Dauerbaustelle S-Bahnhof Warschauer Straße. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Leere Schnapsflaschen liegen auf den Dächern. Hinter Bauzäunen klaffen Löcher im Bodenbelag. Auf den Aufzügen, die zu den beiden S-Bahnsteigen führen, leuchtet rot: „Außer Betrieb“. Der S-Bahnhof Warschauer Straße in Friedrichshain ist eine rekordverdächtige Dauerbaustelle, gegen die selbst das Flughafenprojekt BER wie ein Schnellläufer anmutet. „Ein Ärgernis für unsere Kunden“, gesteht die Deutsche Bahn (DB) ein. Doch bei dem Bundesunternehmen will niemand mehr sagen, wann die Station endlich fertig wird. „Zum aktuellen Zeitpunkt ist noch keine verbindliche Aussage zu dem endgültigen Inbetriebnahmetermin möglich“, bedauert ein Sprecher. Zuletzt hieß es, dass der Bahnhof Ende September fertiggestellt sein sollte. Aber auch daraus ist nichts geworden.

Mit durchschnittlich 85.000 Nutzern pro Tag gehört der S-Bahnhof Warschauer Straße zu den am stärksten frequentierten Stationen im Berliner Schienennetz. Normalerweise laufen die Menschen ohne Stopp durch die Halle, um zu ihren Zügen zu gelangen. An diesem Donnerstag könnte es allerdings sein, dass einige stehen bleiben werden. Bei ihrer Bahnhofstour durch Berlin kommen DB-Manager in die Station, um von 16 bis 18 Uhr mit Fahrgästen zu sprechen. Dem Konzernbevollmächtigten Alexander Kaczmarek schwant schon, dass es kritische Fragen geben wird. „Es wird sicher um den Zustand dieses S-Bahnhofs gehen“, sagt er.

Bauzäune an der Warschauer Brücke seit 2004

Ein anderes Pannenprojekt, der Flughafen BER in Schönefeld, ist seit 2006 Baustelle. Auf der Warschauer Brücke wurden dagegen schon 2004 Bauzäune aufgestellt. Damals wurde das baufällige Bahnhofsgebäude teilweise gesperrt, im Jahr darauf kam das Abrisskommando. Lange Zeit mussten sich die Fahrgäste zwischen Bauzäunen und Imbissbuden durch ein Wegegewirr bewegen. Schon bald wurde klar, dass sich das Versprechen, dass die neue Halle 2010 fertig wird, nicht einlösen ließ. Firmen gingen pleite, Projektleiter wechselten, Normenänderungen erforderten Umplanungen. Immerhin: 2017 wurde der erste neue S-Bahnsteig übergeben. Im Jahr darauf wurde der Rohbau des jetzigen Bahnhofsgebäudes für die Fahrgäste geöffnet.

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Doch fertig ist das neue Bauwerk, das nach den Plänen des Berliner Architekturbüros dlw mit Kupferblech eingehüllt wurde, weiterhin nicht. Technik- und Lieferprobleme, fehlende Prüf- und Abnahmekapazitäten verlängerten den Stillstand. Corona bescherte weitere Verzögerungen. Und so sind der Supermarkt Rewe to Go und Starbucks weiterhin geschlossen – wie auch das Backwerk sowie die Imbisse Curry 36, Mishba und Döner Öcebe. Aus dem Plan, die Aufzüge Ende 2019 in Betrieb zu nehmen, ist nichts geworden. Damit ist der S-Bahnhof weiterhin nicht barrierefrei nutzbar – Pech für Rollstuhlfahrer und Reisende mit Kinderwagen.

„Im aktuellen Zustand ist der S-Bahnhof Warschauer Straße wenig einladend“, sagt Sven Heinemann, SPD-Abgeordneter aus Friedrichshain. Im Sommer hatte er noch gehofft, dass die Station früher als der BER fertig wird. Nun öffnet der Flughafen am 31. Oktober.

„Die Kollegen von DB Station & Service arbeiten mit Hochdruck an der Inbetriebnahme“, entgegnet ein Bahnsprecher. „Aktuell stehen noch finale Abnahme- und Inbetriebnahmeprozesse aus, die alle Gewerke umfassen und sich gegenseitig bedingen.“ Es sei nicht möglich, einzelne Anlagen in Betrieb zu nehmen. Eine Gesamtabnahme sei erforderlich – und wann die stattfinden kann, sei ungewiss.

Auch  Charlottenburger U-Bahnhof Bismarckstraße ist eine Dauerbaustelle

Der S-Bahnhof Warschauer Straße ist kein Einzelfall. Auch im benachbarten Bahnhof Ostkreuz, in dem inzwischen auch Fernzüge halten, fehlen wichtige Einrichtungen. „Die Eröffnung des Empfangsgebäudes Sonntagstraße samt Toiletten ist trotz Versprechungen bisher nicht erfolgt“, berichtet Sven Heinemann. Folge ist, dass anderswo im Bahnhof uriniert wird – was zu riechen ist.

Es gibt auch größere Dauerbaustellen, über die sich Fahrgäste ärgern. Ein Beispiel ist der Charlottenburger U-Bahnhof Bismarckstraße, in dem die U2 die U7 kreuzt. 2015 begann die Sanierung. Lange Zeit ging es nur sehr langsam, manchmal auch gar nicht voran. „Manche Projekte stehen unter keinem guten Stern“, heißt es bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG).

In dem 1978 eröffneten U-Bahnhof war nicht nur der Beton zu sanieren. Die Wandplatten aus Kunstharz und Pressspan mussten ebenfalls weg, weil sie eine gefährliche Brandlast bildeten und sich auflösten. Auch die mit Aluminiumpaneelen abgehängten Decken waren brandschutztechnisch problematisch. Bei Feuer hätten sie den Rauch davon abgehalten, nach oben zu steigen. Doch die vielen Vergabeverfahren zogen das Bauvorhaben in die Länge. Weil der BVG-Aufsichtsrat einen Nachschlag genehmigen musste, gab es weitere Verzögerungen. Außerdem waren Umplanungen erforderlich. Projektleiter wechselten.

Inzwischen hat das Bauvorhaben an Tempo gewonnen. Einige grüne Fliesen hängen schon an den Wänden. Allerdings müssen noch Aufzüge, Nottreppen und Decken eingebaut, Ausgänge und Wände saniert werden. Im Februar wagte die BVG die Prognose, dass die Arbeiten Ende 2021 abgeschlossen werden. Nun nannte das Landesunternehmen ein neues Datum: Ende 2022 – nach heutigem Stand.