Eine Radfahrerin ist auf dem Pop-up-Radweg auf der Skalitzer Straße in Kreuzberg unterwegs. Der Umweltverband BUND will mehr solche Wege. Paul Zinken/dpa

Wo lässt sich gut radeln? Wo besser nicht? Ein Blick zeigt, und man weiß, wo es am besten lang geht. Weiß, gelb, ocker: So stechen die Straßen hervor, auf denen Radfahrer gut vorankommen. Grau: So sind die Verkehrswege gekennzeichnet, die man auf zwei Rädern meiden sollte, weil dort viele Autos fahren oder der Fahrbahnbelag schlecht ist. Klare Farben zeichnen die Fahrradpläne des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) für Berlin und Potsdam aus, die jetzt in überarbeiteten Auflagen erschienen sind.

Holperstrecken auf Kopfsteinpflaster. Zugeparkte Radwege. Planungen für neue Radfahrstreifen, die zwei Jahrzehnte alt sind, aber immer noch nicht verwirklicht worden sind – wie auf der Birkbuschstraße in Steglitz. Immer noch brauchen Radfahrer in Berlin starke Nerven und manchmal einen Schutzengel.

Doch die neuen Fahrradpläne zeigen mehr weiß und gelb markierte Straßen als frühere Versionen, sagt Tilmann Heuser, Geschäftsführer des Berliner BUND-Landesverbands, am Freitag. „Viele Jahre ging der Ausbau des Radverkehrsnetzes in Berlin nur im Schneckentempo voran. Jetzt sind wir immerhin schon mit Schildkrötengeschwindigkeit unterwegs“, so seine Bilanz. „Das Tempo hat zugenommen.“

In den vergangenen fünf Jahren hat es in Berlin grundlegende Veränderungen gegeben

Doch beim BUND geht man nicht so harsch mit Politikern und Planern ins Gericht. Tilmann Heuser: „Wir sind nicht ganz so enttäuscht wie andere Verbände“ – zum Beispiel die Radfahrerlobby. Auch wenn der Fortschritt nicht so zügig vorangeht wie es nötig wäre, auch wenn die Verwaltung in vielen Bezirken immer noch weit hinter den Erwartungen und Möglichkeiten zurückbleibe: „In den vergangenen fünf Jahren hat es in Berlin grundlegende Veränderungen gegeben“, lobt der Berliner BUND-Chef. So seien in der grün regierten Verkehrsverwaltung neue Strukturen geschaffen und in ganz Berlin viele Radverkehrsplaner eingestellt worden. „Wir wären froh, wenn auch in anderen Politikbereichen wie zum Beispiel dem Naturschutz so viel erreicht worden wäre“, sagt Heuser.

Grau markierte Straßen sind schlecht geeignet zum Radfahren. Gelbe Straßen haben Radfahrstreifen, oder sie sind als Fahrradstraße markiert. Orange heißt: Es gibt Busspuren. Weiß: ebener Belag. Ausschnitt aus der aktuellen fünften Auflage des Fahrradplans Berlin. BUND Berlin/Edition Gauglitz

„Bezirke wie Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln, in denen Politik und Verwaltung gut zusammenarbeiten, können viel zur Mobilitätswende beitragen“, bilanziert Tilo Schütz. Er hat auch die aktuelle fünfte Auflage des Berliner Fahrradplans (8,90 Euro) sowie die zweite Auflage des Fahrradplans für den Berliner Südwesten und Potsdam (6,90 Euro) betreut. Schütz fordert, das Netz der Pop-up-Radwege rasch zu erweitern. „Die Zeit ist ein wichtiger Faktor. Der Klimawandel schreitet voran, deshalb müssen wir die Menschen noch schneller dazu bringen, vom Auto aufs Fahrrad umzusteigen“, sagt der Stadtplaner.

Schlecht schneiden Reinickendorf und Steglitz-Zehlendorf ab

Planungen, die bereits in den Schubladen liegen, sollten zügig umgesetzt werden. Pläne gebe es zum Beispiel für die Pankstraße in Wedding, die Grunewald- und Berliner Straße in Schönberg und Wilmersdorf sowie für den Steglitzer Damm und die Albrechtstraße in Steglitz.

Doch neben dem Berliner Schlusslicht Reinickendorf sei gerade Steglitz-Zehlendorf ein Beispiel dafür, dass Bezirksämter ihre Potenziale nicht ausschöpfen, bemängelte Schütz. Ein Vergleich mit früheren Fahrradplänen zeige, wie wenig sich zum Positiven verändert habe. Aufträge des Bezirksparlaments, die Einrichtung von Fahrradstraßen zu prüfen, wurden nicht verfolgt, so der BUND-Experte.

Auch mehrere intensiv diskutierte Planungen für Hauptverkehrsstraßen, etwa in der Lindenthaler und Argentinischen Allee, seien versandet. Schon 2013 hieß es, dass dort ein Pedelec-Korridor für Pendler zwischen Kleinmachnow und Zehlendorf entstehen soll. „Doch weil dafür Parkplätze wegfallen müssten, geht es nicht voran“, kritisierte Schütz. „Aus Angst, Autobesitzern auf die Füße zu treten, zögern viele Bezirke.“

„In keiner Metropole gibt es so viele Hauptverkehrsstraßen, an denen geparkt werden darf, wie in Berlin“, sagte BUND-Geschäftsführer Tilmann Heuser. „In Paris oder New York wäre das undenkbar.“ Er hofft, dass der Ausbau des Radverkehrsnetzes vom Schildkröten- ins Radlertempo wechselt. Wäre dies auch unter einer Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) zu erwarten, die bei einer Abkehr vom Auto ein „Bullerbü“ in Berlin befürchtet? Kein Kommentar. Nur so viel: „Wir haben die Chance, die Planungen tatsächlich auf die Straßen zu bekommen.“