Stau in Mitte: Weil es auf der Mühlendammbrücke in Richtung Potsdamer Platz nur noch einspurig vorangeht, brauchen Kraftfahrer auf der wichtigen Ost-West-Verbindung nun noch mehr Geduld. Volkmar Otto

Lange Staus, Ärger, Stress: Die Fahrt durch Mitte ist nun noch nerviger geworden. Ein weiterer Brückenschaden beeinträchtigt den Straßenverkehr in Berlin. Auf der Mühlendammbrücke im östlichen Stadtzentrum geht es seit Donnerstagmorgen nur noch einspurig in Richtung Potsdamer Platz. Gleich zwei Fahrstreifen mussten überraschend gesperrt werden.

In der Brückenkonstruktion wurden „schwere Schäden entdeckt, die sofortige Sicherungsmaßnahmen erforderlich machen“, teilt die Verkehrsinformationszentrale Berlin mit. Die Teilsperrung im Zuge einer der wichtigsten Ost-West-Verbindungen in der Innenstadt wirft ein Schlaglicht auf den Zustand, in dem sich viele Verkehrsbauwerke in Berlin befinden.

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Den Bauleuten fuhr der Schreck in die Glieder. Eigentlich sollten sie am Mittwochnachmittag an einem der fünf Hohlkästen des nördlichen Überbaus der Mühlendammbrücke nur einen kleinen Fehler im Beton ausbessern. „Doch die nur im Brückeninneren sichtbare Schadstelle in Längsrichtung hat sich dann mit rund 4,60 Meter Länge rasch als größer herausgestellt als zunächst erkennbar“, sagte Jan Thomsen, Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne).

Deshalb wurde entschieden, den Kraftfahrzeugverkehr in Richtung Westen auf der Busspur zu konzentrieren. „Erste Details zu ist der jetzt entdeckte Schaden etwas Neues und hat nichts mit den bereits bekannten Korrosionsschäden innerhalb der Spannbetonbrücke zu tun.

Die achtspurige Mühlendammbrücke über die Spree ist Teil des Straßenzugs Leipziger Straße/Gertraudenstraße/Grunerstraße, einer stark befahrenen Ost-West-Verbindung in der östlichen Innenstadt. Die jüngste Verkehrszählung ergab vor rund drei Jahre, dass dieser Teil der Bundesstraße 1 an Werktagen im Durchschnitt von 72.800 Kraftfahrzeugen genutzt wird.

Der Zustand des 42,2 Meter breiten Spannbetonbauwerks im östlichen Stadtzentrum, das 1968 fertig gestellt und 1969 für den Verkehr freigegeben wurde, hat sich immer weiter verschlechtert. Am Tragwerk wurden Schäden festgestellt, die nicht mehr repariert werden könnten. Zuletzt bekam sie, wie berichtet, nach Brückenprüfungen die Zustandsnote 3,4. Das bedeutet: nicht ausreichender Bauwerkszustand.

In einem vergleichbaren Bauwerk aus Spannbeton, der 1968 freigegebenen Elsenbrücke in Friedrichshain-Kreuzberg, war 2018 ein rund 25 Meter langer und fast 1,8 Millimeter breiter Riss entdeckt worden. Von den mehr als 500 Litzen aus Stahl, die das Bauwerk im Innern stabilisieren sollen, waren einige gerissen. „Aller Wahrscheinlichkeit nach war Korrosion die Ursache“, hieß es im Senat. Inzwischen wurde damit begonnen, das Bauwerk abzureißen und durch eine neue Spreebrücke zu ersetzen. Sie soll 2028 für den Verkehr freigegeben werden.

Neue Brücke wird deutlich weniger Kapazität haben

Bereits beschlossen ist, dass auch die Mühlendammbrücke, die ebenfalls aus zwei Überbauten besteht, abgetragen und neu errichtet wird. „Zum Glück ist das Wettbewerbsverfahren schon im Gang“, sagt Ephraim Gothe (SPD), der zuständige Stadtrat im Bezirksamt Mitte, dem KURIER. Am 27. Juli sollen die Entwürfe während einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt werden, am 28. Juli werde ein Preisgericht dann den Sieger küren.

Vorgesehen ist allerdings, dass die neue Mühlendammbrücke zunächst für rund 60.000 Kraftfahrzeuge pro Werktag ausgelegt wird. In einem zweiten Schritt soll die Kapazität für Autos und Lkw ungefähr halbiert werden, damit Fußgänger und Radfahrer zusätzlichen Platz bekommen. „Wir wollen eine verkehrswendetaugliche Brücke“, sagte Gothe. Nicht nur der Bezirk, auch Initiativen wie Changing Cities und der Fahrgastverband IGEB hatten sich dafür eingesetzt, der ADAC sieht das sehr kritisch.

Die neue Brücke wird auch für zwei Straßenbahngleise ausgelegt. Sie wird Teil der geplanten Verbindung vom Alexanderplatz zum Kulturforum, die nach einer erneuten Terminverschiebung nun 2028 in Betrieb gehen soll. Die 4,1 Kilometer lange Trasse soll über die Leipziger Straße und den Potsdamer Platz verlaufen.

„Das ist ein Ärgernis par excellence“

Auch der Zustand der Schiffbauerdammbrücke in Mitte, der Dunckerbrücke in Prenzlauer Berg, der Eldenaer Brücke in Friedrichshain, der Admiralbrücke in Kreuzberg und der Sellheimbrücke in Karow gilt als nicht ausreichend. Der Zustand der Moltkebrücke in Steglitz-Zehlendorf, der Sellerbrücke in Wedding  und der Adlerbrücke im Tiergarten wird sogar als ungenügend bewertet.

Bedingt durch „jahrzehntelange Sparvorgaben für die Infrastruktur des Landes Berlin“ sei man mit der Instandhaltung in einen erheblichen Rückstand gekommen, teilt Verkehrs-Staatssekretär Ingmar Streese (Grüne) in seiner Antwort auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Kristian Ronneburg und Katalin Gennburg mit.

In ganz Deutschland erreichen viele Straßenbrücken das Ende ihrer Lebenszeit, warnt Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research (CAR) in Duisburg. „Das ist ein Ärgernis par excellence.“ Es gebe bereits zahlreiche Teilsperrungen. „Man kann sagen, dass im Schnitt 50 Prozent der Autobahnbrücken in Deutschland marode sind“, so Dudenhöffer dem KURIER. „Doch die Politik habe sich für das brisante Thema lange nicht oder nur am Rande interessiert. Mit der Freigabe neuer Verkehrswege könnten sie mehr punkten als mit der Pflege der bestehenden Infrastruktur. „Bis heute gilt das Motto: Augen zu und durch“, ergänzte der als „Auto-Papst“ bekannte Forscher. Leidtragende seien die Autofahrer und die anderen Nutzer.