlerströme in Berlin ausgebremst

Ganz klar: Die Corona-Verschnaufpause für Pendler ist vorbei. Wer mit dem Auto zur Arbeit fährt, verliert wieder deutlich mehr Zeit im Stau. Eine Analyse des Verkehrsdatenanbieters Inrix ergab in den untersuchten deutschen Städten hochgerechnet 40 Stunden Zeitverlust für typische Auto-Pendler im Jahr 2021. Das sind 14 Stunden mehr als 2020. Vergangenes Jahr hatte Corona die Pendlerströme ausgebremst, jetzt hat der Verkehr wieder zugenommen und der Zeitverlust ist wieder fast so hoch wie vor der Pandemie. 2019 waren es im Schnitt 46 Stunden.

Ab dem von Hamburg mit 47 Stunden belegten Platz drei werden die Abstände dann allerdings deutlich geringer. Auf den Rängen vier bis zehn folgen Potsdam (46 Stunden), Pforzheim (44), Düsseldorf (43), Köln (42) sowie Nürnberg, Dresden und Münster mit je 41 Stunden Zeitverlust.

Im Oktober: Durch einen Rohrbruch an der Frankfurter Allee war die Straße ist gesperrt, es staute sich in der Kreuzungsgegend ab Gürtelstraße, weil über die Nebenstraßen ausgewichen wurde. Sabine Gudath

In Potsdam steigt die Stauzeit besonders krass an

Einige Städte weisen dabei massive Anstiege auch zur Vor-Corona-Zeit auf. In Potsdam und Dresden beträgt er fast ein Drittel – laut Inrix geht das Plus in beiden Städten wohl unter anderem auf größere Baustellen zurück.

Im internationalen Vergleich kommen die deutschen Autofahrer damit allerdings noch recht glimpflich davon: Für die Stauhauptstadt London errechnete Inrix einen Zeitverlust von 148 Stunden – mehr als sechs Tage. Dahinter folgen Paris mit 140 und Brüssel mit 134 Stunden. Insbesondere in Europa haben sich die Staus der Studie zufolge wieder verschärft. In den USA sei der Verkehr dagegen im Vergleich zu 2019 deutlich flüssiger geblieben.

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Inrix verkauft Verkehrsanalysen und Dienstleistungen für vernetzte Autos an Verwaltungen und Unternehmen. Je größer die Stauprobleme erscheinen, desto besser sind seine Geschäftsaussichten. Das Unternehmen ist nicht das einzige, das Studien zum Thema veröffentlicht. So hat der ADAC zuletzt bereits in seiner Sommer-Stauanalyse für den Verkehr auf Autobahnen einen massiven Anstieg der Staus festgestellt. Eine Jahresbilanz des Verkehrsclubs für 2021 liegt noch nicht vor.

„Es gibt kaum eine bessere Datengrundlage, um das Staugeschehen zu bewerten.“

Verkehrsexperten sehen solche Rankings mit gemischten Gefühlen: Justin Geistefeldt, Professor für Verkehrswesen an der Ruhr-Universität Bochum, findet die gängigen Stau-Rankings grundsätzlich „ein Stück weit problematisch“, weil sie Besonderheiten der einzelnen Städte nicht ausreichend berücksichtigten. „Die Topographie, die Verkehrsnetzstruktur und vor allem die Pendlerverflechtungen der betrachteten Städte sind nur bedingt vergleichbar“, sagt er. Dennoch lieferten die Studien gewisse Hinweise. „Es gibt kaum eine bessere Datengrundlage, um das Staugeschehen zu bewerten.“