Bobby-Cars waren am Sonnabend auf der Tauentzienstraße in Charlottenburg erlaubt – Autos, Lkw und Busse dagegen nicht. Foto: Berliner Kurier/Peter Neumann

Ein Gespenst geht um in Berlin – Straßen und Plätze nur noch für Fußgänger und Radfahrer. Die Diskussion über die autofreie Friedrichstraße ist noch in vollem Gang, da wird schon über die nächsten Aktionen dieser Art diskutiert.

Am Sonnabend wurde die Tauentzienstraße im Schatten des Europa-Centers in der City West knapp drei Stunden lang den Fußgängern überlassen. Auf Initiative des Bündnisses Stadt für Menschen sperrte die Polizei den Abschnitt zwischen Ranke- und Nürnberger Straße – was sich kaum auf den Verkehr auswirkte, da wegen der benachbarten Corona-Demo ohnehin keine Autos, Lkw und Busse in das Gebiet am Bahnhof Zoo gelangten.

Zu Beginn der Sperrung wurde ein grüner Teppich auf dem Asphalt ausgerollt, auf den bei armenischer Trauermusik 31 weiße Rosen gelegt wurden. Sie erinnerten an die 31 Fußgänger und Radfahrer, die seit Januar im Berliner Straßenverkehr getötet worden sind. In Helsinki und Oslo habe es 2019 keine toten Fußgänger und Radfahrer gegeben, sagte Stefan Gammelien von der Initiative Changing Cities. „Im Verkehr zu sterben, ist kein gottgegebenes Schicksal, sondern Ergebnis von Entscheidungen und Prioritätensetzungen, die den Verkehr so gestalten, wie wir ihn vorfinden.“

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Es werde lange dauern, bis Berlin umgestaltet sei, gab Bettina Jarasch, Spitzenkandidatin der Berliner Grünen, zu bedenken. „Doch es gibt einige Dinge, die wir jetzt schon machen können: autofreie Kieze, autofreie Plätze, Spielstraßen, Pop-up-Radwege“, sagte die Frau, die Regierende Bürgermeisterin werden will. Mit Blick auf den vorübergehend autofreien Tauentzien sagte sie: „Mein Traum ist es, dass es viele solcher Plätze in Berlin gibt.“

Das Treiben am Tauentzien wirkte zeitweise wie eine Grünen-Party. Parteiwerbung und Politiker (unter anderem Cem Özdemir, Vorsitzender des Bundestags-Verkehrsausschusses) bestimmten das Bild, während Passanten meist am Rande stehen blieben. Dafür äußerte die FDP, die Einschränkungen des Autoverkehrs meist skeptisch gegenübersteht, zumindest indirekt Sympathie. 

Flotte Sprüche auf dem Tauentien. Foto: Berliner Kurier/Peter Neumann

Der FDP-Verkehrspolitiker Henner Schmidt regte an, die Tauentzienstraße einige Wochen versuchsweise ganz oder auf einer Seite zu sperren. „Dafür würde sich die Adventszeit eignen, in der sehr viele Menschen dort einkaufen gehen und die Straße oft überfüllt ist“, sagte der Abgeordnete. Nötig sei aber, der Handel für das Projekt gewonnen werden kann, Liefer- und Busverkehr zufriedenstellend geregelt werden können.

Währenddessen plant das Bündnis Stadt für Menschen weitere Aktionen wie in der Tauentzienstraße. Ein Test auf dem Hackeschen Markt dränge sich geradezu auf, sagte Matthias Dittmer. Dort seien viele Fußgänger unterwegs, die derzeit kaum Platz hätten. Auch Unter den Linden eigne sich für einen Versuch – vielleicht noch 2020. Dort sehe der rot-rot-grüne Koalitionsvertrag von 2016 ohnehin eine fußgängerfreundliche Umgestaltung vor. In einem ersten Schritt sollen Fußgänger, Radfahrer und Busse 2021 mehr Platz bekommen, so die Senatsverkehrsverwaltung.

Cordelia Koch von der Pankower Grünen-Fraktion hat eine weitere Idee. Wie wäre es, wenn der Anger in Pankow einen Tag den Fußgängern und Radfahrern gehören würde? Wie berichtet hat die Fraktion ein Projekt ins Leben gerufen: Stadtraum 2030 – Raum für Menschen statt für Autos. Bei Diskussionen äußerten Bürger allerdings auch Kritik an den Ideen, berichtete Koch. So hieß es: „Wenn das hier so kommt, wird es zu schön hier. Dann steigen die Mieten, und ich muss wegziehen.“

Bitte umfahren! Doch wegen der benachbarten Corona-Demo gelangte sowieso kaum ein Kraftfahrzeug in die City West. Foto: Berliner Kurier/Peter Neumann

Und wie sieht es mit der Tauentzienstraße aus? Sinnvoller wäre es, in Wohnvierteln Bereiche für Autos zu sperren, sagte Oliver Schruoffeneger (Grüne), Baustadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf. Hauptadern wie die Tauentzienstraße seien nötig, damit der Verkehr konzentriert werden kann. Ob die benachbarte Budapester Straße so breit bleiben sollte wie jetzt, sei allerdings fraglich: „Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, den Hardenberg- und den Breitscheidplatz zusammenzuführen“ – damit eine attraktive Verbindung für Fußgänger entsteht.

Das Bündnis Stadt für Menschen fordert dort eine Fußgängerzone. Martin Germer, Pfarrer der Gedächtniskirche, fände das gut. „Es würde dem Platz gerecht werden, den Autoverkehr zu reduzieren und den Fußgängerbereich auszuweiten“, sagte er.

Bettina Jarasch wies aber darauf hin, dass es in Berlin auch Menschen gebe, die Angst vor Veränderungen hätten. „Weil sie befürchten, dass ihr Alltag stressiger wird“, so die Grünen-Spitzenkandidatin. „Gerade weil Veränderungen nötig sind, müssen wir mit ihnen reden.“