So sieht das 1:1-Modell der neuen U-Bahn-Generation für Berlin innen aus. Berliner Kurier/Markus Wächter

Wo sind denn hier die Räder? Die fehlen, aber sonst sieht der Wagen aus wie eine echte Berliner U-Bahn. Gelbe Haltestangen, harte Sitze, ein großer Mehrzweckbereich, Infobildschirme – alles da!  Doch dieser U-Bahn-Wagen wird niemals rollen, sagt Björn Braune, der bei der BVG für eine der größten Fahrzeugbeschaffungen in der Geschichte des Landesunternehmens zuständig ist. Zu dem Großauftrag für bis zu 1500 U-Bahn-Wagen gehört auch das lebensgroße Modell eines solchen Fahrzeugs, das nun im Deutschen Technikmuseum ausgestellt ist und jetzt erstmals Medien gezeigt wurde. Bisher war es nur geladenen Gästen zugänglich. Doch nicht mehr lange, dann jeder, den es interessiert, kann in dem „Mock-up“ der neuen Berliner U-Bahn probesitzen.

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„Na, was fällt Ihnen auf?“ Braune schaut erwartungsvoll. Der wesentliche Unterschied zur IK, des jüngsten derzeit eingesetzten U-Bahn-Fahrzeugtyps, ist schnell gefunden. „Genau, es ist der Raumeindruck“, sagt der BVG-Ingenieur. „Das haben die meisten Menschen, die das Modell besichtigt haben, lobend erwähnt.“

Innen wirke der Wagen großzügig – obwohl er nur 2,40 Meter breit ist, wie auf den Linien U1 bis U4 mit ihren schmaleren Tunneln üblich. Doch im Vergleich zur Baureihe IK, des derzeit jüngsten Fahrzeugtyps der Berliner U-Bahn, haben die Designer und Planer bei der neuen Generation einiges anders gemacht.

Auch bei den „Icke“-Zügen sind die Wagenwände in der Mitte etwas nach außen gewölbt. Das soll drinnen Platz schaffen. Doch dort sind die Bildschirme, die über den Fahrtverlauf informieren, quer im Fahrgastraum angebracht. In den neuen JK-Zügen, wie sie das begehbare Modell im Technikmuseum zeigt, hängen die Flachbildschirme dagegen längs an den Wänden – dort stören sie den Durchblick nicht.

Ein weiterer Unterschied: „Die Türsäulen sind flacher“, erläutert Braune. Sie ragen nicht so weit in den Fahrgastraum hinein. Überhaupt die Türen: Während jeder IK-Wagen über drei Eingänge verfügt, wird der neue JK nur jeweils zwei haben.

In einer Vier-Wagen-Einheit gibt es 88 Sitzplätze

Eine Klimaanlage gibt es weiterhin nicht. Dafür mehr Sitzplätze als in der Baureihe IK: Nach Angaben des Herstellers Stadler können in einer Vier-Wagen-Einheit insgesamt 88 Fahrgäste im Sitzen reisen.

Das Modell des JK-Endwagens (also mit Führerstand) mit der Nummer 6001-1 besteht aus einem Stahlgerüst und Holz. Gebaut wurde es vom Berliner Unternehmen IFS Design, Stadler steuerte viele Originalteile bei. Die Arbeiten waren ziemlich aufwändig, sagt Jure Mikolčič, Chef von Stadler in Deutschland. „Mehr als 8000 Arbeitsstunden.“

Im November kam das Mock-up ins Technikmuseum, das wegen Corona geschlossen ist. Geladenen Gästen ist es aber zugänglich. Mitarbeiter der Senatsverwaltung haben es ebenso besichtigt wie Mitglied von Fahrgast- und Behindertenverbänden. „Die Resonanz war bislang positiv“, berichtet Braune. Große Veränderungen sind aber ohnehin nicht mehr möglich.

Das 1:1-Modell der neuen U-Bahn im Deutschen Tedchnikmuseum Berliner Kurier/Markus Wächter

Das Vergabeverfahren für die neuen Berliner U-Bahnen hatte bereits 2016 begonnen. Doch erst 2019 war klar, wer den Auftrag bekommt - Stadler. Allerdings konnte auch dann noch nicht mit der Produktion begonnen werden, denn der Mitbewerber Alstom zog vor die Vergabekammer des Landes Berlin. Als das französische Unternehmen dort erfolglos blieb, legte es beim Kammergericht, dem Berliner Oberlandesgericht, Beschwerde ein. Erst nachdem es dort unterlag, bekam Stadler das Go.

Im Frühjahr nächsten Jahres beginnt die Produktion der neuen U-Bahnen

„Im Frühjahr 2022 wollen wir mit der Produktion der 24 Testfahrzeuge beginnen“, sagte Jure Mikolčič. Ende des kommenden Jahres sollen die U-Bahnen in die Erprobung gehen – im regulären Fahrgastbetrieb. Sie werden im gesamten U-Bahn-Netz zu sehen sein.

Allerdings wird sich ihr Einsatz nach einer gewissen Zeit auf bestimmte Linien konzentrieren, so Nicole Grummini. Nach dem jetzigen Stand werden die Testzüge der Großprofil-Baureihe J vor allem auf der U5 rollen, während die JK-Testfahrzeuge auf der U1 oder U3 ihr Programm absolvieren. Ende 2023 soll dann die Serienproduktion starten – ebenfalls im Stadler-Werk Pankow.

Der Industriestandort Berlin profitiert von dem Großauftrag der BVG, der sich auf mehr als drei MIlliarden Euro summiert. Auch das Design stammt aus Berlin, von Büro + Staubach. Die neue Baureihe J/JK wird mindestens 606 und maximal 1500 Wagen umfassen. Um die Bestellung abwickeln zu können, baut der deutsche Ableger des schweizerischen Fahrzeugherstellers Stadler in Pankow eine zweite Montagehalle. 130 Arbeitskräfte wurden neu eingestellt.

Die neue U-Bahn ist bereits virtuell zu sehen, in einem 360-Grad-Modell mit mehr als 160 Millionen Pixel. Doch Joachim Breuninger, Vorstand der Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin, ist zuversichtlich, dass das Mock-Up ebenfalls bald für alle zugänglich ist. „Wir wollen am 1. Juni wieder öffnen“, sagte er.

Dann beginnt auch eine Ausstellung, die sich mit den Fahrzeugen der Berliner U-Bahn befasst. Neben dem Modell der jüngsten U-Bahn-Generation ist das älteste in Deutschland erhaltene U-Bahn-Fahrzeug zu sehen: der Wagen 86 der Berliner Baureihe AI von 1908. Die Besucher können vergleichen, welcher Zug in Sachen Design und Komfort besser abschneidet.