Unterwegs zwischen Berlin und Brandenburg. Eine S-Bahn und ein Regionalexpress am Bahnhof Berlin-Ostkreuz. imago/Volker Hohlfeld

Wenn Corona irgendwann vorbei ist, geht das große Pendeln wieder los. Dann werden die Bahnen zwischen Berlin und Brandenburg noch voller sein. Viele Fahrgäste warten darauf, dass sich der Verkehr endlich bessert. Doch darauf müssen sie noch lange warten, wie jetzt bekannt wurde.

Es ist ein gigantische Aufgabe. Damit Fahrgäste schneller und bequemer ans Ziel kommen, sollen in der Hauptstadt-Region 180 Kilometer Strecke sowie fast hundert Bahnhöfe neu errichtet oder ausgebaut werden. I2030: So heißt das gigantische Programm, das Berlin und Brandenburg, der Verkehrsverbund VBB und die Bahn vor Jahren in Angriff genommen haben.

Politikern wie dem Berliner SPD-Abgeordneten Tino Schopf geht es nicht schnell genug voran. „Das Tempo muss erhöht werden.“ Doch die Vorhaben bei der S-Bahn und auf sieben Korridoren sind offenbar so komplex, dass für einige Projekte inzwischen keine Bau- und Fertigstellungstermine mehr genannt werden. Das geht aus einer Antwort des Berliner Verkehrs-Staatssekretärs Ingmar Streese (Grüne) auf eine Anfrage von Schopf hervor. Die noch nicht veröffentlichte parlamentarische Drucksache liegt dem Berliner KURIER vor.

Es beginnt mit der Strecke, die von Berlin-Spandau nach Nauen im Landkreis Havelland führt. Es eine Verbindung, auf der die Regionalzüge besonders gut ausgelastet sind, weil es keine S-Bahn gibt – die Trasse wurde beim Mauerbau 1961 gekappt. Vorgesehen ist unter anderem deren Wiederaufbau nach Falkensee und die Verlängerung nach Finkenkrug. Die Fern- und Regionalbahnstrecke soll viergleisig ausgebaut, der Bahnhof Spandau mit zwei weiteren Bahnsteigkanten ausgestattet werden.

Wichtige Frage immer noch nicht geklärt

Hier werde der Abschluss der Genehmigungsplanung für Ende 2029 avisiert, teilt Staatssekretär Streese mit. Doch wann die Bauarbeiten beginnen und die Fahrgäste schließlich in den Genuss der Verbesserungen kommen, lässt der Senat jetzt offen. „Die Realisierung und Fertigstellung der Ausbaumaßnahmen ist neben dem Abschluss der technischen Planungen weiterhin an die erfolgreiche Sicherung der Baufinanzierung durch den Bund und an die Erteilung der behördlichen Genehmigungen gebunden. Dies erfordert umfangreiche Prozesse, die aktuell keine verbindlichen Festlegungen für Umsetzungstermine zulassen“, teilt Staatssekretär Streese mit. Als sich Schopf im vergangenen Sommer erkundigt hatte, war noch von einer Fertigstellung Mitte/Ende der 30er-Jahre die Rede.

Streeses aktuelle Formulierung findet sich genauso im Abschnitt über die Verbindung von Berlin-Gesundbrunnen über Hennigsdorf nach Velten wieder. Auch für die Route des Prignitz-Expresses ist von „umfangreichen Prozessen“ die Rede, die keine verbindlichen Aussagen über Umsetzungstermine zuließen. Im vergangenen Sommer hieß es noch, dass der Abschnitt zwischen Schönholz und Hennigsdorf Mitte der 30er-Jahre fertig wird, das anschließende Teilstück bis Velten 2031. Selbst das hatte bei Bürgern aus Velten bereits heftige Kritik ausgelöst. Zu diesem Projekt gehört unter anderem die Wiederinbetriebnahme der S-Bahn nach Velten.

Dasselbe gilt für die Stammbahn – die Trasse, die von Berlin über Steglitz und Zehlendorf nach Potsdam führt. Die älteste Bahnstrecke im ehemaligen Preußen (daher der Name) ist seit dem Kriegsende 1945 unterbrochen. Während Anwohner in Kleinmachnow den Wiederaufbau ablehnen, sprechen sich Verbände und Politiker seit Jahren dafür aus. Doch wie der parlamentarischen Drucksache zu entnehmen ist, gibt es immer noch keine Einigung darüber, ob die Verbindung als S-Bahn oder Strecke für den Regionalverkehr reaktiviert wird. „Vor dem Hintergrund des noch offenen Systementscheides kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine Aussage zum Abschluss einer Gesamtplanung für die Stammbahn gemacht werden“, so Streese in seiner Antwort.

