Nachts am BER. Foto: dpa/ Bernd von Jutrzenka

Nein, er möchte sich nicht beschweren, sagt Tom Nuttall. „Es war eine besondere Situation, mit der die Bundespolizei und die Mitarbeiter des Berliner Flughafens zurecht kommen mussten.“ Trotzdem war es ein Abend, den er so schnell nicht vergessen werde, sagte der Leiter des Berliner Redaktionsbüros der britischen Zeitschrift The Economist am Montag dem Berliner KURIER. Der 43 Jahre alte Redakteur war einer der Fluggäste, die am Sonntag mit den letzten Flugzeugen aus Großbritannien am BER ankamen – und zunächst dort strandeten.

Kurz vor Weihnachten schrecken Nachrichten über eine besonders ansteckende Mutation des Coronavirus‘ die Menschen in Europa auf. Weil sie in Großbritannien grassiert, haben immer mehr Länder den Verkehr von und nach Großbritannien unterbrochen. Tom Nuttall, der am Freitag von Berlin nach London geflogen war, wollte ursprünglich bis zum Neujahrstag auf der Insel bleiben. Doch als er hörte, das Reisebeschränkungen diskutiert werden, buchte er den Rückflug auf den 26. Dezember um – und dann auf den vergangenen Sonntag. „Ich lebe seit drei Jahren in Berlin, hier ist mein Mittelpunkt, und hier möchte ich Weihnachten sein“, sagte er.

Zu seiner Überraschung war der Ryanair-Flug, der um 19.40 Uhr, in London Stansted in Richtung Berlin abheben sollte, nur zu zwei Dritteln gebucht. Seine Mitreisenden und er hatten das Glück, Großbritannien noch verlassen zu dürfen. „Einen Flug von Stansted nach Mailand hatte man bereits gestrichen. Die Passagiere waren sehr verärgert.“ Doch nachdem die Ryanair-Maschine am Terminal T5 des BER, dem ehemaligen Flughafen Schönefeld gelandet war, merkten auch diese Fluggäste, das sich etwas verändert hatte. Deutschland hatte angekündigt, dass ab Mitternacht kein Flugverkehr von Großbritannien mehr möglich sei.

In Schönefeld wurden die Reisenden „separiert“, wie die Bundespolizei bestätigte. Deutsche durften den Flughafen verlassen, Ausländer mit einem aktuellen negativen Coronatest-Ergebnis ebenfalls. Die anderen Passagiere mussten lange warten, bis sich jemand um sie kümmerte. Zunächst habe man ihm gesagt, dass er zurückreisen müsste, berichtet Tom Nuttall. Doch er lehnte es ab, das entsprechende Formular auszufüllen. Als „legal resident“ dürfe er sich in Deutschland aufhalten.

Die verbliebenen Fluggäste und er wurden in einen Vorfeldbus geleitet. „Er war ungeheizt. Wir standen dicht an dicht, es gab keine Information. Kinder wurden sehr unruhig.“ Die Bundespolizei habe offenbar zunächst nicht gewusst, was sie tun soll. Schließlich wurde die Gruppe zum BER gefahren. „Das hat ziemlich lange gedauert. Ein Passagiere fragte, ob wir jetzt nach München gebracht werden“ – was ein Scherz war. Die Fahrt endete am neuen Terminal 1 des BER.

Tom Nuttall, Leiter des Berliner Büros der Zeitschrift The Economist. Foto: privat

Dort durfte Tom Nuttall die Kontrollen passieren. Mit einem der letzten Züge fuhr der Brite nach Charlottenburg, wo er wohnt. Montagfrüh gegen 1.45 Uhr hatte er sein Ziel endlich erreicht. Er sei angekommen, das zähle, sagte der Brite.

Dagegen mussten 74 Reisende über Nacht im Flughafen bleiben. Für sie wurden Feldbetten aufgestellt. Ihnen wurde mitgeteilt, dass sie im BER auf Corona getestet würden – am Montag. Bis zum Nachmittag lagen in 64 Fällen Ergebnisse vor. „Alle negativ“, so die Bundespolizei.

Am Sonntag waren vier Flüge von Großbritannien nach Berlin betroffen. „Sie kamen aus London-Heathrow, London-Stansted, Manchester und Bristol“, so eine Sprecherin. Am Montag wurden viele Linienflüge vom BER nach Großbritannien gestrichen, unter anderem nach London, Manchester und Edinburgh. Bei Easyjet fielen vier Flüge aus, teilt die britische Airline mit. Trotzdem gab es Starts dorthin. Planmäßige Flüge wurden dazu genutzt, um Passagiere ins Vereinigte Königreich zurückzubringen.

„Betroffene Kunden haben die Möglichkeit, kostenlos auf einen alternativen Flug umzubuchen, einen Gutschein zu erhalten oder eine Rückerstattung zu bekommen. Diese Regelung gilt solange die Reisebeschränkungen in Kraft sind. Kunden, deren Flug gestrichen wurde, werden benachrichtigt“, so Easyjet.

Vorerst bis 31. Dezember sind Flüge von Großbritannien nach Deutschland verboten. Ausgenommen sind Frachtflüge, Flüge mit medizinischem Personal oder nur mit Crews an Bord, die nach Deutschland zurückkehren wollen. Dies diene dem Schutz der Bevölkerung in Deutschland und der „Limitierung des Eintrages und der schnellen Verbreitung der neuen Virusvarianten“, hieß es.