Startklar für die Reise durch die Nacht: ein Nightjet der Österreichischen Bundesbahnen mit Sitz-, Liege- und Schlafwagen. Foto: ÖBB

Erst ein Bier oder einen Wein. Dann hinlegen und einschlafen, um am Morgen in einer anderen Stadt aufzuwachen - ohne das Bett verlassen zu haben. Wenn nach Corona Reisen wieder möglich sind, stehen Nachtzüge wieder als Alternative zum Flugzeug oder zum Auto bereit. Am Dienstag haben vier staatliche Bahnunternehmen vereinbart, das Netz deutlich zu erweitern. Davon wird auch Berlin profitieren.

Es war einmal: Berlin, eine Nachtzugmetropole. Ob nach Amsterdam, Kopenhagen, Paris, Bozen, Odessa, Riga, Warschau, Krakau, Sankt Petersburg oder ins 5635 Kilometer entfernte Nowosibirsk – selbst nach der Wende hatten Passagiere die Wahl. Doch Billigflieger, Fernbusse und das Auto machten den Zügen Konkurrenz. Weil Trassenpreise und Stationsentgelte stiegen, wurde der Betrieb immer kostspieliger. Zu dieser Schienenmaut kamen hohe Traktionskosten sowie ein Steuernachteil hinzu: Anders als bei internationalen Flugreisen wird in Deutschland auf Fernverkehrstickets der volle Mehrwertsteuersatz erhoben.

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Vor vier Jahren zog sich die bundeseigene Deutsche Bahn (DB) ganz aus dem Geschäft mit Schlaf- und Liegewagen zurück. Immerhin: Die ÖBB sprang zum Teil in die Bresche. So blieb die Route Berlin-Zürich erhalten, seit zwei Jahren fährt der Nightjet auch Berlin-Wien. Die russische Staatsbahn RŽD übernahm die Strecke nach Paris, aber nur an einzelnen Tagen. Wegen Corona liegt der Betrieb allerdings dort ebenso brach wie nach Moskau. Der private Zugbetreiber Snälltåget will ab März 2021 Berlin über Nacht mit dem Großraum Kopenhagen, Malmö und Stockholm verbinden – anfangs zweimal pro Woche.

Die Betten sind gemacht: ein Liegewagenabteil des privaten schwedischen Zugbetreibers Snälltåget. Er will ab Ende März Berlin über Nacht mit dem Großraum Kopenhagen, Malmö und Stockholm verbinden - zunächst zweimal wöchentlich, im Sommer täglich. Mal sehen, ob Corona das zulässt. Foto: Snälltåget

Doch das Angebot bleibt in ganz Europa mager. Damit sich das ändert, wurde am Dienstag auf Anregung der Politik eine Kooperation besiegelt. Partner sind die DB, die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), die Schweizerischen Bundesbahnen sowie die französische SNCF. „Unser Ziel ist: mit der Bahn besser durch Europa“, versprach Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU).

Künftig sollen ÖBB-Nachtzüge auf 26 Linien unterwegs sein, sagte Andreas Matthä, Bahnchef in Wien. Dadurch soll die Zahl der jährlichen Nightjet-Passagiere, die vor Corona 1,4 Millionen betrug, auf drei Millionen steigen. Geplant ist, dass im Dezember 2021 die Routen Wien–München–Paris und Zürich–Köln–Amsterdam wiederaufgenommen werden. Im Dezember 2023 soll dann die Strecke Wien/Berlin–Brüssel/Paris folgen. Ein Jahr später sollen Nachtzüge wieder Zürich mit Barcelona verbinden – zwölf Jahre, nachdem die Vorgänger aufs Abstellgleis kamen. Denn das haben alle geplanten Verbindungen gemeinsam: Es gab sie schon mal.

Nachdem das Schicksal der Nachtzüge als besiegelt erschien, gebe es jetzt wieder „sehr interessante Entwicklungen“, lobte Peter Cornelius von Pro Bahn. So schlägt das Konzept Trans Europ Express 2.0 aus dem Bundesverkehrsministerium auch für Berlin neue Nachtzugverbindungen vor: etwa nach Warschau, Kopenhagen und in den Süden. Wer um 18.45 Uhr in Berlin einsteigt, könnte um 8.30 Uhr in Rom und um 11.30 Uhr in Nizza sein. Auch Stockholm steht auf der Liste.

Die Senatsverkehrsverwaltung will nach Informationen des KURIER eine Machbarkeitsuntersuchung in Auftrag geben, um die Diskussion in Workshops weiterzutreiben.  Titel: Berlin als Drehkreuz eines europäischen Nachtzugnetzes. Es geht voran.