Deshalb wären auch für die Stammbahn keine verbindlichen Festlegungen für Umsetzungstermine möglich – wieder die Formulierung von vorhin. „An dieser Stelle kann nur der unverbindliche Ausblick für den Realisierungsbeginn für die Potsdamer Stammbahn bei der Variante S-Bahn im Jahr 2030 und für die Inbetriebnahme Mitte bis Ende der 2030er-Jahre genannt werden“, heißt es. Im vergangenen Sommer war für die Fernbahnvariante noch von einer Fertigstellung Ende der 2030er-Jahre die Rede.

Unglaublich: Ein Projekt soll tatsächlich früher fertig werden

Ende der 30er-Jahre: Das wäre fast 100 Jahre nachdem die Verbindung an der Grenze zur späteren DDR unterbrochen wurde. „Und ein halbes Jahrhundert nach der Öffnung der Mauer“, rechnete der Abgeordnete Schopf vor. „Ein Skandal!“ Besonders ärgert ihn, dass weiterhin ungewiss ist, ob eine S-Bahn- oder eine Trasse für den Regional- und Fernverkehr gebaut wird. „Alles spricht für Letzteres“, so der SPD-Politiker. Doch im Berliner Senat gebe es immer noch Bedenken.

Bei anderen Projekten wird der Senat etwas konkreter. So bekräftigte Staatssekretär Streese, dass die Stammstrecke der Heidekrautbahn zwischen Berlin-Wilhelmsruh, Schildow und Schönwalde bei Basdorf Ende 2024 in Betrieb genommen werden soll. Weil das beauftragte Planungsunternehmen auch wegen Corona nur langsam vorankam, musste die Niederbarnimer Eisenbahn den Fertigstellungstermin um ein Jahr verschieben. Auch hier wird eine Folge der deutschen Teilung, die 1989 endete, beseitigt. Die Verlängerung, die diese Strecke an den Verkehrsknotenpunkt Bahnhof Gesundbrunnen anschließt, könnte 2030 fertig werden, so Ingmar Streese.

Unverändert blieb die Angabe zur Siemensbahn, die seit 1980 brachliegt. Auf der wiederbelebten S-Bahn-Trasse von Jungfernheide nach Gartenfeld, die den geplanten Siemens-Campus erschließt, soll der Betrieb 2029 beginnen. Die Bauarbeiten könnten 2026 starten. Im Bahnhof Jungfernheide entsteht eine dritte Bahnsteigkante.

Ein neuer Termin wird dagegen für ein Projekt südlich von Berlin genannt – für die Verlängerung der S-Bahnlinie S2 über Blankenfelde hinaus nach Rangsdorf. Dieses Vorhaben soll zusammen mit dem dort ebenfalls geplanten Ausbau der Dresdener Bahn fertig werden. „Ziel ist eine gemeinsame Inbetriebnahme von S- und Fernbahn Ende 2028“, teilte Ingmar Streese mit. Das wäre zwei Jahre früher als der Senat noch im vergangenen Sommer avisiert hatte – immerhin eine Verbesserung!

Die Görlitzer Bahn ist ein weiteres Projekt südlich von Berlin. Dort soll der Bahnhof Königs Wusterhausen eine größere Kapazität bekommen. Das zusätzliche Kehrgleis könne zum Fahrplanwechsel im kommenden Dezember in Betrieb genommen werden, teilt der Senat nun mit. Der Umbau des nördlichen Bahnhofsbereiche soll 2025 enden. Der Umbau zwischen Lübbenau und Cottbus, der diesem Abschnitt wieder ein zweites Gleis bescheren wird, werde 2027 abgeschlossen – Ende 2027, wie die Deutsche Bahn an anderer Stelle jetzt präzisierte. Damit schneller gebaut werden kann, werde die Strecke zuvor ein Jahr lang gesperrt. So lange ersetzen Busse die Züge. Vetschau, Cottbus und andere Ort sind dann aus Richtung Berlin nur per Schienenersatzverkehr erreichbar.