Hier gibt es Ticket für Berlin und ganz Brandenburg: Ein Fahrscheinautomat mit dem Logo des Verkehrsverbunds VBB. Foto: imago/ Rüdiger Wölk

Fünf Mal in der Woche ins Büro, in die Werkstatt, in die Fabrik? Das ist bei vielen Berufstätigen schon lange nicht mehr der Fall. Corona hat dazu geführt, dass sich das Arbeitsleben massiv verändert hat – und damit auch der Verkehr. Für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die S-Bahn Berlin GmbH und andere Unternehmen des Nahverkehrs hat das Folgen. Denn immer mehr Berufstätige kündigen ihr Umweltkarten-Abo, weil sie seltener als zuvor zur Arbeit fahren.

Doch die Bahn- und Busbetreiber wollen nicht tatenlos zusehen, wie ihnen Stammkunden verlorengehen. Nach Informationen des Berliner KURIER haben sie ein neues Ticketangebot entworfen, das auf die Bedürfnisse von Teilzeitpendlern zugeschnitten ist. Wer es sich aufs Mobiltelefon lädt, darf innerhalb von 60 Tagen acht-, zwölf- oder 24-mal jeweils 24 Stunden lang den Nahverkehr nutzen – und spart viel Geld. Wenn es für den Vorschlag im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) grünes Licht gibt, könnte das digitale Homeoffice-Ticket noch im Sommer starten. „Es wird für viele Arbeitnehmer sehr interessant sein“, sagt ein Beteiligter.

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Im Dezember hatte VBB-Chefin Susanne Henckel mitgeteilt, dass an neuen Tarifangeboten für die Fahrgäste gefeilt wird. Notwendig wären „Tickets, die auf die neue Situation zugeschnitten sind und flexibel genutzt werden können“, kündigte sie im Interview mit dem Berliner KURIER an. „Wir müssen etwas dafür tun, dass uns Kunden langfristig erhalten bleiben.“

Mit dem Teilzeitpendler-Ticket liegt nun ein erster konkreter Vorschlag auf dem Tisch. Er wurde in der vergangenen Woche im VBB-Beirat der Verkehrsunternehmen unter dem Vorbehalt beschlossen, dass ausstehende Fragen geklärt werden. Im Land Brandenburg gibt es noch Bedenken, weil befürchtet wird, dass das auf Berlin zugeschnittene Konzept dort Begehrlichkeiten bei Fahrgästen weckt.

So sieht die Preisliste aus

Dem Vorschlag zufolge soll das neue Homeoffice-Ticket nur per App als Handyticket und nur für den Tarifbereich Berlin AB, der das Berliner Stadtgebiet umfasst, verkauft werden. Die Kunden können wählen – je nachdem, wie oft sie innerhalb von 60 Kalendertagen unterwegs sein wollen. Jedes Mal gilt die Fahrtberechtigung 24 Stunden. So lange dürfen die Ticketbesitzer alle Bahnen und Busse des Berliner Nahverkehrs nutzen, so oft sie wollen und ohne jedes Mal einen Fahrschein lösen zu müssen.

So sieht die Preisliste derzeit aus: Wer innerhalb des 60-Tage-Zeitraums acht Fahrtberechtigungen benötigt, soll 44 Euro zahlen. Ein Zwölfer-Kontingent würde 56,40 Euro kosten. Für 20 Tageskontingente sollen 88 Euro fällig werden. Im Vergleich zur regulären 24-Stunden-Karte für Berlin, die 8,80 Euro kostet, sparen die Kunden Geld. Im Fall des größten Kontingents summiert sich die Ersparnis auf beachtliche 50 Prozent.

Wenn sich die Unstimmigkeiten mit Brandenburg beseitigen lassen, könnte der Verkauf in Berlin zum 1. August 2021 beginnen. Das neue flexible sei als „digitales Produkt genau auf die Zielgruppe zugeschnitten“, heißt es. Wer im Homeoffice arbeite, verfüge über Handy und Computer. Falls gewünscht wäre es möglich, die Größe der Kontingente zu ändern sowie weitere Tarifstufen und Geltungsbereiche aufzunehmen.

Ziel sei es, das Ticket später zu einem höheren Preis auch analog in Papierform anzubieten – für Kunden ohne Smartphone. Doch dafür müssten erst einmal die Voraussetzungen geschaffen werden. Als digitales Pilotprojekt wäre die Neuerung „schnell umsetzbar“. Das sei besonders wichtig, hieß es.

Warum die Berliner Unternehmen aufs Tempo drücken, wird klar, wenn man sich die Entwicklung bei den Abos anschaut. Sie zeigt, dass sich bei einem der bislang ertragreichsten Angebote die Erosion zum Ende des ersten Coronajahrs 2020 hin beschleunigt hat.

Von „rapide sinkenden Abonnementzahlen“ insbesondere in Berlin und Umland ist die Rede, rund zehn Prozent der Stammkunden gingen seit Beginn der Pandemie verloren. Es bestehe „Handlungsdruck als Reaktion auf die Marktsituation“. Jetzige Kunden müssten gehalten, frühere zurückgewonnen werden.

Das vorgeschlagene neue Ticket sei für die Verkehrsbetriebe in Berlin „wirtschaftlich essentiell“, hieß es. Doch auch anderswo sinken die Abo-Einnahmen. Lagen sie im gesamten Verbundgebiet im Oktober um 1,38 Prozent unter dem Niveau des Vorjahresmonats, betrug die Differenz im November schon 2,52 Prozent und im Dezember 3,96 Prozent.

Kommt auch eine Zehn-Fahrten-Karte?

Wären weitere neue Ticketangebote sinnvoll? Dem Vernehmen nach wird über Rabattkarten für den Nahverkehr diskutiert, mit denen Tickets zu einem ermäßigten Preis gekauft werden dürfen – ähnlich wie bei der Bahncard. Da die Homeoffice-Karte aber Vorrang hat, wurde dieses Vorhaben erst einmal zurückgestellt.

Wie berichtet wird auch über eine Zehn-Fahrten-Karte debattiert. Doch während es in der rot-rot-grünen Koalition in Berlin Sympathien gibt, überwiegt bei den Verkehrsbetrieben die Skepsis. Dieses Tarifmodell wurde nach Vergleich der Konditionen verworfen, hieß es jetzt. Es bestünde kaum Spielraum für die Preisgestaltung, weil Vier-Fahrten-Karten, die es bereits gibt, schon stark rabattiert wären, so der VBB-Beirat. Zudem würde eine Zehn-Fahrten-Karte anders als 24-Stunden-Tickets nicht zu mehr Fahrten anregen. Für die jetzige Tarifrunde sei die Zehn-Fahrten-Karte „abmoderiert“.