Mit einem „Geisterrad“ erinnert der ADFC auf der Charlottenburger Schlossbrücke an die 69-Jährige Radfahrerin, die von einem bei Rot fahrenden Auto getötet wurde. Foto: Imago Images/ Jürgen Ritter

Mario Schwarz brachte es auf den Punkt. „Die Entwicklung in Berlin ist dramatisch“, sagte der  Niederlassungsleiter der Prüfgesellschaft Dekra, als er am Mittwoch den diesjährigen Verkehrssicherheitsreport vorstellte. Auf dem Weg zur „Vision Zero“, einer Stadt ohne schwere und tödliche Zusammenstöße auf den Straßen, habe Berlin einen weiteren Rückschlag erlitten.

Die Unfallstatistik sieht in der Tat nicht gut aus. Danach sind in diesem Jahr bereits 15 Radfahrer im Berliner Straßenverkehr getötet worden, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) zählt sogar 16. Dagegen hatte es im gesamten vergangenen Jahr sechs Todesfälle dieser Art gegeben. Neun Fahrer von motorisierten Zweirädern starben bei Zusammenstößen – im vergangenen Jahr waren es zwei.

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Während die Gesamtzahl der Verkehrstoten in Deutschland sinke, nehme sie in Berlin zu. Laut Polizei wurden in diesem Jahr bislang 45 Menschen bei Kollisionen getötet – 2019 waren es 40. Doch nicht nur die objektiven Zahlen seien Anlass zur Besorgnis, nach Einschätzung der Dekra ist auch beim Verkehrsklima in der Hauptstadt ein Negativtrend festzustellen. „Das Sozialverhalten hat sich verschlechtert“, bilanzierte Schwarz. Ein Beispiel: „Die Stadt kann noch so viele Radwege bauen – wenn sich Verkehrsteilnehmer nicht in andere hineinversetzen, nutzen diese Dinge wenig.“

Radverkehr in Berlin nahm um mehr als zwölf Prozent zu

Die offiziellen Daten machen aber auch deutlich, dass nicht etwa Radfahrer, sondern Kraftfahrer unverändert die größte Gefahr darstellen. An der Tatsache, dass Nichtmotorisierte das größte Risiko tragen, bei Unfällen getötet zu werden, hat sich 2020 ebenfalls nichts geändert. Wie auch im vergangenen Jahr überschreitet ihr Anteil bei den tödlich Verunglückten die 70-Prozent-Marke – obwohl die Zahl der Fußgänger, die bei Zusammenstößen starben, von 24 auf 17 sank.

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Warum wurden in diesem Jahr mehr Radfahrer getötet? „Es ist noch zu früh, um belastbare Aussagen zu treffen“, sagte Schwarz. Beobachter verweisen darauf, dass während der Pandemie der Straßenverkehr kaum zurückgegangen ist – im Gegenteil. So hat der Radverkehr in diesem Jahr deutlich zugenommen, auch wenn sich der Anstieg offenbar abgeschwächt hat. Während die automatischen Dauerzählstellen des Senats im vergangenen Jahr bis zum 11. November insgesamt mehr als 16,2 Millionen Mal anschlugen, wurden sie in diesem Jahr bislang schon von fast 18,4 Millionen Radfahrern passiert. Das entspricht einem Anstieg von mehr als zwölf Prozent.

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Eine einfache Erklärung für den Negativtrend gibt es dennoch nicht. Denn in anderer Hinsicht entwickelt sich die Berliner Unfallstatistik in diesem Jahr in die richtige Richtung. So lag die Zahl der Zusammenstöße zwischen Anfang Januar und Ende August um 15,1 Prozent unter der Zahl für denselben Zeitraum des vergangenen Jahres. Die Zahl der Verletzten sank immerhin um 14,1 Prozent. Manchmal hänge es vom Zufall ab, ob jemand einen Unfall schwer verletzt überlebt oder ob er danach stirbt, betonte ein Experte der Polizei.

Infrastruktur für Radfahrer als großes Problem

Die Dekra hält es für notwendig, die Infrastruktur für Radfahrer weiter zu verbessern. „Getrennte Ampelschaltungen für Rad- und Kraftfahrer an Kreuzungen sind sinnvoll“, sagte Schwarz. Doch auch die einzelnen Verkehrsteilnehmer tragen Verantwortung – zum Beispiel dafür, sich mit den Besonderheiten des Fortbewegungsmittels auseinanderzusetzen. Von den 445 Radfahrern, die im vergangenen Jahr auf deutschen Straßen getötet wurden, waren 120 mit Pedelecs unterwegs. Rund die Hälfte der betroffenen Pedelec-Fahrer war älter als 75 Jahre. Schwarz: „Da ist immer wieder Selbstüberschätzung festzustellen.“

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Auch in Berlin sieht der Trend bei den Pedelec-Unglücken nicht gut aus. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei 76 Unfälle, einer davon mit tödlichem Ausgang. In diesem Jahr zählte sie bereits 108 – darunter 66 mit Leicht- und 18 mit Schwerverletzten.